Biografie in Häppchen: Sophie Scholl

Baden-Baden/München (sr) – Auf Instagram findet sich eine Biografie der Widerstandskämpferin Sophie Scholl, die jeden Tag ein bisschen mehr erzählt. Die User-Zahlen gehen durch die Decke.

Schauspielerin Luna Wedler hat die Rolle der Sophie Scholl in einer Echtzeit-Produktion auf Instagram übernommen. Foto: Rebecca Rütten/SWR/Sommerhaus Film

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Schauspielerin Luna Wedler hat die Rolle der Sophie Scholl in einer Echtzeit-Produktion auf Instagram übernommen. Foto: Rebecca Rütten/SWR/Sommerhaus Film

Fernsehmachen wird auch nicht leichter: Der klassische TV-Abend ist Vergangenheit, stattdessen fixiert heute jeder ein mobiles Gerät und verfolgt individuelle Programme. Und junge Leute sehen überhaupt nicht mehr fern – sie finden die Filme, die sie interessieren, auf anderen Kanälen. „Wir müssen bei Fiction neue Wege finden“ – das war auch der Tenor der Jahrespressekonferenz des Südwestrundfunks im Februar. Einen solchen neuen Weg begeht jetzt die Produktion „Ich bin Sophie Scholl“, die am 4. Mai auf Instagram gestartet ist.

Der 4. Mai 1942 hatte im Leben der Widerstandskämpferin Sophie Scholl (1921-1943) eine besondere Bedeutung: Sie verließ das Elternhaus in Ulm und fuhr nach München, um Philosophie und Biologie zu studieren. Sie hoffte auf ein Leben in persönlicher Freiheit. Hier steigt der Film ein, der eigentlich 120 Minuten lang wäre, würde man ihn am Stück sehen. Aber der SWR liefert immer nur ein Häppchen pro Tag, eine komprimierte Szene von vielleicht anderthalb Minuten, immer montags bis freitags.

Authentisches Video-Tagebuch

Das Projekt ist wie ein Video-Tagebuch aufgezogen: Sophie Scholl spricht in die Kamera eines Handys, es wackelt und ruckelt realistisch, obwohl das Ganze natürlich mit professionellen Kameras aufgenommen wurde, wie Ulrich Herrmann im BT-Gespräch erklärt, einer der verantwortlichen Redakteure beim SWR. Der Südwestrundfunk realisiert diese Produktion in Zusammenarbeit mit dem Bayerischen Rundfunk. Als Vorlage dient eine israelische Instagram-Serie, „Eva Stories“, die das Leben eines zwölfjährigen jüdischen Mädchens in Budapest zur NS-Zeit schilderte. „Das war der erste Versuch einer historischen Biografie auf Instagram“, so Herrmann.

Briefe und Aufzeichnungen als Grundlage

Sophie Scholls Leben ist gut dokumentiert: Briefe und Aufzeichnungen sind veröffentlicht, eine neue Biografie von Maren Gottschalk erschien im Vorfeld des 100. Geburtstags am 9. Mai („Wie schwer ein Menschenleben wiegt: Sophie Scholl“, Verlag C.H. Beck). Die Historikerin Maren Gottschalk hat das Instagram-Projekt wissenschaftlich begleitet.

Und wer schaut da jetzt zu? „Unsere User sind laut Testings überwiegend in der Altersgruppe 19 bis 25 Jahren zu finden, aber nicht nur. Die Mehrheit dürfte weiblich sein, aber wir gehen auch von männlichen Zuschauern und von Interessierten aus höheren Altersgruppen aus“, sagt Ulrich Herrmann. Angesprochen werden grundsätzlich alle Altersgruppen, nur ist hier eben das Medium ein besonders junges. In die gespielten Szenen wurden immer wieder Originalaufnahmen aus dem München der 1940er-Jahre eingebaut. „Wenn Sophie Scholl am Hauptbahnhof ankommt, sehen wir historische Bahnhofsaufnahmen.“

Insgesamt will die Serie ein „differenziertes und genaues Bild von Sophie Scholl und den damaligen Geschehnissen“ vermitteln, so Herrmann. „Viele junge Leute kennen heute zwar den Namen Sophie Scholl noch, können ihn aber nicht mehr einordnen“, sagt er. Deshalb will man sich mit der Produktion auch an Schulen wenden und plant eine Kooperation mit dem Bildungsfernsehen „Planet Wissen“.

Zuschauer signalisieren großes Interesse

Mit den Zuschauerzahlen ist der SWR mehr als zufrieden – „die explodieren gerade“, sagt Herrmann. Mittwochmittags, am 5. Mai, also am zweiten Tag, waren es bereits fast 250.000 User. Die Serie begleitet Sophie Scholl zehn Monate lang bis zu ihrer Verhaftung im Februar 1943. Die 21-Jährige wird von Luna Wedler gespielt, mit dabei sind Max Hubacher als Hans Scholl, Maria Dragus als Inge Scholl und Leonard Scheicher als Sophies Freund Fritz Hartnagel. Die Autorinnen sind Ira Wedel und Rebecca Martin. Regie führen Tom Lass und Suli Kurban.

Ihr Autor

BT-Redakteurin Sabine Rahner

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Erstellt:
5. Mai 2021, 16:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 43sec

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