Bienensterben – Bezirks-Imkerverein Bühl reitet auf Sympathiewelle

Bühl (up) – Das Bienensterben erschreckt und interessiert viele Menschen. Den honigherstellenden Insekten widmet sich der Bezirks-Imkerverein Bühl bereits seit 150 Jahren. „Wir reiten momentan auf einer Sympathiewelle“, sagt Tobias Rothfuß, der Vorsitzende des Vereins.

Vereinsvorsitzender Tobias Rothfuß neben dem vereinseigenen Insektenhotel.  Foto: Philipp

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Vereinsvorsitzender Tobias Rothfuß neben dem vereinseigenen Insektenhotel. Foto: Philipp

Der Bezirks-Imkerverein Bühl feiert in diesem Jahr sein 150-jähriges Bestehen. Das Badische Tagblatt hat sich aus diesem Anlass mit dem Vorsitzenden Tobias Rothfuß im Bienen-Schaugarten des Vereins in der Bühlertalstraße getroffen, um über die aktuelle Situation der Bienen und geplante Veranstaltungen und Aktionen des Vereins im Jubiläumsjahr zu sprechen.
„Wir reiten momentan auf einer Sympathiewelle“ erklärt Rothfuß, und verweist auf aktuell 150 Mitglieder, von denen etwa 20 Prozent Frauen sind. Sie hegen und pflegen zwischen Ottersweier, den Baden-Badener Rebland-Gemeinden und dem Rhein insgesamt etwa 1230 Bienenvölker, wobei ein Bienenvolk im Sommer zwischen 30000 und 40000 Bienen umfasst, die zwischen drei und fünf Wochen alt werden. Im Winter dagegen besteht ein Volk aus zwischen 10000 und 12000 Tieren, die jeweils eine Lebenserwartung von rund einem halben Jahr haben.

Aber obwohl die Zahl sowohl der Bienen und der Imker in den letzten Jahren wieder gestiegen ist, gab es in der Region schon einmal viel mehr von ihnen. „Allein in Bühlertal hatte der Verein bis vor wenigen Jahrzehnten etwa 400 Mitglieder mit zusammen rund 2000 Völkern“, betont Rothfuß. In den vergangenen Jahren steige das Interesse an den fleißigen Honigproduzenten wieder, die fast ein Jahr dauernden Imkerkurse von November bis Oktober seien gut besucht. „Etwa 80 Prozent der Teilnehmer bleiben dem Verein auch danach weiterhin treu“, so Rothfuß. Gefragt nach Jubiläumsveranstaltungen, berichtet er vom geplanten Auftakt mit dem Workshop „Bühl summt“. Der wurde aber wegen des Coronavirus abgesagt. Ziel des Workshops wäre es gewesen, den Zusammenhalt und die Vernetzung verschiedener Vereine zu fördern und die Menschen für die Belange der Natur zu sensibilisieren, so Rothfuß.

Schlecht für Bienen und andere Insekten seien beispielsweise immer häufiger anzutreffende, pflanzenlose Vorgärten mit Schotterbeeten, wobei Städte und Neubaugebiete grundsätzlich immer interessanter für Imker würden. Auch auf Friedhöfen fänden die Bienen viele Blüten. In ihrem Sinne sei es auch hilfreich, die „typisch deutsche Haltung: Alles muss sauber sein“ manchmal zu opfern und es „auszuhalten“, an einigen Plätzen Sträucher wachsen zu lassen und nicht zu entfernen. Problematisch sei das Anlegen von Blühwiesen entlang von Straßen, als Ersatz für den traditionellen Grünstreifen.

„Bei hohem Verkehrsaufkommen sterben viele Insekten im Kühlergrill“, so Rothfuß. Sinnvoller dürfte es sein, brachliegende Rebengrundstücke zu nutzen sowie die immer seltener werdenden Streuobstwiesen mit einzubeziehen. Ebenso sinnvoll sei es, Totholzbäume als Lebensraum für die Insekten stehen zu lassen, erklärte Rothfuß, denn in ihnen existierten lebensnotwendige Mikroorganismen.

Im Bienenschaugarten des Bezirksimkervereins Bühl gibt es zahlreiche Lebensräume für Insekten, darunter auch dieser Reisighaufen.  Foto: Philipp

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Im Bienenschaugarten des Bezirksimkervereins Bühl gibt es zahlreiche Lebensräume für Insekten, darunter auch dieser Reisighaufen. Foto: Philipp

Garten- oder Ackerbesitzer können die Natur auch mit einem Erdbunker unterstützen, wie er ebenfalls in dem Bienen-Schaugarten zu sehen ist. „In etwa 1,50 Meter Tiefe befindet sich ein Steinhaufen mit Hohlräumen, der dann wieder abgedeckt wurde“ erklärt Rothfuß und fährt fort: „Der ist für Tiere, die Erdlöcher brauchen, wie Mäuse, Eidechsen und Schlangen“.

Für die gleiche tierische Zielgruppe ist eine Mauer gedacht, einige Meter weiter. Interessierte können sich außerdem noch über das Anlegen eines Reisighaufens informieren, in dem zum Beispiel Amseln, Mäuse, Hasen und Igel Unterschlupf finden.

Bei den bekannten Insektenhotels gelte es darauf zu achten, dass die Bohrlöcher im rechten Winkel zur Faserung des Holzes gesetzt würden, sagt Rothfuß, während er auf die runde Holzscheibe zeigt. Bei vielen der Insektenhotels, die es auch zu kaufen gebe, sei das nicht so, mit der Folge, dass sich die Insekten an den abstehenden Holzsplittern ihre Flügel verletzten, weil sie rückwärts in die Löcher krabbelten.

Bezirksimker „reiten auf einer Sympathiewelle“: Tobias Rothfuß vor Bienenkästen im Schaugarten des Vereins.  Foto: Philipp

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Bezirksimker „reiten auf einer Sympathiewelle“: Tobias Rothfuß vor Bienenkästen im Schaugarten des Vereins. Foto: Philipp

„Entweder wir schaffen es zusammen oder gar nicht“ antwortete der Vereinsvorsitzende auf die Frage nach dem Volksbegehren „Rettet die Bienen“, mit dem baden-württembergische Naturschützer ein weitgehendes Verbot für den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln im Land erreichen wollten. „Wir geben den Bauern nicht die Schuld am Bienensterben“, so Rothfuß. Probleme mit Pflanzenschutzmitteln, die Bienen und andere Insekten töteten, entstünden vor allem, wenn diese nicht in den gesetzlich vorgeschriebenen Zeiten ausgebracht würden. „Das Spritzen muss vor und nach dem Bienenflug stattfinden.“

Eine weitere Ursache für das Bienensterben sei die Varroamilbe, hier läge es vor allem am Imker, den Befall seines Bienenvolks rechtzeitig zu erkennen und zeitnah zu reagieren. Einer, wenn nicht der Höhepunkt im Jubiläumsjahr der Bühler Imker wird das Zwetschgenfest. „Das Motto des Umzugs am Sonntag, 13. September, lautet uns zu Ehren: Bühl summt“, berichtet Rothfuß. Als besondere Attraktion ist ein Wagen geplant, mit einem Bienenkorb, der einen Durchmesser von zweieinhalb Metern hat und eine Höhe von drei Metern.

Zum Thema: Geschichte reicht bis in die 1860er Jahre

Die Anfänge der Imkerei in Bühl gehen zurück auf die 1860er Jahre. Wanderlehrer des Badischen Vereins für Bienenzucht in Mosbach hielten damals in der Ortenau Vorträge über die Imkerei und schulten Interessierte. Aus diesen losen Treffen entstand offensichtlich der Wunsch nach regelmäßigem Austausch und Zusammenhalt, sodass am 1. Januar 1870 insgesamt 16 Männer in Bühl eine Ortsgruppe gründeten. Bekannt ist, dass im Jahr 1871 ein Wanderlehrer Eckert aus Neckarmühlbach erstmals eine Versammlung durchführte und die Teilnehmer über Königinnenzucht, Faulbrut und Kunstschwarmverfahren unterrichtete. Laut erhaltener Aufzeichnungen klärte er zudem über die Handhabung „neuzeitlicher Bienengeräte“ auf. Weitere Themen der ersten Versammlungen waren meistens Bienenkrankheiten und der Bezug italienischer Königinnen. Alte Dokumente berichten weiter, dass im Jahr 1900 der damalige Direktor der Pflegeanstalt Hub zum Vorsitzenden des Imker-Vereins gewählt wurde. Anfang des Jahres 1914 zählte der Verein 229, sieben Jahre später schon 448 Mitglieder. Während des Nationalsozialismus wurde der Verein umorganisiert und in Kreis- und Ortsgruppen eingeteilt, die belehrenden Versammlungen wurden jedoch in gewohnter Manier fortgeführt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg fand das erste Treffen am 1. Mai 1949 im Gasthaus „Zum Kreuz“ statt. Die Versammlung beschloss, vorrangig Jungimker zu schulen und Zusammenkünfte monatlich an wechselnden Orten des Vereinsgebietes durchzuführen. Die 50er Jahre waren nach den erhaltenen Protokollen teilweise unruhige Vereinsjahre, weil es offenbar schwierig war, Vorsitzende zu finden, trotz der hohen Mitgliederzahl von 270.

Im Jahr 1970 sind starke Bienenverluste verzeichnet, die durch das Ausbringen von Pflanzenschutzmitteln auf die Reben entstanden. Gleichzeitig ging die Mitgliederzahl auf 150 zurück, auch wegen des hohen Mitgliedsbeitrages von 18 Mark. Ein Höhepunkt dieser Jahre war ein Vortrag von Imkermeister Kauz, der den Weltbienenkongress in Moskau besucht hatte und den Imkern viel „Neues und Interessantes“ vortragen konnte, wie es heißt.

Ihr Autor

Ulrich Philipp

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Erstellt:
29. März 2020, 14:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 14sec

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