Bitterer „Tatort“ zum Odenthal-Jubiläum

Ludwigshafen (dpa) – Was tun mit aggressiven Kindern, die sich und ihr Umfeld gefährden? Dieser Frage geht der Sonntagskrimi „Marlon“ nach. Der Film balanciert zwischen Nervenkitzel und Mitgefühl.

Lena Odenthal (Ulrike Folkerts, rechts) ermittelt auf dem Schulgelände. SWR/Christian Koch

Lena Odenthal (Ulrike Folkerts, rechts) ermittelt auf dem Schulgelände. SWR/Christian Koch

In einer Blutspur liegt der fast neunjährige Marlon tot vor einer Schultreppe. Es ist das Ende eines kurzen, konfliktreichen Lebens - und wohl einer der härtesten Fälle für die dienstälteste „Tatort“-Kommissarin Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) und ihr Team. „Marlon“ heißt der „Tatort“, den das Erste am Sonntag um 20.15 Uhr ausstrahlt. Wie umgehen mit aggressiven Kindern, sogenannten Systemsprengern? Dieser Frage geht der mittlerweile 75. Odenthal-„Tatort“ nach. Es ist ein bitteres Jubiläum. Deutschlands TV-Dauerbrenner hält der Wohlstandsgesellschaft den Spiegel vor.

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Bitterer „Tatort“ zum Odenthal-Jubiläum
Schulsozialarbeiter Anton Leu (Ludwig Trepte) ist der einzige, der Lena Odenthal (Ulrike Folkerts, Mitte) und Johanna Stern (Lisa Bitter) auch Positives von Marlon berichtet. Foto: SWR/Christian Koch

Bitterer „Tatort“ zum Odenthal-Jubiläum
Traut sich der Schüler Pit (Finn Lehmann), Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) von seinem Streit mit Marlon zu erzählen? Foto: SWR/Christian Koch

Bitterer „Tatort“ zum Odenthal-Jubiläum
Maditas Vater Oliver Ritter (Urs Jucker) war der Mitschüler seiner Tochter (Hanna Lazarakopoulos) ein Dorn im Auge. Er versuchte immer wieder, ihn von der Schule verweisen zu lassen. Foto: SWR/Christian Koch

Bitterer „Tatort“ zum Odenthal-Jubiläum
Frau Bianchi (Juliane Fisch), die Klassenlehrerin des getöteten Jungen, litt darunter, dass sie mit Marlon überfordert war. Foto: SWR/Christian Koch, honorarfrei

Bitterer „Tatort“ zum Odenthal-Jubiläum
Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) findet auf dem Schulgelände versteckte Gänge der Schüler. Foto: SWR/Christian Koch

Marlon (Lucas Herzog) wurde die Treppe hinabgestoßen und zeigt Spuren eines Kampfes, das ist den Ermittlern schnell klar. Sie bemerken, dass der Tod des Kindes ambivalente Reaktionen hervorruft - bei einigen fast Erleichterung. Marlons Verhalten machte ihn zum Außenseiter, der Lehrer und Eltern sowie Mitschüler an die Grenzen brachte. Der Vater einer Mitschülerin versuchte gar, ihn von der Schule werfen zu lassen. Stück für Stück rekonstruieren die Kommissarinnen die letzten Tage eines Kindes, das mit dem Erwachsenwerden nicht zurechtkam und das viele loswerden wollten.

Regisseurin Isabel Braak leuchtet das Thema Gewalt in vielen Facetten aus. Kinder geben sich stark und sind doch zerbrechlich. Eltern bleiben überfordert zurück. Behörden scheinen hilflos. Nichts verdeutlicht das mehr als ein Dialog in der Schule. Als eine Lehrerin sagt „Wir müssen die Kinder schützen“, fragt Kommissarin Johanna Stern (Lisa Bitter) entgeistert zurück: „Vor sich selbst?“

Sozialdrama ohne erhobenen Zeigefinger

Ist Marlon nicht zu retten? Der Film beantwortet das nicht. „Kinder sind nicht das Problem - sie haben eins“, sagt etwa Sozialarbeiter Anton Leu (Ludwig Trepte). Auch wenn die Geschichte nicht immer ganz schlüssig und stabil ist: Dieser „Tatort“ lässt viele Deutungen zu.

„Ich habe großen Respekt vor Lehrerinnen und Lehrern und ihrer Arbeit“, sagt Folkerts. Sie sei gern zur Schule gegangen. „Ich hatte Lieblingslehrerinnen, das war wichtig. Jetzt war ich fasziniert und habe gestaunt, wie agil die Kids sind, in den Pausen permanent rennen und schreien und toben und lachen, herrlich, aber ein wirklich wilder Haufen.“ Fans lernen die Kommissarin nach über 30 Dienstjahren neu kennen - ungewöhnlich impulsiv. Als ein Vater sie fragt: „Haben Sie Kinder?“, schnauzt Odenthal zurück: „Nein. Aber ich war mal eins.“

Autorin Karlotta Ehrenberg hat ein Sozialdrama ohne erhobenen Zeigefinger geschrieben, das wohl deswegen besonders wirksam ist. Die Konflikte in der 4. Klasse der Wilhelm-Busch-Grundschule Ludwigshafen erscheinen manchmal wie ein Krieg Klein gegen Groß. „Monster“ und „Missgeburt“ ruft der Hausmeister (Georg Blumreiter) den Kindern hinterher. Die Kleinen wünschen ihm einen Strick um den Hals.

Madita (Hanna Lazarakopoulos) führt vor, mit welch entschlossener Haltung ihr Mitschüler Marlon an seinem letzten Tag in die Schule kam. Foto: SWR/Christian Koch

Madita (Hanna Lazarakopoulos) führt vor, mit welch entschlossener Haltung ihr Mitschüler Marlon an seinem letzten Tag in die Schule kam. Foto: SWR/Christian Koch

Doch auch Marlon sehnt sich nach Elternliebe und Anerkennung. „Mama, du wirst staunen, so hast du mich noch nie gesehen“, kündigt der Junge stolz für die Schulfeier an - die er nicht mehr erlebt. Auch ein verständnisvoller Sozialarbeiter und ein wütender Vater (Urs Jucker) haben eine andere Seite. Eingefangen wird dies in der stilsicher erzählten Folge von einer starken Kamera (Jürgen Carle).

„Die Besonderheit in diesem Fall ist eine, wenn man so will, erhöhte Dramatik, weil es sich bei dem Todesopfer um ein Kind handelt“, sagt Bitter. „Deshalb sind wir als Kommissarinnen besonders mitgenommen, stehen unter dem Druck, die Ermittlungen schnell zu konkreten Ergebnissen zu führen.“ Immer tiefer verstricken sich Kinder in diesem „Tatort“ in eine Spirale aus Ohnmacht und Erwartungen, aus der sie sich kaum mehr befreien können. „Es zerreißt einen“, sagt Marlons Mutter (Julischka Eichel) an einer Stelle und meint die Eltern. Der Satz gilt aber genauso für die Kinder. Vielleicht vor allem für sie.

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Erstellt:
8. Mai 2022, 16:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 51sec

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Schulsozialarbeiter Anton Leu (Ludwig Trepte) ist der einzige, der Lena Odenthal (Ulrike Folkerts, Mitte) und Johanna Stern (Lisa Bitter) auch Positives von Marlon berichtet. Foto: SWR/Christian Koch

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Traut sich der Schüler Pit (Finn Lehmann), Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) von seinem Streit mit Marlon zu erzählen? Foto: SWR/Christian Koch

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Maditas Vater Oliver Ritter (Urs Jucker) war der Mitschüler seiner Tochter (Hanna Lazarakopoulos) ein Dorn im Auge. Er versuchte immer wieder, ihn von der Schule verweisen zu lassen. Foto: SWR/Christian Koch

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