Bildungsgänge wandern aus Gernsbach ab

Gernsbach (stj) – Vor den entscheidenden Sitzungen bekräftigen Landratsamt und Regierungspräsidium ihre Forderung, die HLA Gernsbach zu schließen. Andere Schulen würden davon profitieren.

Am 27. April berät der Ausschuss für Schulen und Kultur über die Zukunft der Handelslehranstalt Gernsbach. Foto: Stephan Juch

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Am 27. April berät der Ausschuss für Schulen und Kultur über die Zukunft der Handelslehranstalt Gernsbach. Foto: Stephan Juch

Die Marschrichtung ist klar: Landratsamt Rastatt und Regierungspräsidium (RP) Karlsruhe fordern das Aus der Handelslehranstalt (HLA) Gernsbach: Nach gemeinsamer, intensiver Analyse, Erörterung und Prüfung aller möglichen Optionen komme man übereinstimmend zu der fachlichen Einschätzung, dass die Verlagerung der Bildungsgänge an die umliegenden Schulen in Trägerschaft des Landkreises Rastatt verbunden mit der Aufhebung der HLA Gernsbach eine erfolgversprechende und die nachhaltigste Perspektive für ein bedarfsgerechtes Bildungsangebot im Landkreis Rastatt ist.

So lautet das Fazit einer umfassenden Sitzungsvorlage, mit der sich der Ausschuss für Schulen und Kultur (ASK) am kommenden Dienstag, 27. April, beschäftigt. Der vom Schulträger formulierte Beschlussvorschlag, den der ASK als Empfehlung an den Kreistag weiterreichen soll, umfasst folgende Eckpunkte:

- Der Kreistag beschließt für ein geordnetes Verfahren die Verlagerung der Schularten der HLA Gernsbach an geeignete Schulstandorte in Trägerschaft des Landkreises Rastatt in Abstimmung mit dem RP.
- Der von Bürgermeister und SPD-Kreisrat Julian Christ eingebrachte fraktionsübergreifende Antrag zur Stärkung der HLA Gernsbach ist abzulehnen.
- Die Wirtschaftsoberschule, das zweijährige Berufskolleg Wirtschaftsinformatik, das Berufskolleg zum Erwerb der Fachhochschulreife (kaufmännische Richtung) sowie die Sonderberufsschule Wirtschaft und Verwaltung sollen künftig an die HLA Rastatt gehen.
- Das kaufmännische Berufskolleg I und II kommt an die HLA in Bühl.
- An der Carl-Benz-Schule Gaggenau soll eine zweijährige Berufsfachschule Metalltechnik eingerichtet werden (als Ersatz für die zweijährige kaufmännische Berufsfachschule).
- Die Landkreisverwaltung wird beauftragt, die Verlagerungsmöglichkeiten mit dem RP und den betroffenen Schulen im Hinblick auf den größtmöglichen Nutzen für Schüler, die Landkreisschulen und den Landkreis zu bearbeiten und die Umsetzung zum Schuljahr 2022/2023 zu erarbeiten.
- Der Kreistag beschließt die Aufhebung der HLA Gernsbach zum Ablauf des Schuljahrs 2021/2022, spätestens 2022/2023, sofern ein Auslaufenlassen von Bildungsgängen möglich ist. Zudem beauftragt er die Landkreisverwaltung, den Schulträgerbeschluss der obersten Schulaufsichtsbehörde über das RP Karlsruhe vorzulegen und die Zustimmung nach Paragraf 30 des Schulgesetzes für Baden-Württemberg einzuholen.
- Die Landkreisverwaltung wird beauftragt, Möglichkeiten der Folgenutzung für das Schulgebäude zu prüfen, zu erarbeiten und dem zuständigen Ausschuss zu berichten.

326 Schüler verteilen sich auf neun Schularten

Ausführlich erläutert das Landratsamt seinen Beschlussvorschlag und weist unter anderem darauf hin, dass eine Schule mit aktuell 326 Schülern in der öffentlichen Wahrnehmung als ausreichend groß und nicht gefährdet erscheinen könnte. Allerdings müsse man berücksichtigen, dass sich die Schüler einer beruflichen Schule nicht nur auf verschiedene Klassen, sondern – wie im Falle der HLA Gernsbach – auf neun Schularten verteilen. Damit befänden sich durchschnittlich nur circa 40 Schüler in den einzelnen ein- bis dreijährigen Bildungsgängen.

„Immer wieder unterschreiten Schularten der HLA Gernsbach die vom Land vorgegebene Mindestschülerzahl pro Klasse von 16. Über mehrere Jahre hinweg hat die Kultusverwaltung die Schule unterstützt, Maßnahmen ergriffen und Ausnahmen zugelassen. Mit diesem Stand und der festgestellten Entwicklung ist die Schule von der Annahme eines gesicherten Betriebs entfernt: Die von einem niedrigerem Stand vorgezeichneten weiter sinkenden Schüler- und Klassenzahlen gefährden den Bestand von eingerichteten Bildungsgängen, bedingen eine rückläufige Lehrerversorgung und den Verlust des Handlungsspielraums für Schule und Schulträger.“

Schlussfolgerung: „Das an Schülerzahlen gemessene, signifikant nachlassende Interesse am Besuch der HLA Gernsbach sowie die schwierige Personalsituation der Schule verpflichten den Landkreis Rastatt und das Regierungspräsidium Karlsruhe, zügig und zielgerichtet zu handeln. Allein durch die Verlagerung der Bildungsgänge an andere Schulen in Trägerschaft des Landkreises Rastatt könnte das Bildungsangebot im Landkreis gesichert und die Schülerzahlen der umliegenden Schulen in Trägerschaft des Landkreises gestärkt werden.“

Landkreis: Mehrere Optionen für HLA-Gebäude

Die Vorstellungen der Behörden bezüglich der Zukunft der HLA Gernsbach sind klar. Dennoch spricht Kreiskämmerer Burkhard Jung vor der Entscheidung durch den Kreistag von einer 50 zu 50 Chance. Er betont jedoch – gerade angesichts des interfraktionellen Antrags auf Erhalt der Bildungseinrichtung –, dass sich „die Faktenlage nicht weg diskutieren lässt“.

Fakt ist auch, dass der Landkreis Rastatt für das möglicherweise bald leer stehende Gebäude in der Jahnstraße 3 in Gernsbach mehrere Nutzungsoptionen habe. Jung verweist im BT-Gespräch auf die steigenden Schülerzahlen anderer Kreisschulen (Pestalozzischule Rastatt, Erich-Kästner-Schule und Außenstelle Ludwig Guttmann Schule in Bad Rotenfels) sowie auf den Bürobedarf, der nach der Corona-Krise für rund 100 Arbeitsplätze in der Landkreisbehörde vorhanden sei: „Das Gebäude wird sicher nicht leer stehen.“

Für 11. Mai kündigt Jung die Vorstellung einer Standort-Analyse zur Zukunft der Pestalozzischule im Ausschusses für Umwelt, Bau und Planung des Landkreises an. Bekanntlich braucht die Schule für Kinder und Jugendliche mit geistiger Behinderung dringend mehr Platz. Eine Option könnte die HLA Gernsbach sein, so Jung.

Keine Nachteile für Carl-Benz-Schule

Irritiert zeigt sich der Kreiskämmerer über Aussagen, die jüngst bei einer Sitzung der sogenannten Murgtal-Connection der SPD-Ortsverbände getätigt wurden. Dort hieß es, ein Aus der HLA Gernsbach habe möglicherweise auch negative Auswirkungen auf die Carl-Benz-Schule in Gaggenau. Letztere besitze im Vergleich zur HLA eine geringere Schülerzahl. Diese Aussage „ist falsch“, betont Burkhard Jung: Die Carl-Benz-Schule habe fast dreimal so viele Schüler. Es sei „abwegig“ und „ohne Grundlage“, die Zukunft der Berufsschule in Gaggenau in Verbindung zur HLA-Entscheidung zu setzen. Jung weist zudem darauf hin, dass die oft ins Feld geführte Argumentation, die öffentliche Diskussion um den Fortbestand der HLA Gernsbach habe sich kontraproduktiv auf die jüngsten Anmeldezahlen ausgewirkt, nicht zutreffe. Denn die Anmeldefrist für das laufende Schuljahr war längst beendet, als die Diskussion öffentlich wurde.

Zu guter Letzt bezeichnet der Kreiskämmerer die Aussagen als fragwürdig, denen zufolge mindestens 17 Prozent der direkt von einer Schließung der HLA Gernsbach betroffenen Betriebe nicht mehr ausbilden würden. „Die bilden aus, weil es betrieblich erforderlich ist“, glaubt Jung, und nicht, weil die Berufsschule vor der Nase sitzt.

Zudem seien die Schüler der HLA Gernsbach 16 Jahre und älter, also durchaus mobil. In ihrer Freizeit kämen die auch überall hin, meint der Kreiskämmerer – das sollte dann bei einem Schulweg nach Rastatt ebenso der Fall sein.

67 Prozent aus dem Murgtal

Die 326 Schüler der HLA Gernsbach sind 16 Jahre und älter. Von ihnen wohnen 76 Schüler (23 Prozent) in der Stadt Gernsbach, weitere 144 im Murgtal, womit 67 Prozent aller Schüler der HLA Gernsbach aus dem Murgtal stammen. Die übrigen 33 Prozent wohnen in anderen Kommunen des Landkreises Rastatt oder in einem anderen Landkreis. Das geht aus Unterlagen des Landratsamts hervor.

Rückgang kaum aufzuhalten

Die demografische Entwicklung im Murgtal bleibt in der für die HLA Gernsbach relevanten Altersgruppe mindestens weitere fünf Jahre spürbar rückläufig. Selbst 2030 werde den aktuellen Prognosen des Statistischen Landesamts zufolge die Bevölkerungszahl bei den 15- bis 19-Jährigen noch acht Prozent unter der heutigen Bevölkerungszahl liegen. Auch bei einer günstigeren Entwicklung der Demografie und optimistischen Annahmen im Einzugsgebiet sei die Schule nicht in der Lage, den offenbar auch in anderen Faktoren begründeten erheblichen Rückgang der Schülerzahlen auszugleichen. Das stellt das Landratsamt ebenso fest wie landesweit rückläufige Schülerzahlen an beruflichen Schulen. Die kaufmännischen Einrichtungen stünden dabei vor der besonderen Herausforderung, dass diese Berufsfelder besonders von Automatisierungs- und Digitalisierungsprozessen betroffen seien.

Ausbildung leidet unter Schließung

Die Industrie- und Handelskammer (IHK) Karlsruhe hat als regionale Vertretung der Wirtschaftsunternehmen alle direkt betroffenen Ausbildungsbetriebe zur Situation der HLA Gernsbach befragt. Bei einer Schulschließung geben rund 67 Prozent der Befragten an, weiter auszubilden, 17 Prozent würden dies nicht mehr tun und weitere 16 Prozent seien diesbezüglich noch unentschlossen. Als Alternative komme für die meisten die HLA Rastatt und die Robert-Schuman-Schule Baden-Baden in Frage. „Aus den Rückmeldungen ist von Seiten der Unternehmen eine deutlichere Zustimmung zum Standort zu erkennen, als aus den reinen faktenorientierten Fragen“, fasst die IHK zusammen.

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