„Bitte nehmt das Virus ernst“

Rastatt (dm) – Ein Rastatter stirbt kurz vor seinem 43. Geburtstag ungeimpft an Covid-19. Seine Frau, die ebenfalls schwer erkrankt war, appelliert an alle, das Virus nicht zu unterschätzen.

Gedenken an die Corona-Opfer: Nele (Name von der Redaktion geändert) vor der St. Alexander-Kirche Rastatt, wo der Pandemietoten im Landkreis gedacht wird. Foto: Daniel Melcher

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Gedenken an die Corona-Opfer: Nele (Name von der Redaktion geändert) vor der St. Alexander-Kirche Rastatt, wo der Pandemietoten im Landkreis gedacht wird. Foto: Daniel Melcher

„Es wird schon alles wieder gut.“ Die letzte Nachricht, die Nele ihrem Ehemann Adem ins Krankenhaus schickte, erreichte ihn nicht mehr. Da hatte man ihn schon ins Koma versetzt. Und es wurde nicht wieder gut. Adem starb, nur wenige Tage vor seinem 43. Geburtstag, „mit oder an Corona“, wie es in den Statistiken immer wieder heißt, in denen seit über zwei Jahren die Zahlen der Pandemie übermittelt werden. Zahlen, hinter denen Menschen stecken. Die Opfer der Krankheit, trauernde Angehörige. Auch Nele war schwer an Covid-19 erkrankt. „Bitte nehmt dieses Virus ernst“, lautet ihr Appell. Die beiden Namen haben wir auf ihren Wunsch hin geändert in diesem Bericht. Zu viel Hass sei ihr bereits entgegengeschlagen, als sie den Verlauf ihrer Krankheit und die Konsequenzen auf einer Internetplattform postete. Auch das ist Deutschland in Zeiten von Corona.

Noch immer schwer zu fassen

Noch immer ist für die 36-jährige Rastatterin, aber auch für Freunde und Familie, nur schwer zu fassen, was passiert ist. Adem sei gesundheitlich nicht vorbelastet gewesen – außer eines leichten Bluthochdrucks, der jedoch per Medikament eingestellt war –, Nichtraucher, stark, muskulös, trieb Sport, ging einer geregelten Arbeit nach. Aber er war ungeimpft, genauso wie sie. Die 36-Jährige hat Multiple Sklerose, wie sie berichtet, und macht eine Therapie, in der auch immer wieder das Immunsystem runtergefahren werde. Sich daher erst mal nicht gegen Corona impfen zu lassen, sei ein ärztlicher Rat gewesen. Ihr Mann wiederum wollte zunächst auf einen Totimpfstoff warten, hatte wegen früherer Impfnebenwirkungen Angst. Coronaleugner seien sie aber nie gewesen. Schließlich planten die beiden dann doch, sich im Januar impfen zu lassen. Zu spät für Adem.

„Ich habe gedacht, jetzt geht es vorbei“

Nele macht sich Vorwürfe, das Virus mit nach Hause gebracht zu haben, angesteckt hat sie sich wohl bei der Arbeit, wie sie vermutet, weil ein Vorgesetzter tagelang krank dort erschienen sei, sich aber einem Test verweigert habe. „Ich war vorsichtig, war zuvor zwei Wochen lang sonst nirgends, außer morgens beim Bäcker oder an der Tankstelle“, betont die 36-Jährige. Als sie schließlich am 19. November positiv getestet wurde, isolierten sich Nele und Adem – auch voneinander, wie sie berichtet. „Fünf, sechs Tage später“ war ihr Mann aber dennoch angesteckt – „die Aerosole im Haus“.

Erst habe es sich angefühlt wie ein grippaler Infekt. Dann schlug Covid-19 zu: Hohes Fieber – sie 39,5, er bis zu 41,7 –, das trotz Medikamente und Hausmitteln einfach nicht runtergehen wollte, Schmerzen, innerliches Unwohlsein, dazu immer wieder Erbrechen: Ein „Dauerzustand über Tage hinweg“, schildert Nele, wie „dreckig“ es beiden ging. Als Nele einst wegen Schweinegrippe im Krankenhaus war, habe sie schon gedacht, es ginge ihr schlecht – „aber das war ja gar kein Vergleich. Ich habe gedacht, jetzt geht es vorbei, ich packe es nicht.“

Zugleich habe sie andere darauf aufmerksam machen wollen, dass Corona eben nicht nur eine Grippe ist. Auf „Tiktok“ dokumentierte sie, wie es ihr und Adem erging. „Um die Leute dazu zu bewegen, sich doch impfen zu lassen“, wie sie sagt. Sie erregte Aufmerksamkeit – und mit ihr kamen auch viele Hasskommentare. „Ihr Ungeimpfte habt es nicht anders verdient, wenn ihr krepiert“.

„Wäre er geimpft gewesen...“

Zweimal rief Nele den Notdienst, als sich Adems Zustand trotz ärztlich verschriebener Medikamente verschlechterte und sie per Pulsoximeter feststellte, dass die Sauerstoffsättigung seines Bluts gefährlich niedrig war. Doch der erste Sanitäter habe gesagt, Adem sei nicht krank genug, um ihn mitzunehmen. Dann, anderthalb Tage später, als ihr Mann nur noch röchelte, kaum mehr Luft schnappen konnte und halluzinierte – „irgendwas mit Flugzeugen“ – der nächste Notruf. Und dieses Mal ging’s sofort in die Klinik nach Baden-Baden.

Zwei Tage sei er dort „normal“ auf der Intensivstation gelegen, dann habe es geheißen, dass die Ärzte ihn intubieren müssen. Besuchen konnte sie, die selbst noch coronapositiv war, ihn nicht. „Anfangs hatten wir per Whatsapp und Telefon Kontakt“, erzählt Nele. Er habe ihr gesagt, dass er froh sei, dass es ihn so erwischt habe und nicht sie. „Du hättest es nicht ertragen können“. Später war er nicht mehr bei Bewusstsein. „Wäre er geimpft gewesen, hätte er einen besseren Verlauf“, habe ein Arzt ihr ganz direkt gesagt. Dann sei noch ein Arterienverschluss im Bein dazugekommen, der wohl einen Schlaganfall bei Adem auslöste. Erst am 9. Dezember sei sie gesundheitlich wieder in der Lage gewesen, ihn zu besuchen. „Doch ich war zu spät.“ 15 Minuten. „Wie viele andere Corona-Opfer musste er alleine sterben“: Das lässt Nele nicht los, das tut zu allem noch besonders weh.

Zweieinhalb bis drei Stunden blieb sie bei ihrem toten Mann, dann zeigte der Arzt die Befunde. Nur ein kleiner Fleck seiner Lunge, etwa fünf Prozent, seien noch nicht vom Virus befallen gewesen. „Sein Körper hat nicht mehr mitgespielt.“ Das Bild, wie er angeschwollen daliegt, bekommt sie nicht mehr aus dem Kopf. Von Überforderung und Schock spricht die 36-Jährige. Dass ihr Mann per Facebook eine Art „Abschiedsbrief“ geschrieben hatte, bekam sie erst später mit. Er wolle kämpfen bis zuletzt, hieß es darin.

Appell verhallt nicht ungehört

Nele gilt inzwischen als genesen, auch wenn sie noch nicht gesund ist; sie spricht von Haarausfall, Herzrasen, Problemen beim Atmen, besonders beim Treppensteigen. Sie ist jetzt zudem geimpft. Als sie auch das im Internet postete, erntete sie neben Zustimmung wieder Hass – diesmal von der anderen Seite: „Du hast Nebenwirkungen verdient, wenn du dir die Brühe hast verabreichen lassen“... Inzwischen hat sie alle Beiträge aus dem Netz genommen. Ohne FFP2-Maske macht Nele keinen Schritt vor die Tür. Wenn sie hört, dass sich Menschen wegen der Maske streiten, kommt ihr das irrsinnig vor. Inzwischen sind unabhängig voneinander drei Angehörige ihrer Familie an Corona gestorben. Ihr Appell, das Virus ernst zu nehmen, verhallt indes nicht ungehört: „Eine Frau hat mir geschrieben, dass sie meine Geschichte dazu gebracht hat, sich nun doch impfen zu lassen.“

Zum Thema: Corona in Mittelbaden

Seit Beginn der Corona-Pandemie im Frühjahr 2020 haben sich im Landkreis Rastatt laut Landesgesundheitsamt 37.324 Menschen mit dem Virus infiziert, in Baden-Baden 8.357. In den beiden Kreisen sind in dieser Zeit 403 Menschen an oder mit Corona gestorben, deutschlandweit werden rund 120.000 Corona-Tote gezählt. Rund ein Viertel der Bevölkerung in Deutschland ist noch nicht zweifach gegen Covid-19 geimpft (im Landkreis Rastatt sind es rund 29 Prozent, in Baden-Baden knapp 18 Prozent). Geboostert (also dreimal geimpft) sind inzwischen rund 55 Prozent der Bevölkerung in Deutschland; im Landkreis Rastatt nur 48,4 Prozent, in Baden-Baden 70,2 Prozent (Stand: 6. Februar). Aktuell wird die Sieben-Tage-Inzidenz im Kreis Rastatt mit 1.557,6 angeben, im Stadtkreis Baden-Baden mit 1.421,1. Je 100.000 Einwohner müssen statistisch gesehen derzeit 6,7 wegen Corona ins Krankenhaus.

Ihr Autor

BT-Redakteur Daniel Melcher

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Erstellt:
15. Februar 2022, 17:45 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 34sec

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