Berliner „Spätgotik“-Schau feiert Kunstzentrum am Oberrhein

Baden-Baden (cl) – Der Bildhauer des Baden-Badener Stiftskirchen-Kruzifixes gehört zu den Kunststars der neuen Berliner „Spätgotik“-Schau – gefeiert wird auch das frühe Kunstzentrum am Oberrhein.

Berühmte Skulptur in berühmter Pose: Niclas Gerhaert von Leydens „Büste eines Mannes“ (um 1463) aus der Straßburger Sammlung ist in Berlin zu sehen.  Foto: Straßburg, Musée de l’Œuvre Notre-Dame

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Berühmte Skulptur in berühmter Pose: Niclas Gerhaert von Leydens „Büste eines Mannes“ (um 1463) aus der Straßburger Sammlung ist in Berlin zu sehen. Foto: Straßburg, Musée de l’Œuvre Notre-Dame

Das 15. Jahrhundert war eine Umbruchzeit mit rasanten Erneuerungen in der Kunst und der Entwicklung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern – was zur Folge hatte, dass Gedrucktes weit verbreitet werden konnte. Ein neues Selbstbewusstsein entstand unter den Künstlern, deren Namen sich zuvor eher in der Anonymität verloren haben, auch sie vervielfältigten und verbreiteten ihre Werke. Ein Gefühl für Eigenständigkeit entstand, für Markenprodukte in der Kunst und ein Bewusstsein für das, was an anderen Orten in Malerei, Bildhauerei und im neuen Trend des Kupferstichs passierte. Bis heute fasziniert die Kunst dieses Jahrhunderts, weil sie eine zutiefst menschliche ist, voller Widersprüche, Gegensätze und Emotionen.

Die neue Berliner Ausstellung „Spätgotik. Aufbruch in die Neuzeit“ mit rund 130 Leihgaben und zentralen Werken aus den Beständen der Staatlichen Museen der Hauptstadt stellt die tiefgreifenden Veränderungen dieser Phase dar, die in die Kunst der Renaissance und deren Wiederbelebung antiker Formensprache mündete. Zu sehen ist die Schau bis 5. September in der Gemäldegalerie am Kulturforum, gleich vis à vis der Philharmonie. Sie versammelt die besten Künstler des 15. Jahrhunderts im deutschsprachigen Raum, aus der letzten Phase mittelalterlicher Kunst von 1430 bis 1500. Im Dialog von Malerei, Skulptur und Druckgrafik zeigt die Berliner Schau Werke aus den Kunstzentren am Oberrhein, Straßburg, Colmar mit Martin Schongauer sowie um den in Basel wirkenden Konrad Witz, aus den Zentren am Mittelrhein, in Köln, Ulm und von Albrecht Dürer in Nürnberg. Am Oberrhein sind die Künste des Spätmittelalters zu besonderer Blüte gereift; auch Dürer machte sich nach Straßburg auf. Die Kunst der Spätgotik in ihrer Vielfalt zu beleuchten, ist weltweit nur ganz wenigen großen Museumssammlungen möglich. Von den Museen am Oberrhein, zwischen Karlsruhe, Straßburg und Basel, kommen deshalb viele Leihgaben.

Star unter den Bildhauern war Niclas Gerhaert van Leyden. Seine Büste eines Mannes, um 1463 aus rötlichem Kalksandstein entstanden, ist aus der Straßburger Sammlung nach Berlin gegangen. Sein sinnierender Mann ist vielleicht der erste Melancholiker der Kunstgeschichte – fast lebensecht ist der Kopf dieser männlichen Halbfigur auf sein Kinn gestützt, eine Geste des Nachdenkens, die bis heute sinnbildlich ist. Niclas Gerhaert war vermutlich Niederländer, um 1460/62 eröffnete er eine Werkstatt in Straßburg – und wurde dort einer der einflussreichsten Bildhauer im süddeutschen Raum. Als besonderes Beispiel für sein künstlerisches Wirken gilt das 1467 entstandene Kruzifix in der Stiftskirche von Baden-Baden aus rötlichem Vogesensandstein. Mit dem kraftvollen, differenziert gestalteten Körper und dem sensibel modellierten Gesicht war es vorbildlich für die Kruzifixgestaltung der oberrheinischen Skulptur. Gerhaerts geschnitzte „Dangolsheimer Madonna“ (1463) haben die Berliner aus der eigenen Sammlung hinzugegeben.

Karlsruher Passion mit sieben Tafeln in Berlin

Ein hervorragender Bestand an spätmittelalterlicher Kunst besitzt auch die Staatliche Kunsthalle Karlsruhe – von dort ist die Karlsruher Passion in ihrer Gänze, mit sieben Tafeln, von denen eine wiederum dem Kölner Wallraf-Richartz-Museum gehört, nach Berlin ausgeliehen worden. Wie die Kuratoren der Staatlichen Museen Berlin, Stephan Kemperdick und Julien Chapuis, erklären, handele es sich bei dem Künstler des Passions-Zyklusses vermutlich um den Straßburger Hans Hirtz. In seinem Hauptwerk habe er, so Chapuis, um 1450/55 die niederländischen Künstler, die damals tonangebend in der Darstellung menschlicher Figuren waren, an Dramatik noch übertroffen: mit den verknäulten Menschenmassen etwa auf der Tafel der „Gefangennahme“, mit glänzenden Rüstungen und Details wie der echt wirkenden Fliege auf der Stirn einer Figur.

Das Interesse an der Darstellung der sichtbaren Umwelt und das Bemühen um eine wirklichkeitsnahe Abbildung durchzog die bildende Kunst im Spätmittelalter. Der Mensch als Individuum sollte die Kunst des 15. Jahrhunderts prägen, was anhand der ersten eigenständigen Porträts der deutschen Kunst auch in der Ausstellung zu sehen ist. Das neuerwachte Interesse an der Darstellung des menschlichen Körpers beeinflusste nicht nur die Bildhauerei Gerhaerts, sondern auch die Malerei Dürers; sein „Schmerzensmann“ ist eine weitere Karlsruher Zugabe.

Jan van Eyck perfektionierte vor 600 Jahren die Ölmalerei auf dem Genter Altar

Die Neuerungen waren inspiriert von den Niederländern, von Jan van Eycks fast 600 Jahre altem Genter Alter, dessen Meisterwerk noch bis Ende Juni ein Festjahr in Gent gewidmet ist. Van Eyck perfektionierte die Ölmalerei. Gelangte mit seiner herausragenden Beobachtungsgabe und seinen naturwissenschaftlichen Kenntnissen als Erster in der Malerei nördlich der Alpen zu einem Realismus mit unglaublichen Licht- und Tiefeneffekten. Der aus Meersburg stammende, in Köln wirkende Künstler Stefan Lochner hat die Kunstkniffe van Eycks gleich 1435 nachvollzogen – auf seinen Altarbildern mit den Martyrien der Apostel.

Mit der Erfindung der Drucktechnik kam das Bewusstsein der Künstler für das, was an anderen Orten entwickelt wurde zu einer ungeahnten Verbreitung. Vor allem der Kupferstecher Martin Schongauer aus Colmar nahm Einfluss auf die Entwicklung der Künste in ganz Europa; seine in Berlin ausgestellten Druckgrafiken wie die liebliche, zutiefst menschlich dargestellte „Madonna mit der Nelke“ und dem Kind auf dem Schoß fanden seinerzeit bis Portugal und ins Baltikum Verbreitung.

Die Innovationen dieser Zeit prägen unser Bild- und Kunstverständnis bis heute, und das Porträt wurde zur autonomen Bildgattung. Zusammen mit dem Bildschnitzer und Bildhauer Tilman Riemenschneider, der auch sein Handwerk in Straßburg erlernte, bildet Albrecht Dürer den Schlusspunkt der Schau am Übergang zur Renaissance um 1500 – als sein berühmtes Selbstbildnis als Christus entstand.

Ihr Autor

BT-Redakteurin Christiane Lenhardt

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Erstellt:
31. Mai 2021, 20:00 Uhr
Lesedauer:
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