Berühmte Verlierer: Eine Ode ans Scheitern

Baden-Baden (moe) – Von Tasmania Berlin bis „Eddie the Eagle“: Die BT-Sportkolumne widmet sich einigen der größten und berühmtesten Verlierer.

Axel Schulz (rechts) boxt gegen George Foreman den Kampf seines Lebens. Gegen das Renommee des Altmeisters – oder besser gesagt gegen die Kampfrichter – hat er letztlich aber keine Chance.Foto: Rehder/dpa

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Axel Schulz (rechts) boxt gegen George Foreman den Kampf seines Lebens. Gegen das Renommee des Altmeisters – oder besser gesagt gegen die Kampfrichter – hat er letztlich aber keine Chance.Foto: Rehder/dpa

Wahrscheinlich kein Bereich unseres gesellschaftlichen Miteinanders steht sinnbildlicher für den Leistungsbrutalismus unserer Zeit als der Sport. Nirgendwo sonst hat das geflügelte Wort vom Zweiten als ersten Verlierer derart viel Luft unter den Schwingen. In ganz vielen Fällen ist die Fokussierung genauso schade wie unverständlich, schließlich ist das Schwächeln systemimmanent. Ohne die Tragik des Verlierens würde der Scheinwerfer des Triumphs nur halb so hell leuchten. Es ist daher höchste Zeit, einige Zweitplatzierte ins rechte Licht zu rücken, sozusagen eine Ode ans Scheitern.

Besonders nachhaltig ist es, wenn man sich als Sportler oder Mannschaft in die Rekordbücher verliert. Auf bemerkenswerte Weise ist das einst den Kickern von Tasmania Berlin gelungen. In der Saison 1965/66 gelangen dem Hauptstadtclub lediglich zwei Siege, mit 15:108 Toren und 8:60 Punkten belegte Tasmania den letzten Platz und ist bis heute das erfolgloseste Team in der Geschichte der Fußball-Bundesliga. Dabei hatte doch alles so verheißungsvoll begonnen: Beim Saisonauftakt gewann Tasmania mit 2:0 – gegen den Karlsruher SC.

Schlechtester Club der Welt

Aber es geht noch schlechter: Was das Verlieren angeht, haben die Fußballer des Ibis Sport Club das Spiel auf ein ganz neues Level gehievt. Das hat der Verein aus Brasilien übrigens auch schriftlich. Die Rekordstöberer des Guinness-Verlags sind mit der ihnen eigenen Akribie auf die Suche gegangen und haben bemerkenswerten Dilettantismus zutage gefördert: 62 eigene Tore – in einigen Publikationen ist gar von 65 Treffern zu lesen – haben die Ballstreichler vom Zuckerhut zustandegebracht. In 70 Jahren wohlgemerkt. Bereits 2008 wurde dem Club aus Paulista im Bundesstaat Pernambuco für diese Bilanz der Titel als „schlechteste Fußballmannschaft der Welt“ verliehen. Wie einst Bayer Leverkusen – Stichwort Vizekusen – haben die Brasilianer den Marketingeffekt des Slogans entdeckt: Und so prangen die Worte „Pior Time do Mundo“ auf den rot-schwarzen Trikots der Ibisse.

Es braucht freilich nicht immer ein ganzes Team, um grandios zu scheitern, Andrea de Cesaris hat das ganz alleine geschafft. Von 1980 bis 1994 absolvierte der Italiener 208 Rennen in der Formel 1, nie konnte er auch nur eines davon gewinnen. Das ist allerdings nicht der einzige zweifelhafte Rekord, den der Bruchpilot innehat: 1987 blieb der Mann mit dem paradoxerweise nach maximalem Triumph klingenden Namen in 15 von insgesamt 16 Rennen vor der finalen Flagge stehen. Fast noch kurioser: de Cesaris hält auch den Rekord für die meisten Ausfälle vor dem Start eines Rennens.

Es gibt noch eine ganze Reihe weiterer Sportler, die überhaupt nur berühmt geworden sind, weil sie an entscheidender Stelle nicht gewonnen haben. Der aus deutscher Sicht wohl prominenteste ist Axel Schulz, der noch heute – sage und schreibe 25 Jahre nach dem niederschlagenden Skandal-Urteil zugunsten von George Foreman – von ebendieser WM-Niederlage lebt. Und das ziemlich gut sogar. „Dieser Kampf hat mein ganzes Leben völlig verändert. Und danach ging es richtig ab, es war nicht mal Zeit für Urlaub“, tat Schulz jüngst kund. In den Morgenstunden des 23. April boxte Schulz in Las Vegas, dem Mekka der fliegenden Fäuste, gegen den 20 Jahre älteren Foreman den Kampf seines Lebens – verlor aber mit 2:1 nach Punkten, eine skandalöse Entscheidung. Gefeiert wurde der heute 51-Jährige aber wie ein Weltmeister. Den Grund dafür weiß das Kraftpaket aus Frankfurt an der Oder selbst ganz treffend einzuschätzen: „Ich kam als Betrogener und nicht als Verlierer nach Hause.“

Häme, Mitleid – aber auch Sympathien

International noch bekannter als Schulz, der – so behaupten es böse Zungen – nach seiner aktiven Zeit als Medienmensch und Grillunternehmer erfolgreicher war denn als Boxer, ist Michael Edwards. Wobei den Briten unter diesem, seinem bürgerlichen Namen kaum jemand kennt, sondern eher als „Eddie the Eagle“. Der Adler von der Insel hat reihenweise britische Rekorde als Skispringer aufgestellt – was nicht weiter schwer war, denn Eddie war der einzige seiner Art. Das wiederum ließ ihn bei den Olympischen Spielen 1988 in Calgary abheben – und ganz schnell wieder abstürzen. Sowohl auf der Normal- als auch auf der Großchance wurde der Mann mit der Panzerglas-Brille Letzter. Immerhin: Die Geschichte des drolligen Briten wurde vor einigen Jahren verfilmt. Unter anderem diese Tatsache spricht dafür, dass Verlierertypen nicht zwangsweise Häme oder Mitleid zufliegen, sondern mitunter große Sympathien.

Geflogen ist auch Jürgen Hingsen – und zwar aus dem Wettbewerb. Einem ziemlich wichtigen obendrein und fatalerweise auch ziemlich früh. Bei Olympia 1988 im koreanischen Seoul brachte es der Zehnkampfer das Kunststück fertig, beim 100-Meter-Lauf – der ersten von zehn Disziplinen – drei Fehlstarts zu fabrizieren. Kein Wunder, dass sich Hingsen selbst als „Depp der Nation“ bezeichnete. Insgesamt war der heute 62-Jährige nicht der klassische Verlierertyp, verbesserte er doch zweimal den Weltrekord. In der öffentlichen Wahrnehmung galt er dennoch als der geborene Zweite, weil er es Zeit seiner Karriere nie schaffte, den damals dominierenden britischen Zehnkämpfer Daley Thompsen im direkten Wettkampf zu besiegen.

Ganz ähnlich erging es übrigens Raymond Poulidor. Achtmal stand der Radrennfahrer bei der Tour de France auf dem Treppchen – aber nie ganz oben. Trotzdem war der Franzose bei seinen Landsleuten deutlich populärer als Jacques Anquetil, dem er ständig unterlag. In die gleiche Verlierer-Kategorie passt Kevin Curren, der es nur zu einer gewissen Berühmtheit brachte, weil andere erfolgreicher waren. 1985 spielte der Südafrikaner in Wimbledon das Tennisturnier seines Lebens, zog souverän ins Finale ein. Geläufig ist sein Name heutzutage allerdings nur noch, weil er selbiges gegen eine deutschen Nobody Namens Boris Becker verlor.

Wer lebt, scheitert. Wer Sport treibt, erst recht. Das ist kein Tabu, sondern Teil des Spiels: ohne Verlierer keine Sieger.

Drolliger Brite mit Panzerglas-Brille: Michael „Eddie“ Edwards. Foto: Bjorkman/Lehtikuva/dpa

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Drolliger Brite mit Panzerglas-Brille: Michael „Eddie“ Edwards. Foto: Bjorkman/Lehtikuva/dpa

Zu früh dran – aber am Ende meist nur Zweiter: Jürgen Hingsen 1988 bei einem seiner drei Fehlstarts. Foto: dpa

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Zu früh dran – aber am Ende meist nur Zweiter: Jürgen Hingsen 1988 bei einem seiner drei Fehlstarts. Foto: dpa


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