Binge-Watching gibt’s auch im Kino

Karlsruhe (BNN) – Ob Bond 25, Matrix 4 oder Spider-Man 3 – viele neue Filme dauern zweieinhalb Stunden und länger.

Schaurig-schöner Albtraum-Trip: Oscar-Preisträger Guillermo del Toro lässt sich in „Nightmare Alley“ Zeit, den Helden (Bradley Cooper) zu verorten. Foto: Kerry Hayes/20th Century Studios

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Schaurig-schöner Albtraum-Trip: Oscar-Preisträger Guillermo del Toro lässt sich in „Nightmare Alley“ Zeit, den Helden (Bradley Cooper) zu verorten. Foto: Kerry Hayes/20th Century Studios

50 sei das neue 30, heißt es seit einiger Zeit hinsichtlich des (gefühlten) Lebensalters. Im Kino hingegen sieht es derzeit so aus, als sei 150 das neue 90. Denn immer mehr Leinwandproduktionen packen auf die klassische Laufzeit von 90 Minuten, die einst als Standard galt, eine Stunde oder sogar mehr drauf. Ob das jüngste Bond-Abenteuer, Fantasy-Spektakel wie „Dune“ oder „Spider-Man 3“, die Neuauflage von „Matrix“ oder das Real-Life-Drama „House of Gucci“ – keiner dieser Filme ist kürzer als zweieinhalb Stunden. Und auch der nun anlaufende Thriller „Nightmare Alley“ von Guillermo del Toro (Oscar-Preisträger für „The Shape of Water“ 2018) erreicht diese Länge.

Eine mögliche Erklärung könnte sein, dass die Kinobranche auf den Boom von Fernseh- und Streaming-Serien reagiert. Mit ausgiebigen Sitzfleisch-Tests wollte Hollywood bereits in den 1950er und 60er Jahren dem damals aufblühenden „Pantoffelkino“ Paroli bieten. Setzte sich das Kino damals mit großer Opulenz à la „Ben-Hur“ oder „Lawrence von Arabien“ vom Fernsehen ab, so docken die aktuellen Langfilme eher an die neue Gewohnheit des Binge-Watchings an. Wer sechs bis acht 45-minütige Folgen einer aktuellen Streamingserie in einem Rutsch schaut, für den sind auch 164 pausenlose Minuten mit James Bond wahrlich keine Zeit zu sterben.

Genutzt werden diese Laufzeiten sehr unterschiedlich: Während die aktuellen Abenteuer von „Bond“ und „Spider-Man“ jeweils eine größere Gesamterzählung abrunden und dabei etwas hektisch mit offenen Handlungssträngen hantieren, füllt der vierte „Matrix“ seine 148 Minuten souverän mit dynamischen Tempowechseln. „House of Gucci“ hingegen wirkt trotz der Länge von 158 Minuten etwas löchrig, als sei hier ein längerer Serienstoff zur Kino-Auswertung zusammengekürzt worden, während „Dune“ seine 156 Minuten für großen Detailreichtum nutzt, um das Publikum völlig in die Science-Fiction-Welt des Wüstenplaneten Arrakis eintauchen zu lassen.

Denn die neuen Laufzeiten mögen zwar ans Binge-Watching andocken. Doch sie erlauben zugleich größere Spannungsbögen als die Taktung von Serienfolgen, wo es Ergebnisse geben kann wie bei der jüngsten Star-Wars-Serie „Das Buch von Boba Fett“: Dort begnügen sich manche Episoden mit nicht einmal 35 Minuten Handlung. Da wäre Guillermo del Toros „Nightmare Alley“ noch lange nicht fertig mit dem ersten Akt.

Keine überflüssige Szene bei del Toro

Wobei dieser Film tatsächlich auch als dreiteilige Mini-Serie denkbar wäre, denn er erzählt in klassischer Drei-Akt-Form von Entwicklung, Aufstieg und Fall ihrer Hauptfigur. Der reine Plot lässt sich schnell zusammenfassen: Der Wanderarbeiter Stanton (Bradley Cooper) heuert bei einem reisenden Kuriositätenkabinett an und entdeckt sein Talent, das Publikum zu manipulieren. Damit macht er in der Großstadt eine glänzende Karriere als „Mentalist“ – bis er den Bogen seiner Betrügereien auf fatale Weise überspannt.

Wie es dazu kommt, ließe sich im Kino zwar auch kürzer (oder schneller) erzählen als del Toro es hier tut. Nicht jede Szene ist zwingend notwendig, um zu begreifen, was Stanton antreibt und wohin sein Weg ihn führt. Aber es wirkt auch keine Szene überflüssig. Vielmehr nehmen sich del Toro und seine Co-Drehbuchautorin Kim Morgan (die seit kurzem miteinander verheiratet sind) genau das richtige Maß an Zeit, um ihren zwielichtigen Helden in seiner jeweiligen Umgebung zu verorten. Die harten Zeiten beim Wanderzirkus bilden den plastischen Kontrast zu Stantons späterem Luxusleben, das er mit Hilfe einer undurchschaubaren Psychologin (Cate Blanchett) absichern will. Und dieses Luxusleben wiederum kontrastiert mit dem unbarmherzigen, aber konsequenten Absturz.

Schaurig-schöne Beklemmung

Zum so düsteren wie bunten Augenschmaus wird „Nightmare Alley“ dank del Toros Gespür für Bildgestaltung: Vom Auftakt mit einer brennenden Hütte, den auch David Lynch kaum albtraumhafter gestalten könnte, bis zum bitteren Ende mit einer Großaufnahme von Stantons Gesicht (und einem Lachen, das einen noch nach dem Abspann verfolgt) beweist der mexikanische Filmemacher erneut seinen Sinn für schaurig-schöne Beklemmung. Und flankiert von drei schillernden Frauen (neben Cate Blanchett haben Toni Colette und Rooney Mara starke Rollen) glänzt Bradley Cooper, der Stanton als amoralischen Aufsteiger und armen Hund zugleich zeigt.

Mit seinen Schauspielern und seinen Schauwerten macht „Nightmare Alley“ also alles richtig. Und eigentlich auch mit seiner Laufzeit, die absolut angemessen ist, aber ein Problem mit sich bringt: Ein 150-Minüter kann pro Kinosaal höchstens drei Mal am Tag gezeigt werden, unter der Woche ohne Spätvorstellung sogar nur zwei Mal. Und in Zeiten, in denen bereits fünf andere 150-Minüter täglich mindestens eine Leinwand belegen (bei „Spider-Man“ sind es oft auch zwei), finden sich selbst für eine solche stargespickte Produktion nur schwer noch freie Zeitfenster.

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