Erfolgstrainer: Vier Teams, drei Aufstiege

Lichtenau (moe) – Oliver Bethge ist ein echter Aufstiegsexperte. Der Fußballtrainer hat das Kunststück fertiggebracht, mit drei der vier von ihm bisher trainierten Teams aufzusteigen.

„Mein Credo lautete immer: Aufhören, wenn es am schönsten ist“: Oliver Bethge hat sein Engagement beim SV Ulm trotz des durchschlagenden Erfolgs beendet. Foto: Frank Seiter

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„Mein Credo lautete immer: Aufhören, wenn es am schönsten ist“: Oliver Bethge hat sein Engagement beim SV Ulm trotz des durchschlagenden Erfolgs beendet. Foto: Frank Seiter

Wenn ein Fußballverein einen Aufstiegstrainer sucht, ist Oliver Bethge der richtige Mann. Drei der bisher vier von ihm trainierten Vereine hievte der 49-Jährige in die nächst höhere Spielklasse: den SV Neusatz im Jahr 2007, den SV Altschweier 2011 und in der jüngst abgebrochenen Spielrunde bekanntlich den SV Ulm, der künftig in der Landesliga sein Glück versucht. Über das Geheimnis seines Erfolgs und über die Tatsache, warum der Balzhofener den SVU ausgerechnet in der Stunde des größten Erfolgs verlässt, sprach Bethge im Interview mit BT-Sportredakteur Moritz Hirn.


BT: Herr Bethge, wie lautet Ihre geheime Aufstiegsformel?

Oliver Bethge: Wenn es die gäbe, würden sie wohl alle Trainer anwenden (lacht).

BT: Aber bestimmte Erfolgsfaktoren gibt es doch sicher…

Bethge: Persönlich versuche ich immer die Punkte, die ich während meiner aktiven Zeit selbst auf den Platz bringen wollte, der Mannschaft zu vermitteln. Das ist in erster Linie die Einstellung zum Sport, auch wenn wir uns im Amateurbereich bewegen. Diesbezüglich müssen andere Themen einfach manchmal hintanstehen. Natürlich sind auch Tugenden wie Ehrlichkeit und Pünktlichkeit wichtig. Plus: ein großes taktisches Verständnis. An diesen Dingen gilt es jeden Tag zu arbeiten.

„Alle Faktoren müssen zusammenkommen“


BT: Was sind die konkreten fußballerischen Erfolgskomponenten?

Bethge: Egal in welcher Situation muss der eine für den anderen einstehen, vor allem auf dem Platz. Es braucht einen großen, körperlich fitten Kader, der im besten Fall von Verletzungen verschont bleibt. Wichtig ist auch, gerade in den unteren Klassen, dass die taktischen Vorgaben des Trainers befolgt werden. Bei einer Staffelgröße von 16, 17 Mannschaften, kann das ein Großteil der Teams nicht so konsequent einhalten, zumindest nicht auf die komplette Spielzeit gesehen. Wenn man seine Truppe so weit hat, dass das gut funktioniert, ist es ein großer Vorteil. Und natürlich abschließend: Man braucht auch immer das nötige Quäntchen Glück.

BT: Lässt sich ein Aufstieg planen?

Bethge: Das kann ich mir nicht vorstellen. Es hilft natürlich, wenn man über genug finanzielle Mittel verfügt und sagen kann: In den nächsten drei Jahren hole ich den Spieler XY – und am besten gleich viermal. Dann ist die Qualität des Kaders vielleicht einfach zu gut für die jeweilige Klasse. Aber wenn nicht alle Faktoren zusammenkommen, dann gerät jeder Plan ins Wanken.

BT: Hilft es denn, wenn eine Vereinsführung den Aufstieg als klares Ziel ausgibt?

Bethge: Druck erlege ich mir selbst auf. Ich will in jeder Liga, in der ich trainiere, aufsteigen. Ob das letztlich gelingt, steht auf einem anderen Blatt. Aber auf das Ziel Aufstieg muss man stets hinarbeiten.

BT: Welchen Anteil haben Ihrer Meinung nach Trainer an einer Meisterschaft oder einem Aufstieg?

Bethge: Das ist eine gute Frage. Fakt ist, dass ein Trainer über das ganze Jahr hinweg Pläne erstellt, sinnhafte Trainingseinheiten kreiert und an der richtigen Aufstellung bastelt. Klar, umsetzen müssen es die Spieler. Daher jetzt der Satz fürs Phrasenschwein: Ein Trainer ist immer nur so gut wie seine Mannschaft. Man kann fachlich und menschlich ein Bombencoach sein, aber wenn die 15 Spieler ihre Leistung nicht auf den Platz bringen, hat all das keine Bedeutung. Unabhängig davon hat ein Trainer heutzutage für seine Spieler auch ein Ohr für private Angelegenheiten und Probleme außerhalb des Sports.

Corona-Titel „eine komische Sache“


BT: Was sind Sie für ein Trainertyp, eher Schleifer à la Magath oder Kumpel wie Kohfeldt?

Bethge: Ich bin bisher mit einer Mischung sehr gut gefahren – solange die Grenzen nicht überschritten werden. Natürlich gibt es Regeln, aber das Menschliche darf nicht zu kurz kommen.

BT: Den SV Neusatz haben Sie 2007 über den Umweg Relegation gegen die DJK Au am Rhein in die A-Klasse geführt. Mit dem SV Altschweier wurden Sie 2011 Meister in der B-Klasse. Das gleiche Kunststück ist Ihnen jüngst mit dem SV Ulm in der Bezirksliga geglückt. Warum hat es beim SV Mösbach, Ihrer dritten von mittlerweile vier Trainerstationen, nicht geklappt?

Bethge: Mit Mösbach war ich 2016 letztlich Tabellendritter. Damals war zum einen die Reserve des SV Oberachern im Aufschwung, die mit aller Macht aufsteigen wollte. Gleiches galt für den SV Sasbachwalden. Die beiden Mannschaften waren schlichtweg besser, wobei letztlich nur Kleinigkeiten gefehlt haben.

BT: Welcher der drei Aufstiege war der schönste?

Bethge: Mit Neusatz haben wir damals das Relegations-Hinspiel mit 3:0 gewonnen, da war der Käse eigentlich gegessen. In Au lagen wir dann aber nach zehn Minuten mit 0:2 hinten. Wie wir das noch über die Zeit gebracht haben, war allererste Sahne. Mit Altschweier waren wir am letzten Spieltag Tabellenvierter, alle Teams davor haben gepatzt – und wir waren völlig unerwartet Meister. Das war natürlich auch besonders. Nach dem verpassten Aufstieg in der Relegation im vergangenen Jahr war die jetzige Meisterschaft eine schöne Bestätigung, dass es die Mannschaft und der Trainer drauf hat und der Erfolg aus dem Vorjahr kein Glücksschuss war. Jeder Aufstieg hatte etwas für sich.

BT: In Sachen Emotionalität war der Titelgewinn mit Ulm aufgrund der Corona-Beschränkungen aber sicher befremdlich, oder?

Bethge: Es war schon eine komische Geschichte. Wir haben die Entscheidung am Verbandstag per Video im kleinen Kreis verfolgt – und am Ende auch ein Bier auf den Aufstieg getrunken. Aber das war natürlich etwas ganz anderes als wenn man das auf dem Sportplatz erlebt. Gemäß der Corona-Bestimmungen haben wir den Titel ein bisschen gefeiert, aber nicht so wie man es sich vielleicht wünscht.

Kabinenfeier noch vor der Corona-Zwangspause: Der SV Ulm freut sich über den Titelgewinn. Foto: SV Ulm

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Kabinenfeier noch vor der Corona-Zwangspause: Der SV Ulm freut sich über den Titelgewinn. Foto: SV Ulm

Reue über eigenes Credo


BT: Wie lautete das Erfolgsrezept speziell für den Aufstieg mit dem SVU?

Bethge: Es ist kein Quertreiber in der Mannschaft. Ab und zu hat man ja mal einen Hallodri im Kader, in Ulm nicht. Die Trainingsbeteiligung war sehr gut. Die Jungs haben meine Vorgaben weitestgehend umgesetzt und teilweise sogar Eigeninitiative ergriffen, was heutzutage nicht selbstverständlich ist. Auch das Drumherum war entscheidend: Wir hatten eine riesen Fanbase.


BT: In der Landesliga weht freilich ein anderer, ein rauer Wind. Hat die Mannschaft das Zeug, die Klasse zu halten?

Bethge: Jeder Aufsteiger hat es natürlich schwer. Das Hauptproblem könnte werden, dass es der ein oder andere Spieler schwer hat, sich an die höhere Geschwindigkeit zu gewöhnen – im Fuß, aber auch im Kopf. In der Kreis- oder Bezirksliga gewinnt man auch mal ein Spiel, wenn man nur rackert. In der Landesliga tummeln sich aber auch Akteure mit Erfahrung aus höheren Klassen, daran müssen sich die Jungs schnellstmöglich gewöhnen. Grundsätzlich traue ich es Ihnen zu, über das Kollektiv Erfolg zu haben.

BT: Ausgerechnet in der Stunde des größten Erfolgs haben Sie ihr Engagement in Ulm beendet. Warum?

Bethge: Mein Credo lautete immer: Aufhören, wenn es am schönsten ist, ich eine intakte Mannschaft übergeben kann. Wenn ein Trainer zu lange beim gleichen Verein ist, gehen seine Anweisungen meiner Meinung nach ins eine Ohr seiner Spieler rein – und aus dem anderen schnell wieder raus. Den Eindruck hatte ich in Ulm zwar nicht, wollte dem aber auch ein stückweit vorbeugen, bevor es vielleicht im Herbst so weit ist. Lieber aufhören, wenn es gut läuft und alle fragen mich: „Warum hörst du auf?“, statt dass sie mich vom Hof jagen.

BT: Aber bereuen Sie denn nicht, dass Sie die Früchte in der Landesliga, in der Sie sich als Spieler jahrelang bewegt haben, nicht ernten können?

Bethge: Sehr sogar! Vor allem, weil mir die Jungs extrem am Herzen liegen. Vielleicht würde ich es heute anders entscheiden, aber als es Ende des vergangenen Jahres um die neue Saison ging, war meine Meinung anders gelagert. Und das muss ich jetzt halt auch für mich so akzeptieren.

BT: Wie geht es mit dem Trainer Oliver Bethge weiter?

Bethge: Es gab Kontakte mit Vereinen, der ein oder andere Club war mir fahrtechnisch aber einfach zu weit weg, auch wenn es eventuell reizvoll gewesen wäre. Einigen tieferklassigeren Teams habe ich abgesagt, obwohl ich mich in den Gefilden jahrelang erfolgreich bewegt, aber auch aufgerieben habe. Ich weiß jetzt, wie es in der Bezirksliga ist, aus eigener Erfahrung als Spieler wie es noch höher zugeht, daran habe ich Geschmack gefunden. Deshalb warte ich jetzt einfach mal ab, ob sich irgendwann ein passender Verein meldet. Fakt ist: Ich habe Bock!

BT: ...sicher auch auf die nächste Aufstiegsfeier?

Bethge: Das wäre mir nicht unrecht!

Zur Person

Oliver Bethge hat den SV Ulm in die Landesliga geführt, eine Klasse, in der er sich in seiner aktiven Zeit auf dem Rasen selbst lange bewegt hat. Nach der Jugend und drei Seniorenjahren beim SV Vimbuch spielte der mittlerweile 49-Jährige mit Unterbrechungen insgesamt zehn Jahre beim SV Bühlertal. Zudem trug er das Trikot des SV Oberachern und des SV Linx. (moe)

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Erstellt:
9. Juli 2020, 21:00 Uhr
Lesedauer:
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