Berührendes Buch zum Thema Organspende

Von Daniel Melcher

Rastatt (dm) – Doris Buhlinger hat einst ihrem Sohn Frederic Fritz eine Niere gespendet. Das von ihm begonnene Buch über die Organspende hat die Mutter nach dem Tod ihres Sohnes nun vollendet.

Berührendes Buch zum Thema Organspende

Jahrelang hatte Frederic Fritz vergeblich auf ein postmortales Spenderorgan gewartet. Fünf Jahre, nachdem ihm schließlich seine Mutter eine Niere gespendet hatte, starb er. Foto: Melcher

„Wie meine Mutter mir zum zweiten Mal das Leben schenkte“: So lautete der Titel eines Manuskripts, an dem Frederic Fritz im Alter von 40 Jahren zu schreiben begann. Damals, zehn Jahre ist das nun her, hatte ihm seine Mutter Doris Buhlinger eine Niere gespendet. Aufzuzeigen, wie schmerzhaft es ist, wenn man jahrelang auf ein Organ warten muss und für das Thema Organspende zu sensibilisieren: Unter anderem darum sollte es gehen in seinem Buch. Die Mutter hat es nun zu Ende geschrieben; fünf Jahre, nachdem „Freddy“ dann doch starb, ist es veröffentlicht worden.Damit löst die Steinmauernerin ein Versprechen ein, das ihr Sohn ihr noch abgenommen hatte. „Die Hoffnung stirbt zuletzt“, lautet der Titel jetzt. Es ist ein Buch geworden, das berührt und durch die direkte Art trifft, mit der der inzwischen Verstorbene und seine Mutter den Leser ansprechen und Einblicke ins Innenleben zweier selbst Betroffener geben.

Es habe sie sehr viel Kraft gekostet, ihr Versprechen einzulösen, gesteht Doris Buhlinger. Denn es geht auch um Verlust. Wann ist die Zeit gekommen, von einem Kind endgültig Abschied zu nehmen? „Ich glaube, für eine Mutter wird es diesen Zeitpunkt niemals geben“, schreibt sie. 45 Jahre ist Frederic geworden. Letztlich soll das Buch zeigen, wie wichtig es ist, mit dem eigenen Leben und der Gesundheit sorgsam umzugehen – und es soll die Bereitschaft zur Organspende erhöhen. Wie viele andere hatte „Freddy“ vergeblich auf den erlösenden Anruf gewartet, dass eine geeignete, postmortale Spenderniere gefunden worden wäre. Die Lebendspende der Mutter war schließlich die einzige Chance, ihm das Leben zu retten.

36 Jahre währende Krankheitsgeschichte

Das Buch erzählt in drei Teilen auf 86 Seiten „vom Leben und Sterben“ des Frederic Fritz. Am Anfang stehen seine Aufzeichnungen, in der Mitte die Fortführung der Mutter, am Ende das Thema Organspende generell.

Im Alter von neun Jahren fängt die Krankheitsgeschichte an. Diagnose: schwere Niereninfektion. Jahre später ein Zusammenbruch bei der Arbeit, zu 80 Prozent schwerbehindert, „degradiert zum Hartz-IV-Empfänger“, so Fritz. „Es blieb mir also nicht anderes übrig. Ich ging ins Dialysezentrum und ließ mir einen Termin geben. So schwer mir dies auch fiel“ – mit diesem Satz bricht sein Tagebuch ab, von den folgenden Kapiteln, die er noch verfassen wollte, hat er nur die Arbeitstitel hinterlassen. Hier setzt Doris Buhlinger an. Vor der Dialyse habe „Freddy“ immer schreckliche Angst gehabt. Von Beginn an sei er für eine Transplantation angemeldet gewesen. Aufgrund seiner seltenen Blutgruppe – null negativ – „war uns klar, dass die Aussichten gering waren“. Sie schildert, wie es letztlich zu ihrer Transplantation kam, trotz unterschiedlicher Blutgruppen, eine zuvor „undenkbare“ Situation, die dann am 15. September 2010 wahr wird. „Für Freddy und mich hatte ein neues Leben begonnen“, blickt sie zurück; das BT berichtete mehrfach über den Vorgang, der schließlich bundesweit Beachtung fand aufgrund seiner seltenen Konstellation und des Umstands, dass die Steinmauernerin die erste Lebendspenderin in Deutschland war, der die Niere zur Transplantation mit dem Roboter-assistierten System „da Vinci“ entnommen wurde.

Und danach? „Eine Zeit lang ist es gut gegangen, aber eben nur eine Zeit lang“, so Doris Buhlinger. Der Beginn vom Ende kam nach einem Schlachtfest, bei dem „Freddy“ kein Außenseiter sein wollte. Schmerzen folgten, er nahm Ibuprofen dagegen – und sein Körper fing an, die Niere abzustoßen. „Von da an ging es nur noch bergab.“ Fragen bleiben. Könnte er noch leben? Ja, sagt der Arzt, wenn er sich an die ärztlichen Ratschläge gehalten hätte. War die Spende der eigenen Niere dennoch richtig, war es das wert? „Ich denke, ja“, bekräftigt Doris Buhlinger.

„Zu viele Menschen warten auf ein Organ“

„Zu viele Menschen warten auf ein Organ“, betont sie. Und: „Alle acht Stunden stirbt ein Mensch, weil kein passendes Organ gefunden werden kann“, zitiert sie den ehemaligen Gesundheitsminister Hermann Gröhe. Dass sich der aktuelle, Jens Spahn, nicht damit durchsetzen konnte, jeden in Deutschland nach seinem Tod zum potenziellen Organspender zu erklären, wenn er zeitlebens nicht widersprochen hat, bedauert sie.

Niemand, der es nicht selbst erlebt hat, könne sich die Zeit bis zur Transplantation vorstellen. „Es ist eine Zeit des Wartens, des Wartens auf die Spende oder den Tod, eine Zeit der Hoffnung und Verzweiflung und vor allem eine Zeit der Hilflosigkeit.“ Dabei könne ein plötzlicher Organausfall jeden treffen, warnt sie. Ihre Hoffnung: Dass sich mehr Menschen zur Organspende bekennen.

In der „Wortwerke“-Buchhandlung in der Lyzeumstraße Rastatt, wo das Buch nun erhältlich ist, liegt daher direkt ein Organspendeausweis bei.