Berührende Erinnerungen

Baden-Baden (nl) – Senta Berger und der Tölzer Knabenchor ergänzen sich im Festspielhaus ideal.

Michael Hofstetter dirigiert den Knabenchor beim Adventskonzert mit erkennbarer Begeisterung und gewohnter Präzision. Foto: Michael Gregonowits

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Michael Hofstetter dirigiert den Knabenchor beim Adventskonzert mit erkennbarer Begeisterung und gewohnter Präzision. Foto: Michael Gregonowits

Wer auf der Suche nach Weihnachtsstimmung ist, hat es dieses Jahr nicht leicht. Weihnachtsmärkte geschlossen, Konzerte abgesagt – und wenn eines doch stattfindet, kann es einem passieren, dass der Veranstalter anruft und die gekaufte Karte stornieren muss, weil höchstens 750 Zuschauer in den Saal dürfen. So konnten längst nicht alle, die das wollten, die „Europäische Weihnacht“ mit Senta Berger und dem Tölzer Knabenchor im Festspielhaus Baden-Baden genießen. Diese politische Vorgabe führte dazu, dass Berger völlig überrascht nach der Pause sah, dass sogar oben in den Rängen noch Publikum saß. So viel Sicherheitsabstand mit Maske findet man in keinem Supermarkt.

Für die 750 Glücklichen wurde es dann wirklich weihnachtlich. Berger, Jahrgang 1941, erzählte mit ihrer warmen Stimme lebhaft und anschaulich von den Weihnachtsfesten ihrer Kindheit im Wien der Nachkriegszeit. Bergers Mutter zauberte mit viel Fantasie und wenigen Mitteln unvergessliche Weihnachten. Eine Feder auf dem Fensterbrett zeigte an, dass das Christkind gerade eben da gewesen ist, und der Stern aus einer Serviette am Fensterrahmen wurde vom Wind dorthin geweht. Aus Kleinigkeiten wurde der Weihnachtszauber gewirkt. Man konnte das alles vor dem inneren Auge sehen, ebenso wie den Besuch des gefürchteten Nikolaus. Die Großfamilie mit allen Cousins und Cousinen saß in der Küche versammelt, wenn der Nikolaus mit dem kettenschwingenden Krampus im Gefolge kam, die Verfehlungen der Kinder vorlas und keineswegs nur Süßigkeiten verteilte. Bis die kleine Senta die Hausschuhe der Nachbarin unter dem Nikolausgewand erspähte…

Schauspielerin Senta Berger erzählt von ihrer Kindheit. Foto: Michael Gregonowits

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Schauspielerin Senta Berger erzählt von ihrer Kindheit. Foto: Michael Gregonowits

Aus den ausgewählten literarischen Weihnachtsgeschichten machte Berger als leidenschaftliche Schauspielerin lebendige Szenen. Man war gerührt ob des Hinscheidens des geläuterten eigensüchtigen Riesen in Oscar Wildes gleichnamiger Geschichte. Und man lächelte, als Berger mit dem genau richtigen Tonfall humorvoll von dem zutiefst gekränkten kleinen Pelle erzählte, in Astrid Lindgrens „Pelle zieht aus“. Aber die persönlichen Erinnerungen der Schauspielerin an die Weihnachten früher und an ihre lebenskluge Mutter waren doch die berührendsten Beiträge des Abends. Man spürte, wie sehr Berger Weihnachten am Herzen liegt.

Völlige Konzentration auf den Dirigenten

Seit Jahren ist sie in der Adventszeit mit dem Tölzer Knabenchor unterwegs. Die Texte und die ausgewählten Weihnachtslieder ergänzen sich ideal. Und der neue künstlerische Leiter des renommierten Chores ist für Fans der Karlsruher Händel-Festspiele ein guter alter Bekannter: Michael Hofstetter dirigierte mit erkennbarer Begeisterung und gewohnter Präzision die Jungen und jungen Männer, denn auch die aus dem Knabenchor heraus gewachsenen Männerstimmen waren dabei. In den A-cappella-Gesängen wie „Maria durch ein Dornwald ging“ kam die Reinheit der Knabenstimmen wunderbar zur Geltung. Die Kinder sangen auswendig und waren völlig auf den Dirigenten konzentriert. Gerade bei schnellen Tempi trug das zum transparenten Klangbild und der deutlichen Aussprache bei. Ebenso klangschön, geschliffen und differenziert sang der Männerchor.

Die Auswahl der Weihnachtslieder reichte von Italien bis Finnland. Clemens Haudum, zuständig für den Männerchor, hat zu vielen Liedern ein stimmungsvolles Arrangement gesetzt und geschickt für die Begleitung mit Klavier oder Akkordeon gesorgt. Perfekte Harfenklänge steuerte Theresa Förg bei. Vom zart gesungenen Wiegenlied bis zu kraftvollen, fast schon modernen Klängen reichte die musikalische Palette. Dabei erwiesen sich die nordischen Lieder als echte Entdeckung. Tänzerischen Schwung verliehen Hofstetter und die Tölzer Knaben- und Männerstimmen den traditionellen Weihnachtsliedern aus Großbritannien und Frankreich. Klangschön gesungene Chorsoli gaben den Gesängen aus dem alpenländischen Raum ihren besonderen Charme. Das Tüpfelchen aufs i setzte der Tölzer Knabenchor mit der Zugabe, dem bekannten Andachtsjodler. Mit der festlichen Soirée wurde das Publikum erfolgreich in Weihnachtsstimmung versetzt.


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