„Bildungsweg ist stark von der Herkunft abhängig“

Baden-Baden (sga) – Internationaler Tag der Bildung: Baden-Baden ist Teil des Landesprogramms „Bildungsregionen“ und setzt sich für Chancengleichheit ein.

Setzt sich für Chancengleichheit ein: Marianne Müller vom Bildungsbüro der Kurstadt. Foto: Stadt Baden-Baden

© pr

Setzt sich für Chancengleichheit ein: Marianne Müller vom Bildungsbüro der Kurstadt. Foto: Stadt Baden-Baden

In der Adressdatenbank des Kultusministeriums sind etwa 5.000 öffentliche und private Schulen und Bildungseinrichtungen in Baden-Württemberg erfasst. Trotzdem hat nicht jeder die Möglichkeit, von diesem Angebot zu profitieren. Beim Blick auf andere Länder fällt schnell auf: Die Chancengleichheit muss weltweit verbessert werden. Anlässlich des heutigen internationalen Tages der Bildung hat BT-Volontärin Sarah Gallenberger mit Marianne Müller vom Bildungsbüro Baden-Baden über die Angebote in der Kurstadt gesprochen – und darüber, inwieweit dabei auf Landesebene unterstützt wird.

BT: Das Bildungsbüro Baden-Baden ist Teil des Landesprogramms „Bildungsregionen“. Wie kam es dazu?
Marianne Müller: Der Stadtkreis verfügt über ein vielfältiges Bildungsangebot verschiedener Schularten und Bildungseinrichtungen. Das Thema Bildung hat in Baden-Baden eine hohe Priorität, beispielsweise auch im strategischen Entwicklungsplan Baden-Baden 2020 / Fortschreibung Baden-Baden 2030. Im Oktober 2010 hat die Verwaltungsspitze deshalb einen Antrag auf Förderung im Rahmen des damaligen Impulsprogramms „Bildungsregion Baden-Württemberg“ gestellt, das zwischenzeitlich mit der Einrichtung und Etablierung des Bildungsbüros und der Bildungsregion Baden-Baden verfestigt werden konnte.

Informieren und orientieren

BT: Was sind die Themen, mit denen Sie sich in Ihrer Arbeit beschäftigen?
Müller: Unsere Aufgaben leiten sich aus dem Landesprogramm „Bildungsregionen“ ab – wobei jede Bildungsregion eigene Schwerpunkte setzt, je nach Gegebenheit und Bedarf vor Ort. Übergeordnetes Ziel ist es, bestmögliche Bildungs- und Teilhabechancen für Kinder, Jugendliche und Erwachsene zu schaffen. Eine unserer zentralen Aufgaben besteht darin, über das Bildungsangebot in Baden-Baden zu informieren und Orientierung zu geben. Auf unserer Website finden sich Informationen zu den Themen Schule und Berufsorientierung, aber auch zur außerschulischen Jugendbildung und zu frühkindlichen Bildungsangeboten.

Ein weiterer Schwerpunkt unserer Arbeit ist die Qualifizierung. Für Fachkräfte und für Freiwillige im Bildungsbereich bieten wir mit unserem Impulse-Programm Fortbildungen und Vorträge zu aktuellen und wichtigen Bildungsthemen an. Hier geben wir immer auch die Möglichkeit zum Austausch und sind damit gleichzeitig Netzwerker. Inhaltlich stehen vor allem die Bildungsübergänge im Mittelpunkt, also beispielsweise der Übergang von der Kita in die Grundschule oder von der Schule in den Beruf.

Beratung und Entwicklung

BT: Baden-Baden will durch die Teilnahme an diesem Programm das Bildungswesen in der Stadt fördern und wird dabei vom Land unterstützt. Inwiefern lässt sich diese Zusammenarbeit beschreiben?
Müller: Wir bekommen fachliche und finanzielle Unterstützung. Unsere Servicestelle beim Institut für Bildungsanalysen bietet Beratung und Qualitätsentwicklung und veranstaltet regelmäßige Netzwerktreffen und Fachtagungen.

Impulsgeber und Initiator

Außerdem bekommt die Stadt einen Zuschuss zu den Personalkosten. Dazu kommt, dass die Bildungsregionen in staatlich-kommunaler Verantwortungsgemeinschaft geführt werden. Somit sind in unserer Steuergruppe Verantwortliche von Land und Kommune vertreten.

BT: Hierfür benötigt es sicherlich auch reichlich Unterstützung seitens der Stadtverwaltung. Inwieweit zeigt die Rathausspitze Einsatz?
Müller: Unser Bürgermeister Roland Kaiser ist Vorsitzender der Steuergruppe. Hier werden die Gesamtstrategie und Handlungsschwerpunkte festgelegt. Das heißt, die Rathausspitze wirkt richtungsweisend mit in der Bildungsregion.

BT: Sie wollen die regionale Bildungslandschaft für Kinder, Jugendliche und Erwachsene ausbauen und weiterentwickeln. Wie gehen Sie vor?
Müller: Das ist ganz unterschiedlich. Bei Angeboten wie zum Beispiel BaBaLu (Baden-Badener-Lernunterstützung) oder dem Elternmentor-Programm war die Bildungsregion Impulsgeber und Initiator. Mittlerweile laufen beide Programme sehr erfolgreich an anderen städtischen Stellen weiter. Aktuell wird im Fachbereich Bildung und Soziales am Ausbau von Angeboten zur Familienbildung gearbeitet. Hier sind wir Kooperationspartner und planen, unser Impulse-Programm um entsprechende Angebote zu erweitern. Weiterentwicklung bedeutet immer auch, nah an den aktuellen Fragen und Entwicklungen im Bildungsbereich zu sein und diese Themen in Vorträgen und Fortbildungen aufzugreifen.

Kostenfreie Fortbildungen

BT: Was bieten Sie diesbezüglich konkret an?
Müller: Für Familien gezielte Informationen über Bildungsangebote, für die Anbieter selbst kostenfreie Fortbildungen und einen Rahmen für den fachlichen Austausch.

BT: Ein großes Ziel ist es, für alle Menschen gleiche Bildungschancen zu ermöglichen. Weshalb braucht es dafür erst eine Organisation wie Ihre?
Müller: Leider ist es in Deutschland immer noch so, dass der individuelle Bildungsweg stark von der sozialen Herkunft abhängig ist und es gibt viele Bemühungen, dem entgegenzuwirken. Auch hier in Baden-Baden steht die Förderung der Chancengleichheit im Zentrum vieler Angebote und wird durch Fachkräfte in verschiedenen Institutionen mit großem Engagement vorangetrieben. Beispiele sind das Programm Kita-Einstieg, die Sprachförderung in den Kitas, Förderangebote und Schulsozialarbeit, die Elternmentoren oder Projekte wie die Zukunftsscouts der Caritas. Die Bildungsregion arbeitet übergreifend und nimmt die gesamte Bildungskette in den Blick. Die Bildungsakteure werden bei ihren Aufgaben unterstützt.

Orientierung an anderen Kommunen

BT: Gibt es Fragen innerhalb Ihrer Arbeit, für die Sie bisher noch keine Antworten gefunden haben?
Müller: Das würde ich so nicht formulieren. Unser Ansatz ist der, Impulse zu geben und zu unterstützen. Wenn wir keine eigenen Erfahrungswerte in einem bestimmten Bereich haben, schauen wir, wie andere Bildungsregionen oder Kommunen es machen und inwieweit sich das auf unsere Bildungsregion übertragen lässt.

BT: Wie kommt Ihre Arbeit bei den Bürgern an?
Müller: Nur ein Teil des Angebots richtet sich direkt an die Bürger. Hier können wir über Zugriffszahlen auf unserer Website sehen, welche Beiträge besonders gefragt sind. In diesem Jahr war das vor allem das Informationsangebot zum Schulstart nach den Sommerferien. Ein Großteil der Arbeit wirkt sich aber eben nur indirekt auf Kinder, Jugendliche oder Eltern aus.

Wenn wir FSJ-Kräfte, die an Schulen eingesetzt werden, in pädagogischen Grundlagen schulen, werden sie anders auf die ihnen vertrauten Kinder zugehen. Wenn wir einen Fachtag zum Thema Resilienz durchführen, können Pädagogen zum einen Widerstandskräfte bei Kindern und Jugendlichen stärken, zum anderen auch wichtige Impulse für sich selbst mitnehmen und der Herausforderungen ihrer Arbeit anders begegnen. Die Wirkung solcher Angebote ist nicht messbar, aber wir bekommen von den Teilnehmern sehr positives Feedback, auch bei der Frage, ob sich die Inhalte gut in die Praxis mitnehmen lassen.

Digitalisierung als Schwerpunkt

BT: Gibt es Ziele, die Sie in naher Zukunft noch erreichen wollen?
Müller: Ein Schwerpunkt wird in diesem Jahr definitiv das Thema „Schulstart“ sein. Viele vorbereitende Angebote für Vorschulkinder können durch die Corona-Beschränkungen nicht stattfinden. Hier wollen wir mit Informationsangeboten und verstärkter Vernetzung unterstützen. Außerdem sind einige Kooperationsangebote unter anderem mit dem Kinder- und Jugendbüro und mit dem kommunalen Suchtbeauftragten geplant. Wir werden uns gegebenenfalls mit Folgeproblemen der Kita- und Schulschließungen befassen. Auf längere Sicht wird die fortschreitende Digitalisierung sicherlich ein Schwerpunktthema sein – mit allen Veränderungen, die sie im Bildungsbereich und im Berufsleben mit sich bringt.


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.