Betagter Angeklagter bestreitet Mordabsicht

Malsch/Karlsruhe (sl) – Wegen versuchten Mordes muss sich ein 88-jähriger Malscher seit Dienstag vor Gericht verantworten. Er gab zu, ein Mehrfamilienhaus in Malsch angezündet zu haben.

Auf 1,4 Millionen Euro schätzt die Staatsanwaltschaft den Sachschaden an der Brandruine. Nicht beziffern lassen sich die seelischen Nöte der einstigen Bewohner. Foto: Frank Vetter/Archiv

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Auf 1,4 Millionen Euro schätzt die Staatsanwaltschaft den Sachschaden an der Brandruine. Nicht beziffern lassen sich die seelischen Nöte der einstigen Bewohner. Foto: Frank Vetter/Archiv

Ein 88-jähriger Malscher hat am Dienstag vor dem Landgericht Karlsruhe zugegeben, dass er am 23. März dieses Jahres ein Mehrfamilienhaus mithilfe von Benzin angezündet hat. Mit dem Brandbeschleuniger soll er laut Staatsanwalt auch seinen damals in dem Haus lebenden Schwiegersohn bespritzt haben. Dass er ihn umbringen wollte, bestritt der Senior. Seine Tochter, die Frau des Verletzten, sieht das anders.

Familien haben Hab und Gut verloren

Das Ehepaar hat fast sein gesamtes Hab und Gut verloren. Genauso geht es zwei weiteren Familien, die in dem Anwesen zu Hause waren. Bei einem der Mieter, der als Zeuge aussagte, entschuldigte sich der Angeklagte. Nicht jedoch bei seiner Tochter und deren Mann.

Am Tatabend gegen 20 Uhr saß das Paar im Wohnzimmer, der Fernseher lief. Ein Knall auf der Terrasse schreckte beide auf. Draußen war der 88-Jährige zu Gange, verschüttete Benzin und entzündete es, wohl mit einem Streichholz. Das Paar sprang auf, der 60-jährige Schwiegersohn riss die Terrassentür auf, habe dann auch einige Spritzer abbekommen. Hände und Hosenbein fingen Feuer, die Terrasse stand schnell in Brand, die Flammen drangen ins Wohnzimmer. Geistesgegenwärtig schlug der ehemalige Feuerwehrmann das Feuer aus, was ihm vielleicht das Leben rettete, holte eine Löschdecke und versuchte, den sich ausbreitenden Brand zu bekämpfen, während seine Frau einen Notruf absetzte.

Als die Feuerwehr eintraf, war die Katastrophe schon weit fortgeschritten. „Wir konzentrierten uns dann darauf, zu verhindern, dass das Feuer auf weitere Gebäude übergriff“, schilderte der Einsatzleiter vor Gericht. Der mutmaßliche Brandstifter war zu dem Zeitpunkt mit einem kurz vorher gemieteten Auto auf der Flucht, wurde aber schnell von der Polizei gefasst und befindet sich seither in U-Haft.

Der Brandanschlag war offenbar der Höhepunkt eines lange schwelenden Konflikts. Während der 60-Jährige angab, seinem Schwiegervater, der auf demselben Grundstück in einem Nachbargebäude wohnte, seit Langem aus dem Weg gegangen zu sein, erzählte seine Frau vom schwierigen bis cholerischen Charakter ihres Vaters. „Man konnte für ihn tun, was man wollte, es war nie genug.“ Ihre Mutter sei jung verstorben, sie habe ihrem Vater den Haushalt geführt und auch den Papierkram in seiner Firma erledigt. Allerdings habe es immer etwas zu nörgeln gegeben, nie ein lobendes Wort.

Typischer Vertreter der Generation Wirtschaftswunder

Die Lebensgeschichte des Vaters ist typisch für die Generation der Wirtschaftswunderzeit. 1933 geboren, erarbeitete sich der Handwerker mit eigenem Betrieb einen beträchtlichen Wohlstand, der aber wenig Glück ins Haus gebracht hat. Denn er ist letztlich die Quelle für den Vater-Tochter-Konflikt.

Die beiden sind durch komplizierte finanzielle Verflechtungen miteinander verbunden, die auch das Gericht nur mit Mühe entwirren konnte. Dabei spielen Grundstücke, Nießbrauch, wechselseitige Mietverhältnisse von Vater und Tochter und solche mit dritten, regelmäßige Zahlungen beziehungsweise deren Ausbleiben, verschiedene Darlehen und eine Bürgschaft eine Rolle. Vor allem aber, so der Eindruck, gegenseitige Enttäuschung und jede Menge Frust.

Narben an Händen und Seele

Der Schwiegersohn will dennoch von diesen Verwicklungen nichts gewusst haben. Er tritt in dem Verfahren als Nebenkläger auf. Zeigte vor Gericht die Narben an seinen Händen vor. Um die Narben seiner Seele kümmert sich ein Psychologe, zu dem er alle 14 Tage geht, um Schlafstörungen und Angstzustände zu behandeln. Auch seine Frau kann nicht mehr schlafen: „Ich habe Angst, dass mein Vater sein Werk vollendet, wenn er wieder freikommt.“ Sie fürchtet, dass er sie töten will, um wieder an das Grundstück zu gelangen, das er ihr vor Jahren als vorgezogenes Erbe überschrieb. In einer ans Wohngebäude grenzenden Halle habe sie schon „Scheiterhaufen“ aus brennbarem Material gefunden und Benzinkanister. Dass er Feuer legen wolle, habe ihr Vater bereits angedroht, das Ehepaar überhaupt beschimpft und im Ort verunglimpft.

Vater fürchtet den Ruin

Der Angeklagte, dem die Staatsanwaltschaft unter anderem versuchten Mord vorwirft, gab an, im Ruhestand von seinen Mieteinnahmen zu leben. Seine Tochter habe die Mieter aber veranlasst, nicht ihm das Geld zu überweisen, sondern ihr. Er habe kein Geld mehr besessen, fürchtete den Ruin. Der Mieter, der als Zeuge auftrat, berichtete hingegen, stets an den Angeklagten gezahlt zu haben.

Die Verhandlung wird am Donnerstag, 14. Oktober, um 9 Uhr fortgesetzt. Dann sollen ein Kriminaltechniker und ein psychologischer Sachverständiger zu Wort kommen.

Ihr Autor

BT-Redakteur Sebastian Linkenheil

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Erstellt:
5. Oktober 2021, 17:58 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 11sec

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