Biowein aus Bühl mit blökender Beteiligung

Bühl (fvo) – Ein Pilot-Projekt im „Oberen Danngraben“ in Kappelwindeck setzt auf natürlichen Nährstoffkreislauf – und zehn Ouessant-Schafe. Die Tiere helfen bei der Produktion von Biowein.

Alte Reben, neue Ordnung: Biowinzer Guido Seyerle und Susanne Panther (Stadt Bühl) stellen das Pionierprojekt im Oberen Danngraben vor. An dieser Stelle käme Weidefläche für Zwergschafe. Foto: Vollmer

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Alte Reben, neue Ordnung: Biowinzer Guido Seyerle und Susanne Panther (Stadt Bühl) stellen das Pionierprojekt im Oberen Danngraben vor. An dieser Stelle käme Weidefläche für Zwergschafe. Foto: Vollmer

Sie können sich schonmal auf eine fantastische Aussicht freuen, jene zehn bretonischen Zwergschafe, die künftig eine gewichtige Rolle spielen sollen im Kappelwindecker Gewann „Oberer Danngraben“. In traumhafter Südhanglage gegenüber vom Restaurant „Jägersteig“ sollen sie nicht nur brachliegende Rebflächen freihalten, sondern sich auch aktiv an der Unkrautbekämpfung in einem Biowein-Areal beteiligen. Ein Pilotprojekt der Stadt Bühl mit Biowinzer Guido Seyerle, das dank naturschutzspezifischem Alleinstellungsmerkmal auf Leader-Gelder hoffen darf.

„Im Prinzip ist das eine privat-städtische Flurbereinigung“, fasst der Wein-Pionier aus Schwäbisch Hall die anvisierte Neuordnung der 50 bis 60 Jahre alten Lagen zusammen. Der gebürtige Plochinger (Jahrgang 1968) darf künftig das wenige Meter hinter dem Schützenhaus beginnende Gelände betreuen und dort jenen oeno-ökologischen Ansatz verwirklichen, den er auch schon im heimischen Betrieb (vinisto-weingarten.de) und seinem Gelände am Sternenberg in Altschweier praktiziert. Zielsetzung: „Den Nährstoffkreislauf, der in früheren Zeiten üblich war, zu schließen“, sprich die Natur wieder in den Weinberg zu holen und so für ein geschlossenes Ökosystem statt Monokultur zu sorgen. Konkret soll oberhalb des Zufahrtswegs ein eineinhalb Hektar großes offenes Gelände (0,8 Hektar davon eingezäunt) zur Beweidung entstehen, das die Stadt erwirbt und an ihn verpachtet, unterhalb des Weges kann er sich dann auf einem rund drei Hektar großen Gelände mit Biowein austoben.

Verzicht auf jedwedes Spritzmittel

Das Besondere an Seyerles Philosophie, die er „Bio plus“ nennt, ist nicht nur der dauerhafte Einsatz des Ouessantschafes, sondern auch der Verzicht auf jedwedes chemisches oder biologisches Spritzmittel, insbesondere Kupfer und Schwefel, die sonst im Organismus der vierbeinigen „Rasenmäher“ landen würden. Was langfristig zu Kreislaufproblemen bis hin zum Herzschlag führen könnte, so die Erkenntnisse der Hochschule Rottenburg, die das Projekt wissenschaftlich begleitet.

43 Kleinbesitzer sind aktuell noch in diesem schon privatwegrechtlich ziemlich verpuzzelten Landschaftsschutzgebiet notariell eingetragen, von aktiver Bewirtschaftung aber kaum noch eine Spur. „Die jeweiligen Flächen sind sehr klein. Das geht ab 400 Quadratmetern los, das lohnt sich für den Einzelnen kaum noch“, weiß Seyerle. Gerade Mal drei Eigentümer sind noch zugange, darunter Seyerle selbst mit Riesling und Spätburgunder, der Rest des granitverwitterten Terrains ist relativ verwahrlost bis verwuchert, stellenweise ploppt ein Brombeerurwald auf – ökologisch wünschenswert,würde es nicht die Kirschessigfliege anlocken.

Neu am Konzept ist auch, dass ins Rebgelände 100 hochstämmige schattenspendende Obstbäume integriert werden, mit dem Fokus auf alten, bedrohten Birnensorten (Champagner Bratbirne, Palmischbirne) und entsprechendem Input für den Kreislauf (Schutz für Insekten, Vögel). Womit sie weit weniger Fremdkörperstatus haben als die diversen irregeleiteten Leitplanken oder verbauten Betonelemente im Gelände. Die Bäume werden in Kooperation mit Slow Food Arche ausgewählt, können später zur Veredelung und so zur Arterhaltung dienen, selbst einen „Baumretter-Schnaps“ hat Seyerle im Visier. Und wenn man den studierten Garten-/Landschaftsbauer, Buchautor und Experten (German Wine Professional) über einfallende Talwinde („Für die Pilzbildung ganz entscheidend“) oder Synergieeffekte durch die Schafe („Neben der natürlichen Düngung verscheucht ihr Getrampel die Mäuse“) und mäusefangende Schlingnattern reden hört, spürt man schnell, dass der ganzheitliche Ansatz ab ovo verstanden wird. Ordentlich geschnittenes Gras ist seine Philosophie nicht. Eher schon ein Lehr- und Versuchspfad oder am bestens gleich ein „Schmetterlingstal“ mit bienen-, falter- und amphibienfreundlicher Bepflanzung.

Das Ganze deckt sich mit dem hehren Ansatz der Stadt, Eigenart, Vielfalt und Biodiversität des Terrains zu fördern. „Letztlich geht es auch darum, das Gelände bis zum Wald offenzuhalten“, erklärt Susanne Panther, bei der Abteilung Stadtplanung-Bauen-Immobilien für Grünentwicklung im Außenbereich zuständig.

Turnerisches Defizit verhindert Schäden

Wobei das stellenweise sehr steile Terrain schon einiges an Akrobatik abverlangt für die kleinwüchsigen, breitschultrigen Vierbeiner, weshalb das Weinareal auch querterrassiert wird. Ihr strategischer Vorteil ist eigentlich ein turnerisches Defizit. „Die sind zwar echte Klettermeister, aber sie können sich nicht gegenseitig auf den Rücken steigen und sind damit für die Rebtriebe ungefährlich“, berichtet Seyerle. Die Anzahl der bald schwarz-, bald weiß-farbigen Schafe soll sukzessiv auf 20 Tiere erhöht werden, dank freundlicher Mithilfe eines Bocks und unter Einbindung des Veterinäramts.

In der nordwestlichen oberen Ecke nahe Waldrand ist ein vier auf sieben Meter großer Stall vorgesehen, von wo die blökenden „Schichtarbeiter“ von einem noch auszubildenden australischen Shepherdhund täglich nach unten eskortiert werden. Auf der Agenda steht nicht zuletztdieErrichtung eines Wolfsschutzzauns durch die Stadt, der komplett gefördert wird. Wobei der Luchs das weit größere Problemist, immerhin „in der Lage, Hürden von 2,50 Meter aus dem Stand zu überwinden“. So muss auch der unterste Draht des Rahmens der Reben höher angebracht (mindestens 1,05 m) sein. Alles in allem „ein Haufen Arbeit, die hinten dran steht“, bis man mal zum eigentlichen önologischen Geschäft kommt: Jenen „Piwis“, unter anderem vom Weinbauinstitut Freiburg gezüchtete pilzresistente Sorten, von denen 4.000 Stöcke pro Hektar gepflanzt werden: Im Fokus etwa Sauvignac, Cabernet Blanc und Satin Noir.

Panther hofft jedenfalls, dass im September der Zuwendungsbescheid für das Pilotprojekt in Sachen Offenhaltung vorliegt, das der Aussschuss der Leader Aktionsgruppe Mittelbaden im März ausgewählt hat (das Biowein-Projekt läuft über ein separates Förderprogramm). Der zweite differenzierte Förderantrag muss bis Juli ans Regierungspräsidium, sodass nach der letzten Weinlese die komplette Umgestaltung beginnen kann. „Mit der Errichtung des Zauns können wir schon vorher beginnen“, so Panther. Wobei übrigens Besitzer, die ihr Rebkontingent behalten wollen, das Gelände selbst abräumen müssen. Sämtliche Abrechnungen müssen jedenfalls bis Ende des Jahres vorliegen.

Was durch Umschreibung und Erwerb der Gelände an Kosten auf die Stadt zukommt, kann Panther noch nicht beziffern. Fakt ist jedenfalls, dass die Stadt, insbesondere das Liegenschaftsamt, einen tollen Job macht. „43 Notartermine so unter einen Hut zu bekommen, ist schon eine Leistung“, verteilt Seyerle ein Sonderlob.

Ihr Autor

BT-Redakteur Franz Vollmer

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Erstellt:
6. Mai 2021, 11:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 55sec

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