Betriebsratsvorsitzender von Schaeffler im Interview

Von BNN-Redakteur Ulrich Coenen

Bühl (BNN) – „Es gibt keinen Klüngel mehr“: Der Betriebsratsvorsitzende Volker Robl spricht über Entgeltrahmenabkommen, Leiharbeit, Sorgen der Mitarbeiter und Chancen der E-Mobilität.

Betriebsratsvorsitzender von Schaeffler im Interview

„Verlagerungen sind kein Problem, solange der Standort Bühl neue Produkte bekommt und damit wegfallende Kapazitäten ausgleichen kann“, sagt Volker Robl. Foto: Ulrich Coenen

Die Mitarbeiter bei der Firma Schaeffler haben Angst um ihre Jobs. Volker Robl, der Betriebsratsvorsitzende des größten Bühler Arbeitgebers, erklärt im Interview mit unserem Mitarbeiter Ulrich Coenen, ob diese Sorgen berechtigt sind.

BT: Herr Robl, ist die neue Beurteilung der Arbeitsplätze durch das umstrittene Entgeltrahmenabkommen (ERA), das zum 1. Juli eingeführt wird, fair?Volker Robl: Ja! Wir haben Interviews mit den Mitarbeitern geführt. Es gibt insgesamt 500 Arbeitsplatzbeschreibungen für zirka 5.000 Mitarbeiter. Der Betriebsrat hat in Zweifelsfällen sein Veto beim Arbeitgeber eingelegt. Das System ist sehr transparent. Jeder Mitarbeiter, der mit seiner Aufgabenbeschreibung nicht einverstanden ist, kann Einspruch erheben. Betriebsrat und Tarifpartner, also die IG Metall, sind am Prozess beteiligt. Es gibt keinen Klüngel mehr.

BT: Ist es in der aktuellen Situation, in der Jobs bedroht sind, akzeptabel, dass Schaeffler Leiharbeiter beschäftigt?Robl: Unsere Personalarbeitsgruppe hat die Leiharbeiter im Auge. Diese Stellen werden nur mit Sinn und Verstand genehmigt. In guten LuK-Zeiten hatten wir am Standort Bühl rund 400 Leiharbeiter. Inzwischen sind es nur noch wenig mehr als 50, also zirka ein Prozent der Belegschaft.

BT: Sind die wirklich nötig?Robl: Weil sich unsere Auftragslage verbessert hat, brauchen wir Leiharbeiter, um Auftragsspitzen abzufangen. Wir sind nur Zulieferer. Unsere Kunden bestimmen die Stückzahlen, da werden gerne mal von einer auf die andere Woche die Auftragsmengen halbiert oder verdoppelt. Danach müssen wir reagieren und decken nur diese Auftragsspitzen mit temporären Leiharbeitern ab.

BT: Wie beurteilen Sie die aktuelle wirtschaftliche Situation von Schaeffler speziell in Bühl?Robl: Die Automobilbranche steckt nach wie vor im Umbruch. Schaeffler hat sich rechtzeitig gut aufgestellt und in allen drei Sparten Automotive Technologies, Industrie und After Market neu ausgerichtet. Bühl ist Headquarter für E-Mobilität. Für diesen Unternehmensbereich haben wir einen Zukunftstarifvertrag abgeschlossen. Bühl wird Leitsegment für E-Motoren. Außerdem werden wir hier die ersten Elektro-Motoren in einer Ultraeffizienzfabrik realisieren.

BT: Ist es richtig, auf die E-Mobilität zu setzen?Robl: Für Bühl sehe ich gute Chancen mit unseren neuen Produkten. Wir werden gestärkt aus der Krise hervorgehen. Wir sind vielfältig aufgestellt. Wir gehen weg vom Verbrenner hin zur E-Mobilität. Aktuell ist aber noch ein Mix notwendig. Das betrifft auch den Hybridantrieb, von dem aktuell niemand weiß, wie es mit ihm weitergeht.

„Hybridantrieb istnicht wirtschaftlich“

BT: Was halten Sie vom Hybridantrieb?Robl: Der Staat hat die Hybridtechnik stark subventioniert. Ein Fahrzeug mit Hybridantrieb, das beispielsweise von Bühl nach München fährt, nutzt für die kurze Strecke bis zur Autobahn den E-Motor, schaltet aber dann auf Verbrenner um. Dann schleppt der Wagen aber sehr viel mehr Gewicht mit sich herum als ein vergleichbarer Diesel und braucht entsprechend mehr. Das ist nicht wirtschaftlich. Es geht immer schneller in Richtung Elektroantrieb. Ob er später mit Batterie oder Brennstoffzelle betrieben wird, ist noch unklar.

BT: Die Verlagerung von Arbeitsplätzen nach Ungarn ist ein Dauerthema. Wie sicher sind die Arbeitsplätze in Bühl?Robl: Schaeffler hat schon immer ältere Produkte ins Ausland verlagert. Zuletzt wurde 2018 der Bereich um den Handschalter nach Ungarn und Frankreich abgegeben, damit wir mehr Platz für E-Mobilität haben. Die Abteilung hatte deutlich über 100 Mitarbeiter. Inzwischen setzen aus Komfortgründen Hersteller und Kunden auf Automatikgetriebe. Der Handschalter ist rückläufig. Verlagerungen sind kein Problem, solange der Standort Bühl neue Produkte bekommt und damit wegfallende Kapazitäten ausgleichen kann. Das war in der Vergangenheit Firmenphilosophie.

BT: Reicht das?Robl: Mit unserem Headquarter E-Mobilität haben wir wieder zukunftsträchtige Produkte, mit denen wir den Standort garantieren und die Transformation schaffen können. Es ist natürlich schwierig, in die Zukunft zu schauen. Aber mit der Tarifbindung hat Schaeffler ein starkes Signal für den Erhalt der Arbeitsplätze in Bühl gesetzt.

BT: Sehen die Mitarbeiter das alle so entspannt?Robl: Natürlich sind die Kolleginnen und Kollegen beunruhigt. Die Zeiten sind in der Automobilkrise schwierig. Das sieht jeder, der die Zeitung aufschlägt. Schaeffler hat das Leitsegment für die E-Mobilität in Bühl stationiert. Damit sind rund 500 Arbeitsplätze verbunden. Natürlich werden nicht 500 neue Leute eingestellt. Aber wir brauchen dort Experten. Wir sind zuversichtlich, dass wir keine weiteren Jobs abbauen müssen.

Weiterer Schub durch Entwicklungszentrum

BT: Wie geht es weiter?Robl: Es ist als Betriebsrat schwierig, auch nur zwei Jahre in die Zukunft zu schauen. Es geht nicht nur um das Unternehmen und die Automobilbranche. Die nationale Politik und die Europäische Union spielen mit immer neuen Vorgaben eine entscheidende Rolle. Manche neuen Gesetze kommen unerwartet schnell, sodass gewisse Motoren nicht mehr in Deutschland produziert werden können und demnach ins Ausland verlagert werden.

BT: Was erwarten Sie vom neuen Entwicklungszentrum in Bühl?Robl: Ich erwarte einen weiteren Schub nach vorne. Das Entwicklungszentrum, mit dessen Bau im Sommer begonnen wird, ist ein wertvoller Beitrag zum Erhalt unserer Arbeitsplätze. Wir werden moderne und innovative Arbeitsplätze sehen. Das ist eindeutig eine Stärkung des Standorts Bühl.

In eigener Sache

Das Badische Tagblatt und die Badischen Neuesten Nachrichten bündeln ihre journalistischen Kräfte und erweitern damit das umfangreiche Leseangebot in Mittelbaden. Noch arbeiten die beiden Redaktionen getrennt, tauschen jedoch schon gegenseitig Inhalte aus. Davon sollen vor allem die Leser profitieren – durch mehr Hintergründe, Reportagen und mehr Service. Deshalb werden auf badisches-tagblatt.de auch Artikel von BNN-Redaktionsmitgliedern veröffentlicht.