Bilder einer Pandemie

Von BT-Redakteurin Franziska Kiedaisch

Baden-Baden (kie) – Mit seinem Langzeit-Fotoprojekt „Die Rückkehr der Musik“ will Reiner Pfisterer Künstler auch während der Corona-Pandemie sichtbar machen.

Bilder einer Pandemie

„Wie ein Blick in 200 deutsche Wohnzimmer“: Das Motiv entstand im September 2021 beim Strandkorb-Open-Air in Aach im Hegau beim Konzert von Milow. Foto: Reiner Pfisterer

Wenn Reiner Pfisterer von seinem Beruf erzählt, gerät er schnell ins Schwärmen: Seit 30 Jahren hält der Fotograf vor allem Kulturveranstaltungen im Bild fest. Doch als vor zwei Jahren mit der Corona-Pandemie zunächst alle Events abgesagt und im Anschluss den sich immer wieder verändernden Corona-Regelungen angepasst wurden, war auch für Pfisterer nichts mehr wie zuvor. Ob Streaming-Konzerte ohne Publikum, Probenbetrieb im eigenen Auto oder ein Ständchen unterm Balkon für die Bewohner von Pflegeheimen: Der Fotograf beschloss „aus eigener Betroffenheit“, wie er sagt, die unterschiedlichen Reaktionen der Kulturschaffenden auf die Pandemie zu dokumentieren.

Heraus gekommen ist ein beeindruckendes Fotoprojekt: Unter dem Titel „Die Rückkehr der Musik“ und mit Unterstützung des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg, dem Pop-Büro Region Stuttgart und der Stadt Stuttgart sind inzwischen fünf Postkartensets mit jeweils 15 unterschiedlichen Motiven entstanden, die kostenlos an verschiedenen Auslagestellen in der gesamten Republik zu finden sind, beispielsweise auch in Freiburg oder Karlsruhe.

Die Fotos dokumentieren auf eindrückliche Weise die konkreten Auswirkungen der Corona-Pandemie für die Kulturbranche. Sie sind Zeitzeugnis und zugleich Hommage an die großen und kleinen Bühnen, an Profis und Amateure: „Mein Ziel war es, die Branche sichtbar zu machen. Die Künstler gaben ihr Bestes, um sichtbar zu bleiben. Das wollte ich unterstützen“, sagt der aus Bietigheim-Bissingen stammende Pfisterer. Die Fotoserie sei eben ein „Solidaritätsprojekt“, fügt er an: „Ich bin den Künstlern und Veranstaltern dankbar, denn ohne sie hätte ich nichts zu fotografieren gehabt in der Vergangenheit. Jetzt will ich ihnen etwas zurückgeben“.

Prozesshafte Entwicklung

Die insgesamt 75 Motive sind chronologisch geordnet und dokumentieren so die prozesshafte Entwicklung des Pandemiegeschehens und die entsprechenden Reaktionen der Kulturschaffenden, wie Pfisterer erläutert. So sei etwa das 14. Motiv der aktuellen Postkartenserie im Herbst 2021 im KKL Luzern entstanden – in der Schweiz, ohne Maske und ohne Abstand zwischen den Zuschauern. „Man denkt, dass dieses Motiv das Ende der Pandemie zeigt. Doch dann kommt Motiv 15: Es ist zwei Wochen später in Bietigheim-Bissingen entstanden und dokumentiert auf einem Schild vermerkte Absagen“, sagt er.

Auch wenn die Pandemie in diesem Jahr für beendet erklärt werden sollte, will Pfisterer noch das ganze Jahr hindurch weiter fotografieren – einfach, um die entsprechenden Auswirkungen für die Kultur in ihrer Gänze anschaulich zu machen. „Es geht um die Dokumentation der Bedingungen, unter denen Künstler in der Pandemie arbeiten. Mit meiner Arbeit will ich Motive schaffen, über die man irgendwann den Kopf schütteln wird und sagt: Dass es so etwas mal gab...“, erläutert er seinen Antrieb für das ehrenamtliche Projekt. Verdienen wird der Fotograf daran nur indirekt, etwa indem die dadurch erworbenen Kontakte und seine Bekanntheit Folgeaufträge verschaffen: „Eine Investition in meine Zukunft“ nennt Pfisterer das. Inzwischen seien die Corona-Fotografien zu einem richtigen Alleinstellungsmerkmal für ihn geworden; keiner sonst sei auf die Idee gekommen, merkt er an.

Das Projekt hat dabei ganz konkrete Folgen für sein Leben: In den vergangenen 21 Monaten hat Pfisterer eigenen Angaben zufolge rund 300 Konzerte mit der Kamera besucht: „Ich behaupte, dass es niemanden in Deutschland gibt, der so viele Konzerte während der Pandemie gesehen hat wie ich“, scherzt er. „Ganz viele neue Bekanntschaften“ resultierten für ihn. Dabei seien Netzwerke ohnehin das A und O seiner Arbeit und hätten auch das Projekt „Die Rückkehr der Musik“ erst möglich gemacht: Denn weniger die Veranstalter, sondern vielmehr direkt die Künstler hätten ihm oftmals den Zugang zu den Konzerten vor eingeschränktem oder gar nur digital zugeschaltetem Publikum verschafft.

Privatkonzert der Lieblingsband

Für ihn seien dadurch intime Momente mit den Künstlern entstanden: etwa ein „Privatkonzert der Lieblingsband“, wie Pfisterer eine Streaming-Veranstaltung im Dezember 2020 der Fantastischen Vier nennt, oder auch die Nahbarkeit zu klassischen Künstlern. So konnte er etwa dem Tenor Julian Prégardien bei Schumanns Liederzyklus „Dichterliebe“ im Rahmen des Hausfestspiels im Festspielhaus im Februar 2021 „viel näher sein als das normalerweise möglich gewesen wäre“.

Doch Pfisterer stellt auch Parallelen zu vergangenen Veranstaltungen fest: Beispielsweise wenn er sich an ein Konzert der Band Placebo erinnert, das 1996 in der Rockfabrik in Ludwigsburg stattfand. Die damals noch weitestgehend unbekannte Gruppe, die zwei Jahre später Weltruhm erlangte, hatte vor etwa 15 Menschen gespielt: „Dieses Bild sieht auch nicht anders aus als die Fotos von heute“, stellt Pfisterer lachend fest. Schon immer habe er die Perspektive gern in Richtung Publikum gelenkt, nicht erst für das Pandemie-Fotoprojekt.

Doch manche Motive gebe es eben einfach nur jetzt – so beispielsweise auch jenes vom Strandkorb-Konzert in Aach im Hegau, eines von Pfisterers Lieblinsmotiven: Es drücke eine gewisse „Absurdität“ aus, unter welchen Bedingungen Kultur noch stattfinden darf und sei „wie ein Blick in 200 deutsche Wohnzimmer“, sagt er. Die Fotos der Reihe „Die Rückkehr der Musik“ und die Auslageorte der Postkartensets sind im Internet und auf Instagram zu finden:

www.reinerpfisterer.dewww.popbuero.de/film-medien/rueckkehr-der-musikInstagram: @rueckkehrdermusik