Bewegende Fluchtmomente in Buchform

Baden-Baden (sre) – Das Projekt „Baden-Baden schreibt ein Buch“ ist auf der Zielgeraden. Die Buchveröffentlichung ist als letzter Meilenstein für Januar 2021 anvisiert.

Haben die Schicksale von 55 Menschen zusammengetragen: Die Organisatorinnen Petra Mallwitz, Ulla Hocker und Angelika Schindler (von links). Foto: Sarah Reith

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Haben die Schicksale von 55 Menschen zusammengetragen: Die Organisatorinnen Petra Mallwitz, Ulla Hocker und Angelika Schindler (von links). Foto: Sarah Reith

Die Geschichte einer Flucht, die Gesichter einer Stadt, die bewegenden Schicksale von 55 Menschen: All das ist Thema bei dem Projekt „Baden-Baden schreibt ein Buch“, das die Organisatorinnen Angelika Schindler, Petra Mallwitz und Ulla Hocker vor mehr als zwei Jahren auf den Weg brachten. Der letzte große Meilenstein, die Buchveröffentlichung, musste nun coronabedingt verschoben werden.

Seinerzeit parallel zu „Baden-Baden liest ein Buch“ entstanden, hat sich das Schreib-Projekt in den vergangenen zwei Jahren stetig weiterentwickelt. Wie berichtet, wurden dabei die Erinnerungen von Menschen gesammelt, die eine Flucht erlebt und in der Kurstadt eine neue Heimat gefunden haben. Am Anfang standen Schreib-Workshops, in denen besondere Augenblicke dieser Fluchtgeschichten zu Papier gebracht werden sollten.

Das BT veröffentlichte in der Folge eine Auswahl dieser berührenden Momentaufnahmen. Dann kamen gut besuchte Lesungen dazu, ergänzt von einer Klanginstallation. Zuletzt entstand noch eine Webserie mit acht Kurzfilmen, die man sich auf der Internetseite des Senders Arte ansehen kann und von der ein Zusammenschnitt als einstündige Dokumentation vom Fernsehsender Phoenix ausgestrahlt wurde.

Unterdessen sammelten die Organisatorinnen fleißig weitere Geschichten, führten unzählige Gespräche mit den Teilnehmern – zunächst persönlich, in den vergangenen Monaten aufgrund von Corona dann in der Regel telefonisch. Mittlerweile sind rund 55 Texte zusammengekommen, berichten die drei.

Aus den Erlebnissen ganz unterschiedlicher Persönlichkeiten aus vielen verschiedenen Ländern und in verschiedenen Jahrzehnten soll eine einzige große Sammlung werden, die die Geschichte von Flucht im Allgemeinen erzählt. Und die gleichzeitig zeigt, wie vielfältig Baden-Baden ist – schließlich leben all die Menschen, die am Buch mitgewirkt haben, in der Kurstadt. Die Erkenntnis dieser Vielfalt hat Petra Mallwitz bei der Arbeit an diesem Projekt als besonders prägend empfunden.

Durch die geplante Veröffentlichung könne man dazu beitragen, dass die Weltoffenheit der Stadt auch wahrgenommen werde, freut sie sich. Die Organisatorinnen selbst wurden durch die Arbeit ebenfalls beeinflusst, wie Angelika Schindler deutlich macht. Sie ist überzeugt, selbst offener und neugieriger geworden zu sein, weil sie so viele Lebenswelten und Denkweisen kennengelernt habe.

Für Ulla Hocker war besonders auffällig, wie wichtig es jeweils für die Menschen mit Migrationsgeschichte war, jemanden zu treffen, der ihnen half. Dass dieser Fall nicht unbedingt immer eintritt, ist den Organisatorinnen durchaus bewusst.

Gerade bei Fluchtgeschichten ohne glücklichen Ausgang erreicht das Projekt allerdings seine Grenzen: „Es gibt Facetten, die wir nicht erzählen können“, bedauert Mallwitz. Denn: „Es melden sich nur die, die es geschafft haben.“

Erzählt werde folglich, unter welchen Bedingungen das Ankommen gelingen könne, fasst Schindler zusammen. Um aus den einzelnen Texten ein Buch zu machen, haben die Organisatorinnen viel Arbeit investiert: Sie haben koordiniert, Einführungen zu den Geschichten verfasst, nachgefragt, wie das Leben nach dem Fluchtmoment weiterging. In Fußnoten werden politische Phänomene und Hintergründe der Fluchterfahrungen aufgezeigt.

Abgerundet wird das Werk durch ein Grußwort von Dr. Kurt Hochstuhl, Leiter des Staatsarchivs Freiburg, dem Text eines Leipziger Soziologen und einem Interview mit einem Traumaexperten. Außerdem steuert Künstlerin Katalin Moldvay zu jedem Kapitel ein Bild bei. Inzwischen ist fast alles fertig, demnächst geht das Manuskript an den Verlag.

Die Veröffentlichung war eigentlich am 27. September, zur Eröffnung der interkulturellen Woche, geplant. Wegen Corona haben die Organisatorinnen von dem Termin aber Abstand genommen – sie wollen nicht auf eine große Veranstaltung und Lesung verzichten. Für die interkulturelle Woche wird als Ersatz in Kooperation mit der Friedensgemeinde die Webserie als zusammenhängender Film gezeigt. Für die Buchvorstellung habe man nun den Januar 2021 ins Auge gefasst, berichtet Ulla Hocker. Ob es dabei bleibt oder doch eher Frühjahr wird, „hängt ganz von Corona ab“, so Schindler.

Einige Geschichten aus der Reihe „Baden-Baden liest ein Buch“:

Ein Nachtlager in der Futterkrippe

Bedrohliche Situation auf dem Mittelmeer

„Ich hatte ein riesiges Glück“

Unter ständiger Beobachtung


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