Bierdeckel im Einsatz gegen Ölpest

Weisenbach (mm) – Die Katz-Gruppe hat in Zusammenarbeit mit der TU Dresden ein besonderes Produkt entwickelt: Neuartige Bierdeckel binden ausgelaufenes Öl im Wasser.

Quadratisch und unscheinbar: Scott Treick, der Leiter der Produktentwicklung bei Katz in Weisenbach, zeigt die speziellen Untersetzer. Foto: Mack

© mm

Quadratisch und unscheinbar: Scott Treick, der Leiter der Produktentwicklung bei Katz in Weisenbach, zeigt die speziellen Untersetzer. Foto: Mack

Bierdeckel saugen für gewöhnlich Bier oder andere Getränke auf. Doch der Untersetzer aus Holzschliffpappe kann noch viel mehr. „Grundsätzlich ist seine Aufgabe das Aufsaugen von Flüssigkeit“, sagt Scott Treick, der Leiter der Produktentwicklung bei der Weisenbacher Katz-Gruppe, „egal, ob Wasser, Chemikalien oder gar Öl.“ Genau hier setzt eine Idee an: Ausgelaufenes Öl auf Wasseroberflächen aufzufangen, ohne den Einsatz von Chemikalien. Der Bierdeckel hat Hohlräume, die das Öl binden können. Es mussten allerdings Möglichkeiten gefunden werden, dass nicht Wasser, sondern eben Öl aufgesaugt wird. Und dies sei dem Unternehmen in Zusammenarbeit mit der Technischen Universität Dresden gelungen – das „Liquid Binder Board“ entstand.

„Der Bierdeckel muss teilweise wasserabweisend sein“, ergänzt Alexander Braun, der Produktionsleiter Pappe, „aber er muss trotzdem Öl aufsaugen.“ Zusammen fanden die beiden Experten die erforderlichen Lösungen, so Katz-Geschäftsführer Karsten Beisert. Dazu werde ein spezieller Leim eingesetzt. Am Holzschliff-Material an sich habe sich nichts geändert.

Normalerweise gebe es keinen Leim in Bierdeckeln, erläutert Braun. Für die Innovation wird das Naturprodukt Holzfaser aus Fichtenholz mit Leim ummantelt, damit es kein Wasser aufsaugt; die Hohlräume bleiben zum Öl-Binden bestehen, erklärt Treick die Funktionsweise der speziellen „Bierdeckel“. Wegen dieser Hohlräume schwimmen die Untersetzer auf Wasseroberflächen und können so bei einer Ölhavarie auf dem Wasser, einer Ölpest, eingesetzt werden. Martin Beisert hatte einen Artikel über diese Einsatzmöglichkeit gelesen und seinen Bruder Karsten informiert. „Dann musste unser ,Daniel Düsentrieb‘ dran“, erläutert der Katz-Chef launig die Aufgabe des Produktentwicklers. Treick prüfte das bereits vorhandene Outdoor-Material, „innerhalb von zwei Stunden war das ganze Öl weg“, berichtet er vom Ergebnis des ersten Tests. „Wir haben gesehen, dass es grundsätzlich funktioniert“, freut sich Beisert, „und das Material weiterentwickelt.“

„Wir haben gesehen, dass es funktioniert“

Scott Treick fand die TU Dresden sowie die Universität Rostock, die bereits ein ähnliches Produkt mit einer anderen Firma entwickelt und dieses getestet hatten. Die Uni Dresden ist in der Papierindustrie bekannt, sie bildet Papieringenieure aus, hat eine große Fakultät und erforscht Holzwerkstoffe, erläutert Alexander Braun. „Unser Produkt ist besser geworden“, erzählt Treick.

Der Liquid Binder aus dem Murgtal ist lediglich 1,4 Millimeter dick, ein Konkurrenzprodukt dagegen vier bis fünf Millimeter. Das bedeutet, dass mehr Wasseroberfläche benetzt werden kann bei gleichem Gewicht, das ein Flugzeug transportiert. Und das Material verbreite sich besser, erklärt Beisert. Mit einem Saugschiff kann es wieder aufgenommen und das Öl durch Pressung oder Zentrifugieren gewonnen und wiederverwertet werden. Oder es wird einer thermischen Verwertung, sprich Verbrennung und dadurch der Energierückgewinnung, zugeführt. Bis zu 21 Tage könne das Material auf der Wasseroberfläche bleiben und Öl aufsaugen. Zusätzlich könnten ölfressende Bakterien auf dem Trägermaterial aufgebracht werden, um die Ölpest zu beseitigen – oder Chemikalien, um bei Chemieunfällen einsetzbar zu sein.

„Wir werden jetzt den nächsten Schritt gehen“, erläutert Beisert. Die Entwicklung erfolgt in Eigenregie, dafür hat Katz ein entsprechendes Budget. Das Patent für das Produkt ist angemeldet, „nun wollen wir das Material vermarkten“. Interessenten für dieses völlig neue Produkt gebe es bereits, informiert Treick weiter: „Wir wollen das Produkt forcieren und sind der einzige Anbieter auf dem Markt in dieser Form – mit einem Ölbinder aus einem natürlichen Produkt, der auf Wasser schwimmt, Öl aufnimmt und der dann wieder eingesammelt werden kann.“

Besser als Ölbarrieren

Der Einsatz in rauem Wasser sei möglich, bislang könne dies kein anderes Material. Herkömmliche Ölsperren könnten nur bei Ölhavarien bei glatter Wasseroberfläche eingesetzt werden, bei flachem Wasser bringen diese Art von Barrieren nichts, erklärt Treick. „Unser Material kann sofort ins Wasser, das Öl kommt dann gar nicht erst an Land“ – wenn es an Land komme, sei es bereits in den Untersetzern gebunden. Nicht nur auf dem Meer, sondern auch in Flüssen oder auf Seen können sie angewendet werden.

Wenn Vermarktung und Vertrieb geklärt sind, wäre die Herstellung mit der in Weisenbach vorhandenen Papiermaschine problemlos machbar. „Wir könnten sofort starten“, bekräftigt Produktionsleiter Braun. „Das wäre ein weiteres alternatives Produkt zum Untersetzer, das nachhaltig hergestellt wird und nachhaltig funktioniert“, erklärt Beisert,

Ein EU-weites Projekt wird beantragt, um ein System zu entwickeln, um schnellstmöglich Ölhavarien zu bekämpfen, berichtet Scott Treick. Länderinteressen seien betroffen, ergänzt Karsten Beisert. „Wir sind schnell da, und unser Material saugt schnell und lange“, fasst Scott Treick die Vorteile des Murgtäler Bierdeckel-Ölbinders zusammen.


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.