Bis dass die Impfung uns scheidet

Karlsruhe (ser) – Portale werben mit Dating, Jobs und Reisen für Ungeimpfte. Anfragen zeigen, dass es sich oftmals tatsächlich um exklusive Angebote handelt. Auch im Raum Karlsruhe gibt es Anbieter.

Der Marburger Sozialpsychologe Ulrich Wagner. Foto: Laackman Photostudios

© J.Laackman PSL-Studios Marburg

Der Marburger Sozialpsychologe Ulrich Wagner. Foto: Laackman Photostudios

Fast hätte die Buchung geklappt. Die Besitzerin eines Ferienhofs im Ortenaukreis stimmt dem Termin zu. Ein Wochenende Ende Februar, eine vierköpfige Familie, eines der großen Gästezimmer – ja, das passt. Doch am Ende des Telefonats geht es noch um den Impf-Status. Geimpft? „Tut mir leid“, sagt die Frau. „Das geht nicht.“

Der Ferienhof war schon im vergangenen Jahr in die Schlagzeilen geraten, weil er geimpfte Stammgäste abgelehnt hatte. Nun zieht die Betreiberin offenbar eine striktere Linie – alle Geimpften werden abgelehnt. In Online-Bewertungen ist von einer „tollen Aktion“ die Rede, andere schreiben von Diskriminierung.

Mittlerweile gibt es einige Angebote, die nur Ungeimpften zur Verfügung stehen. Auch Dating-Plattformen, Jobbörsen oder Reiseportale werben mit „Impffreiheit“. Eine Impfung ist dort in vielen Bereichen tatsächlich ein Ausschlusskriterium, wie Recherchen zeigen.

Auf der Job-Börse werden Fake-News verbreitet

Als „Alternative Jobbörse“ präsentiert sich „Impffrei.work“. Dort heißt es: „Arbeiten ohne Impfung, Ausgrenzung und Diskriminierung.“ Nutzerinnen und Nutzer werden mit Fake-News versorgt. Unter anderem zu PCR-Tests („skandalöser weltweiter Medizinbetrug“), anderswo ist von den „Hexenküchen der Virologie“ die Rede.

Auf der Plattform gibt es Job-Angebote in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Mehrfach gesucht werden dabei auch Pflegekräfte – ungeimpfte Menschen kommen damit ausgerechnet mit den besonders anfälligen Gruppen in Kontakt.

Für den Großraum Karlsruhe finden sich 15 Inserate. Ein Handwerksbetrieb aus der Region sucht einen Mitarbeiter. Der Inhaber möchte sich auf Anfrage nur anonym äußern, weil er „die Behörden nicht auf sich aufmerksam machen möchte“, wie er sagt. „Ich bin auf der Plattform gelistet, weil ich mit den Maßnahmen nicht einverstanden bin“, sagt der Mann. „Und ich möchte Menschen eine Chance geben, die sich für ihr Immunsystem selbst verantwortlich fühlen.“ Über die Plattform jedenfalls habe er Erfolg gehabt.

Dating-Plattform: Angaben zur „Gentherapie“

Wie reagieren dort suchende Arbeitnehmer auf eine mögliche Impfung? Job-Anfrage bei einem Generationenhaus in Sachsen, das einen „Traumarbeitsplatz“ in einer kleinen Kita anbietet. Gesucht wird „eine Heilpädagogin/Erzieherin (m/w/d)“. Auf die Frage, ob eine mögliche Impfung ein Problem darstellt, antwortet die Geschäftsführerin: „Das Impfen wäre ein Ausschlusskriterium, da wir selbst denkende Kollegen und Kolleginnen bevorzugen.“

Und: „Das Risiko, dass Sie als Geimpfter einen unserer Mitarbeiter anstecken, ist zudem derart hoch, dass wir auch das Risiko für unser Team nicht eingehen können.“ Die Geschäftsführerin verweist auf Zahlen des Robert-Koch-Instituts, wonach Geimpfte 95,58 Prozent der Omikron-Fälle ausmachen. Die Zahl stimmt – Experten warnen aber vor einer solchen Interpretation. Die untersuchten Fälle bilden nur einen kleinen Teil der angefallenen Omikron-Fälle ab. Zudem müssen mehrere Faktoren berücksichtigt werden: Geimpfte haben wieder deutlich mehr Kontakte und damit auch ein höheres Risiko für Ansteckungen. Daher, betonen Experten, ist eine hohe Quote derzeit nachvollziehbar.

Doch oft zählt einfach nur der Status: ungeimpft. Wer sich auf der Dating-Plattform „Impffrei.Love“ anmeldet, kann unter dem Stichwort „Covid Gentherapie“ auswählen: „nein“ oder „keine Angabe“. Etwa 100 Teilnehmer sind zu gewöhnlichen Zeiten online, im Großraum Karlsruhe sind 129 Nutzerinnen und Nutzer gemeldet, wie die Suchfunktion zeigt.

Viele Netzwerke werden auf Telegram beworben

Der Aufbau ist ähnlich der von bekannten Dating-Plattformen. Bei genauerer Ansicht fallen aber Unterschiede auf: In den Profilen wird über „bewusst-sein“ geschrieben. Die Themen im Forum lauten etwa „War Robert Koch seriös und existieren Viren überhaupt?“, „Wer hat schon mal Völkerrecht erfolgreich durchgesetzt?“ oder „Bleibt standhaft!“

Die Anmeldung als Gast bei „Impffrei.Love“ ist kostenlos. Wer jedoch wirklich mit anderen Mitgliedern schreiben und sich in den Foren austauschen möchte, zahlt für eine Mitgliedschaft 15 bis 20 Euro pro Monat. Die Plattform zitiert einen Nutzer: „In den heutigen Zeiten ist es wichtiger denn je, sich mit Gleichgesinnten zu verbinden.“ Andere Bewertungen gehen weiter: nur dort gebe es einen respektvollen Umgang.

Das Gefühl, als Ungeimpfter ausgegrenzt zu werden, äußern viele Menschen auf Telegram. Der Messenger-Dienst wurde zur beliebten Plattform für die Querdenker-Szene. In vielen Gruppen, die in irgendeiner Form für Ungeimpfte werben, werden per Video oder Artikel Fake-News verbreitet.

Ettlinger Hausärztin: „Für Ungeimpfte ist es extrem schwer“

In manchen der Gruppen aber äußern Ungeimpfte einfach nur ihre Erfahrungen bei Arzt-Besuchen. In einem Kommentar heißt es: „Ich habe bereits sieben Mal den Arzt gewechselt, bis ich bei meiner Ärztin angekommen bin, mit der ich klar komme.“ Eine Frau schreibt, ihr Hausarzt sei „sehr befremdlich geworden“, seitdem er wisse, dass sie nicht geimpft ist. „Da ist das Arzt-Patienten-Verhältnis schon sehr gestört und distanziert geworden.“

In einer Gruppe können Menschen schreiben, welche Fachrichtung sie suchen, dazu ihre Postleitzahl – Ärztinnen und Ärzte sollen sich dann per privater Nachricht bei ihnen melden.

In den Gruppen kursiert auch eine Liste mit Ärzten, die sich angeblich gemeldet haben und „nicht impfen, bzw. auch Ungeimpfte in Ihrer Praxis willkommen heißen“. Genannt wird der Verein „Ärzte für individuelle Impfentscheidung“, bei dem auch die Ettlinger Hausärztin Adelheid Steffens beteiligt ist. Ungeimpfte berichteten ihr von ganz massiven Problemen bei ihren Hausärzten, sagt sie auf Nachfrage, viele würden abgewiesen werden oder müssten außerhalb der Praxis warten. „Ich bekomme Anfragen ohne Ende“, sagt Steffens. Und sie mache keinen Unterschied beim Impf-Status. „Für Ungeimpfte ist es extrem schwer, durchs Leben zu kommen.“

Sozialpsychologe sieht Fehler der Politik

Dass sich Ungeimpfte in soziale Gruppen zurückziehen, hält der Marburger Sozialpsychologe Ulrich Wagner für eine „nicht ungefährliche Begleiterscheinung“. Das Verhalten sei aber vorhersehbar gewesen. „Ungeimpfte fühlen sich in die Ecke gedrängt. In solchen Situationen ist es typisch, dass Teile der Gruppe Selbstvergewisserung suchen.“

Aber, das betont Wagner, die gegenseitige Abgrenzung sei der Treiber. Weil aus der Politik klare Ansagen fehlten, haben sich Ungeimpfte und Geimpfte nur noch miteinander beschäftigt, so Wagner. „Das hat diesen Konflikt drastisch verschärft.“ Die beiden Interessen ließen sich nicht vereinen. Eine Möglichkeit in der Konfliktberatung sei es, sich aus dem Weg zu gehen. „Auch wenn ich als Bürger und Demokrat ein Problem damit habe – aber das kann eine Zwischenlösung sein.“

Langfristig müsse es andere Lösungen geben. Der Sozialpsychologe fordert dafür eine klarere Kommunikation der Politik. Die Gesellschaft müsse darüber nachdenken, wie sie Mehrheitsverhältnisse wieder verstärkt respektieren kann. Wagner ist sich sicher: „Das Auseinanderklaffen gefährdet auch über die Pandemie hinaus unsere Gesellschaft.“

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In vielen Bereichen suchen Arbeitgeber auf bestimmten Portalen nach ungeimpften Mitarbeitern. Foto: Screenshot/privat

© Raviol, Sebastian

In vielen Bereichen suchen Arbeitgeber auf bestimmten Portalen nach ungeimpften Mitarbeitern. Foto: Screenshot/privat


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