Bis unters Dach: Ein Haus voller Uhren

Baden-Baden (jo) – Das Herz von Manuel Fernandez schlägt für Uhren. Seit Jahren sammelt er tickende Antiquitäten, die er mit Leidenschaft restauriert.

In Frankreich einst weit verbreitet: Manuel Fernandez zeigt Comtoise-Uhren mit fantasievollen Applikationen. Foto. Joachim Eiermann

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In Frankreich einst weit verbreitet: Manuel Fernandez zeigt Comtoise-Uhren mit fantasievollen Applikationen. Foto. Joachim Eiermann

Sein Herz schlägt für alte Uhren. Das Haus von Manuel Fernandez aus Baden-Baden ist voll davon. Im Flur und in allen Zimmern ertönt der Puls der Zeit. Der 79-Jährige sammelt vor allem Wand- und Standuhren und investiert ungezählte Stunden in deren liebevolle Restaurierung – seit mittlerweile 60 Jahren. „Mit einem demolierten Regulator hat alles angefangen“, erinnert er sich.

Regulatoren sind zeitgenaue Pendelwanduhren hinter Glas, einem Möbelstück gleich mit Schnörkeln verziert. Eine Tante seiner späteren Frau überließ dem handwerklich begabten jungen Mann das beschädigte gute Stück. „Danach kam eines zum anderen.“ Als da vor allem sind: französische Comtoise-Uhren, Schwarzwalduhren mit Porzellanschildern oder Hinterglasmalereien sowie Tischuhren und schwere Kaminuhren. Mitunter für wenig Geld erstanden und dann aufgepäppelt. Gelistet hat der Sammler seine tickenden Antiquitäten nicht, er schätzt ihre Anzahl auf etwa 160. In allen Exemplaren steckt der Stolz, den beschädigten Chronometern eigenhändig wieder Glanz verliehen und sie in ihren Originalzustand versetzt zu haben. So manches Relikt bewahrte er vor dem Müll.

Besonderes Exemplar eines Friseurgeschäfts

Ein ganz besonderes Exemplar steht in einem Bastelraum im Dachgeschoss. Dieser Chronometer hat Fernandez auf den Plan gerufen, als er kürzlich im BT den Bericht aus Ottersweier über die Reparatur der großherzoglichen Aspichhof-Uhranlage gelesen hatte. „Eine solche Uhr habe ich auch“, meldete er sich in der Redaktion. Sie schmückte einst die Fachwerkfassade des früheren Friseurgeschäfts Peter in Sandweier, war jedoch außer Betrieb. Nach dem Tod des Besitzers gelang es Fernandez, das außergewöhnliche Stück, auf das er schon länger ein Auge geworfen hatte, zu erstehen.

Bei ihm führt die Außenuhr nun ein „Innenleben“. Die einzelnen Teile sind auf einen Metallrahmen montiert. Auf dem Uhrwerk ist die Nummer 1719 vermerkt, jedoch keine Angabe zum Baujahr. Ein solches Uhrwerk wurde auch in der erfolgreichen Bahnhofsuhren-Produktion des Straßburger Herstellers Schwilgué und seiner Nachfolger, den Gebrüdern Ungerer, verbaut. Im Gegensatz zur Messingplatine der um 1850 montierten Schwilgué-Uhr am Aspichhof ist die Kreuzplatine des von Ungerer weiterentwickelten Uhrwerks aus Eisen. Fernandez‘ Prachtstück stammt aus dieser Reihe und ist somit einiges an Jahren jünger. Das Zifferblatt, zu dominant für das kleine Zimmer, befindet sich in Pendelhöhe an der Wand. Der Sammler und Bastler hat eine neue, transparente Zeitanzeige angefertigt.

Besonderes Relikt: Fassadenuhr des früheren Friseurgeschäfts Peter in Sandweier, eigentlich eine „Bahnhofsuhr“. Foto: Joachim Eiermann

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Besonderes Relikt: Fassadenuhr des früheren Friseurgeschäfts Peter in Sandweier, eigentlich eine „Bahnhofsuhr“. Foto: Joachim Eiermann

Woher rühren die mechanischen Fertigkeiten des gebürtigen Spaniers? Erste Kenntnisse hatte er sich bereits in seiner Jugend beim Bau von motorisierten Flugzeug- und Schiffsmodellen erworben. Aufgewachsen als einer von drei Söhnen einer bürgerlichen Familie in Madrid (der Vater betreute den Fuhrpark des Pallas-Hotels) lernte er zunächst Bankkaufmann, was ihn jedoch nicht erfüllte. Als er einen Bruder in Deutschland besuchte, „bin ich dageblieben“.

Arbeit als Handwerker gab es genug. Er begann als Bauschlosser-Gehilfe. Anstatt eine zweite Lehre zu absolvieren, lernte er durch Praxiserfahrung. Er war 1961 am Neubau der Josefskirche in Baden-Baden beteiligt; das Kreuz am Turm, eine Auftragsarbeit, ist quasi sein Gesellenstück. Später wechselte er zur Wäscherei Buchholz in Sandweier und blieb als Betriebsschlosser bis zur Rente.

Im Keller seines Hauses hat er eine Werkstatt mit Drehbänken, Fräs- und Bohrmaschinen eingerichtet, in der er nicht nur Uhrwerke repariert, sondern auch schreinert, um Beschädigungen der Uhrkästen zu beheben und fehlende Teile zu drechseln. Um ein Läutewerk wohlklingend zum Schlagen zu bringen, verwendet er das weiche Buchenholz: „Das erzeugt einen guten Klang.“ Um eine Lösung ist er nie verlegen. Er ersetzt abgeblätterten Lack originalgetreu durch neue Farbe und frischt auch das Blattgold auf.

Fantasiereiche Ausschmückung

Viele seiner Sammlungsstücke eint eine fantasiereiche, prächtige Ausschmückung mit Symbolen oder bäuerlichen und religiösen Motiven. Dabei stechen vor allem die in Frankreich weit verbreiteten, ländlichen Comtoise-Uhren mit gewölbten Email-Zifferblättern und Bronze-Applikationen hervor. Des Öfteren hatten sich Manuel Fernandez und seine inzwischen verstorbene Gattin Sigrun sonntags auf den Weg zu elsässischen Antiquitätenhändlern gemacht. Fündig wurden beide auch bei Flohmärkten. Das Internet kam als weitere Fundquelle, insbesondere für Ersatzteile, hinzu.

Das mit Abstand kleinste Exemplar in der Sammlung ist eine ebenfalls sorgsam restaurierte Puppenstubenuhr. Favorit seiner drei Enkelinnen ist jedoch das Modell eines nostalgischen Kirmes-Kinderkarussells, das sich im Kreis dreht. Über Haus und Sammlung wacht energisch der Vierbeiner Balu; sein profanes „Lieblingsstück“ befindet sich in der Küche. Es steht am Boden und ist vorzugsweise prall gefüllt.

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Erstellt:
24. Mai 2021, 12:00 Uhr
Lesedauer:
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