Besonderer „Feuervogel“: Karlsruher Ballettchefin im BT-Interview

Karlsruhe (cl) – „Feuervogel“ mit „Film-noir-Charakter“: Die Online-Ballett-Premiere am Samstag ist der Karlsruher Ballettchefin Bridget Breiner sehr wichtig. „Wir wollen dem Publikum etwas bieten.“

Für den Herbst will die Karlsruher Ballettchefin Bridget Breiner selbst ein leichtes Handlungsballett choreografieren, das unter Corona-Vorzeichen aufführbar ist.  Foto: Sebastien Galtier/Staatsballett

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Für den Herbst will die Karlsruher Ballettchefin Bridget Breiner selbst ein leichtes Handlungsballett choreografieren, das unter Corona-Vorzeichen aufführbar ist. Foto: Sebastien Galtier/Staatsballett

Die Corona-Krise hat den Start von Bridget Breiner als Direktorin des Badischen Staatsballetts in Karlsruhe verhagelt. Nur eine halbe Auftaktsaison mit ihrem Ballettabend „Seid Umschlungen“ und einem Märchenballett war ihr vergönnt. So richtig präsentieren konnten sich die US-amerikanische Choreografin und frühere Primaballerina des Stuttgarter Balletts, die im September 2019 die Nachfolge von Birgit Keil als Staatsballett-Chefin antrat, und die neu zusammengestellte Karlsruher Compagnie nicht – aber das vergisst sie manchmal. „Wir sind jetzt schon fast zwei Jahre zusammen, die Corona-Zeit hat uns zusammengeschweißt, aus der Not, aus dem Homeoffice heraus“, sagt Bridget Breiner im Interview mit BT-Redakteurin Christiane Lenhardt.

Am morgigen Samstag führt das Badische Staatstheater immerhin die lange verschobene Premiere des „Feuervogel“-Balletts in einer modernen Fassung von Jeroen Verbruggen als Live-Stream aus dem Karlsruher Opernhaus auf.

BT: Frau Breiner, das historische „Feuervogel“-Ballett ist ein richtungsweisendes Meisterwerk der Ballets Russes von 1910, es war zur Entstehungszeit ganz modern und sehr effektvoll. Nimmt der „Feuervogel“ von Jeroen Verbruggen Bezug auf die Vorlage?

Bridget Breiner: Jeroen Verbruggen ist der Idee der Fantasy-Geschichte treu geblieben, aber er hat sie in ein moderneres Setting gesetzt. Der Feuervogel ist ein Starlet, die Prinzessin eine Ensemble-Tänzerin in einem Club. Das Ballett hat Film-noir-Charakter. Aber die Rollen des Originals sind erkennbar, die Musik von Strawinsky sorgt ohnehin für Wiedererkennung. Es ist ein sehr besonderer Blick auf den „Feuervogel“.

BT: Eigentlich war die Premiere schon längst im Opernhaus geplant.
Breiner: Dieser Abend sollte ursprünglich mit großem Orchester stattfinden. Der ganze dritte Akt von Tschaikowskys „Dornröschen“-Ballett sollte vorangestellt sein, mit Tutus und sehr klassisch. Nach der Pause wäre dann der „Feuervogel“ mit Orchester gefolgt. Als wir im August bemerkt haben – Orchester geht nicht, Partnertänze können wir nicht machen, viele Leute auf der Bühne sind auch nicht erlaubt –, da haben wir im Herbst beschlossen, uns „Auroras Hochzeit“ aus dem „Dornröschen“ für eine spätere Zeit aufzuheben. Irgendwann, wenn es möglich ist, werden wir das tänzerische und musikalische Highlight zusammen mit dem „Feuervogel“ auf die Bühne bringen. Jeroen Verbruggen hat sich schon im vergangenen Herbst bereit erklärt, seine Choreografie unter der Corona-Situation zu kreieren. Dazu habe ich mir den neuen Prolog „Verzaubert“ ausgedacht. Alles noch gedacht für eine Premiere im vergangenen November, dann kam bekanntlich der zweite Lockdown. Jetzt haben wir die Online-Premiere im April – und es ist wieder ein bisschen anders.

Moderner „Feuervogel“ mit Film-noir-Charakter

BT: Was hat sich geändert?
Breiner: Jetzt können wir uns dank eines Testkonzepts am Theater beim Tanzen ein bisschen normaler annähern. Wir hatten uns im November darauf vorbereitet, den „Feuervogel“ in Masken zu tanzen. Nun müssen die Tänzer keine Masken tragen. Der Abend ist aber nach wie vor ohne Pas de deux. Das hat aber nur den Grund, dass es so kreiert war. Wenn wir jetzt noch einmal alles anfassen, macht das keinen Sinn mehr. Wir haben aber die Freiheit, uns ein bisschen näher zu kommen, um die Geschichte zu erzählen. Das ist schon ein großer Gewinn.

BT: Wird Strawinskys „Feuervogel“ ganz verwendet?
Breiner: Ja, aber weil wir kein Orchester einsetzen können, haben wir in Absprache mit den Strawinsky-Erben ein Arrangement für Schlagzeug, Harfe und drei Flügel im Graben. Ein sehr besonderes, cooles Arrangement.

BT: Im Prolog beziehen Sie sich auf bekannte Märchen. Was war Ihnen dabei wichtig?
Breiner: Ich war inspiriert von dem Gedanken, den Märchen-Charakter des „Feuervogels“ aufzugreifen. Mich fasziniert, wie sich die Märchen ähneln. Sie sind immer wieder erzählt worden, jahrhundertelang, von Land zu Land, von Kontinent zu Kontinent kann man Dinge in ihnen erkennen, wie die psychischen Grundkonzepte der Figuren ausgearbeitet wurden. Ich wollte aber keine Psychoanalyse der Märchen liefern. Der „Feuervogel“ hat schon einen sehr dunklen Charakter. Ich wollte etwas Leichtes machen, eine spielerische Mischung einiger bekannter Märchenfiguren, ohne sich konkret auf eine Geschichte oder einen Ort festzulegen. Musikalisch habe ich mich fokussiert auf Klavierwerke zu vier Händen von Maurice Ravel, passend zur Strawinsky-Zeit.

BT: Warum wollten Sie die Choreografie als Online-Premiere herausbringen?
Breiner: Es war mir wichtig, dass wir endlich die Arbeit zeigen können, die wir hier machen, einmal fürs Publikum, aber auch für die Tänzer. Damit sie ihre Leistungen auch wieder präsentieren können.

„Ein normaler Tänzer tanzt mindestens fünf Stunden am Tag“

BT: Welche Herausforderungen bringt eine Online-Premiere mit sich?
Breiner: Es ist gleichwohl live, natürlich werden wir am Tag vor der Premiere noch Szenen aufnehmen, falls irgendwas passieren sollte, man weiß ja nie bei der Technik. Damit wir bei Ausfall des Livestreams irgendwas anbieten können.

BT: Sie haben digitales Live-Ballett bereits beim „Ballettbaukasten“ im März ausprobiert. Welche Erkenntnisse haben Sie daraus gezogen.
Breiner: Das ist ein anderes Format, da waren die Tänzer auch technisch gefordert. Beim Livestream müssen sie nur ihre Choreografie beherrschen. Dafür kommen anderen Aufgaben auf die Technik und Beleuchtung zu. Man muss nicht alles komplett neu einleuchten, aber etwas aufhellen.

BT: Wie konnten Sie dafür proben?
Breiner: Erst seit wir ein Testkonzept haben, können wir mit der ganzen Besetzung arbeiten, vorher mussten wir in kleinen Gruppen trainieren und dann in kleinen Gruppen probieren. Aber das kostet sehr viel Zeit. Ein normaler Tänzer tanzt mindestens fünf Stunden am Tag, im vergangenen Jahr waren es nur zweieinhalb oder drei Stunden. Das ist extrem anders. Aber schon im Januar haben wir in kleinen Gruppen wieder im Staatstheater trainiert. Ich bin sehr glücklich, dass sie alle sehr schnell fit geworden sind.

BT: Ende des Monats wird der Tanzfilm über Ihre Choreografie „Seid Umschlungen“ Premiere haben, er zeigt das Stück, das Sie zum Einstand beim Staatsballett im Herbst 2019 uraufgeführt haben.
Breiner: Den Film haben wir im März an sechs Drehtagen produziert. Es ist eine Staatstheaterproduktion. Ich bin sehr stolz auf die Tonabteilung, was sie alles leisten. Sie sind, gerade, weil alle Sparten etwas online tun, sehr überlastet, aber auch sehr kreativ.

„Seid Umschlungen“, der Tanzfilm kommt Ende April heraus

BT: Was hat Sie zum Tanzfilm bewogen?
Breiner: Wir wollten unseren Zuschauern in der Corona-Zeit etwas Ungewöhnliches anbieten. Es ist eine Möglichkeit, die Dinge anders aufzunehmen, als in einer Vorstellung. So können die Zuschauer andere Aspekte des Tanzes sehen. Der Film basiert auf einem Abend mit ganz vielen Stücken, jedem Stück haben wir filmisch einen eigenen Charakter gegeben, manchmal waren wir nah dran, in der Bewegung mit einer Steadicam dabei oder mit dem Blick von hinten. Jetzt kommt der Stream mit der „Feuervogel“-Premiere zwar noch vor dem Film, aber sie sind doch zeitlich ziemlich nah beieinander.

BT: „Seid Umschlungen“ gibt es jetzt in mehreren Versionen.
Breiner: Das ist dann das dritte Leben des Ballettabends. Zuerst die Premiere, dann haben wir eine Wiederaufnahme im letzten Herbst mit vielen neuen Stücken kreiert, die unter Corona-Bedingungen aufführbar waren. Der Film ist jetzt schon unter neuem Einfluss der Dinge, die im März wieder möglich waren, als wir den Film gedreht haben, entstanden. Schön zu sehen, wie wir mit der Zeit gehen, deswegen haben wir den Film auch „Momentaufnahme“ genannt.

BT: Ihre erste Spielzeit wurde nach der Halbzeit schon durch Corona unterbrochen. Sie konnten sich als neue Ballettdirektorin und auch als Choreografin hier nicht so richtig präsentieren. Was haben Sie sich für die neue Spielzeit im Herbst vorgenommen?
Breiner: Ohne den Spielplan zu verraten. Sie haben davon gesprochen, dass ich mich nicht so richtig präsentieren konnte, das stimmt. Ich vergesse das manchmal, weil ich mich auf die Arbeit mit den Tänzern konzentriere. Wir sind jetzt schon fast zwei Jahre zusammen, die Corona-Zeit hat uns zusammengeschweißt, aus der Not, aus dem Homeoffice heraus. Bestimmte Dinge haben uns einander näher gebracht als in einer normalen Spielzeit. Für mich ist es der beste Weg, einfach weiter zu gehen. Ich will mich auf die Tänzer konzentrieren, damit ihre Arbeit gut ist, egal was wir auf der Bühne machen können. Ich könnte jetzt von großen Zielen sprechen, aber wir haben erst einmal viel Repertoire, das wir noch nicht zeigen konnten. Wir wissen nicht, wie es weitergeht. Im Moment möchte ich einfach, dass sich die Tänzer stark fühlen und sich als Künstler entwickeln. Egal was kommt, schaffen wir es, durchzukommen.

„Wenn ich choreografiere, muss ich auch Zeit dafür haben“

BT: Welche fertigen Produktionen wollen Sie unbedingt noch auf der Bühne sehen?
Breiner: Der „Feuervogel“ kommt jetzt, die andere Hälfte wird auch kommen, wenn wir wieder mit vollem Orchester spielen können. Die „Maria Stuart“ ist jetzt zwei Jahre ausgefallen, sie hätte am Samstag eigentlich Premiere gehabt. Die Kostüme sind fertig, das Bühnenbild war schon fertig installiert. Das muss man realisieren.

BT: Sie sind Ballettdirektorin und als Choreografin kreativ. Wie funktioniert das?
Breiner: Es ist extrem schwierig. Seit ich angefangen habe zu choreografieren, ist es nicht leicht. Ein ganzes Jahrzehnt habe ich gleichzeitig getanzt und choreografiert – mein Fokus lag nur auf dem Ballettsaal. Seit drei Jahren tanze ich nicht mehr, seit zwei Jahren bin ich hier. Das hat alles komplett verändert. Alles, was einfach los ist am Theater, kostet viel Energie. Die Zeit zum Nachdenken fehlt mir. Es ist uns allen bewusst, dass das nicht so sein kann. Wenn ich choreografiere, muss ich auch Zeit dafür haben. Das versuche ich jetzt streng durchzuhalten.

BT: Haben Sie schon neue Ideen für eine Choreografie?
Breiner: Ja, in der nächsten Spielzeit plane ich ein Handlungsballett mit kleinerem Orchester, etwas Leichtes. Es ist eigentlich eine Notlösung und steht nicht in unserem Gesamtplan, aber ist gedacht für den Fall, dass wir noch an Corona denken müssen.

BT: Bei der Online-Premiere am Samstag wird das Publikum fehlen. Welche Rolle spielt es bei einer Aufführung?
Breiner: Es spielt schon eine große Rolle beim Tanzen. Für den Live-Stream werden die Tänzer das Publikum mitdenken, denn sie wissen auch: „Ich kann das nicht wiederholen.“ Aber ich habe schon bei den Filmaufnahmen bemerkt, die Tänzer waren so froh, wieder auf der Bühne zu stehen, voll auszutanzen, und man ist auch dankbar, dass die Kollegen zuschauen.

Ihr Autor

BT-Redakteurin Christiane Lenhardt

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Erstellt:
15. April 2021, 23:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 6min 13sec

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