Blinde Frauen unterstützen bei der Brustkrebsvorsorge

Karlsruhe (naf) – Mit Fingerspitzengefühl kleine Knoten erkennen: Der ausgeprägte Tastsinn von blinden Menschen hilft bei der Brustkrebsvorsorge und kann selbst kleine Gewebeveränderungen erkennen.

Die fünf Hilfsstreifen auf der Brust helfen den medizinisch-taktilen Untersucherinnen beim Abtasten des Gewebes. Foto: Discovering Hands

© pr

Die fünf Hilfsstreifen auf der Brust helfen den medizinisch-taktilen Untersucherinnen beim Abtasten des Gewebes. Foto: Discovering Hands

Diagnose Brustkrebs: Eine Schreckensnachricht, die laut Robert-Koch-Institut 70.000 Frauen jährlich ereilt. Bei rund 18.000 ist sie das Todesurteil. Dabei kann Früherkennung Leben retten. Am heutigen Weltkrebstag erzählt Danielle-Joelle Toussaint, wie ihr fehlendes Augenlicht dabei hilft, Gewebeveränderungen in der Brust zu ertasten und die Vorboten einer möglichen Krebserkrankung frühzeitig zu erkennen.

0,03 Prozent Sehvermögen hat die gebürtige Französin. Quasi blind, ist Toussaint auf ihren Tastsinn angewiesen, der dadurch viel ausgeprägter als bei sehenden Menschen ist. „Das ist mein Vorteil“, sagt die 61-Jährige, „das Tasten ist für mich ein Primärsinn“. Und diesen kann sie nutzen, um Patientinnen in der Frauenarztpraxis von Dr. Elke Grote und Dr. Marlene zur Oeveste im Karlsruher Stadtteil Waldstadt zu behandeln. Als medizinisch-taktile Untersucherin (MTU) behandelt Toussaint dort einmal die Woche Frauen, für die sie sich jeweils 45 Minuten Zeit nehmen kann. Auch das ist ein Vorteil, betont sie. Die Frauen haben die Möglichkeit, zu Beginn von sich, ihren Kindern und bisherigen Erfahrungen zu erzählen. Wichtige Informationen, die nicht nur für die Anamnese bedeutend sind, sondern auch eine vertrauensvolle Basis für die Untersuchung schaffen. Die Theologin, die auch schon Religionsunterricht an einer Schule gab, ist in solchen Momenten froh über ihre seelsorgerlichen Erfahrungen. „Das kam mir zugute. Es ist aber kein Muss, andere MTU bringen andere wichtige Eigenschaften mit“, sagt sie.

Lymphknoten und Gewebeschichten werden abgetastet

Vor der Untersuchung bringt Toussaint fünf Hilfsstreifen zur Orientierung auf der Brust an, und beginnt sowohl Lymphknoten als auch die drei Gewebeschichten „Zentimeter für Zentimeter“ abzutasten. Die 61-Jährige lässt sich Zeit bei der Untersuchung und zeigt auch der Patientin, worauf es beim Abtasten ankommt. „Rund 70 Prozent der neuerkrankten Frauen haben ihre Knoten selbst gefunden“, sagt die MTU und betont wie wichtig es sei, dass Frauen ihre Brust regelmäßig selbst untersuchen.

Spürt Toussaint beim Tasten Auffälligkeiten, so zieht sie eine zuständige Ärztin hinzu. Diese stellt die Diagnose und entscheidet, wie weiter verfahren wird. „Das ist oft ein Schreckmoment“, weiß die 61-Jährige. Folgt unmittelbar danach eine Untersuchung mit dem Ultraschall, so bleibt Toussaint als emotionale Unterstützung meist an der Seite der Frau.

Danielle-Joelle Toussaint. Foto: pr

© pr

Danielle-Joelle Toussaint. Foto: pr

Nicht nur aus diesem Grund bekommt die 61-Jährige „ganz tolle Rückmeldungen. Warme Hände sind eben doch etwas anderes als Metallplatten.“ Dabei habe die Mammografie natürlich auch viele Vorteile. Die sollen durch positive Komponenten der Tastuntersuchungen ergänzt werden – zumal ein Mammografie-Screening nur für Frauen ab 50 empfohlen wird. Das regelmäßige Abtasten ist also wichtig und die MTU ebenso. „Leider ist es vor allem in Baden-Württemberg mittlerweile schwierig, Frauen für die Ausbildung zu finden“, weiß Toussaint. Die Theologin begründet ihre eigene Entscheidung, sich vor fünf Jahren dafür ausbilden zu lassen, so: „Ich wollte einfach etwas Sinnvolles machen.“

Damit ist sie nicht allein: Bundesweit sind noch 44 weitere Untersucherinnen tätig. Sie alle stehen unter dem Dachverband Discovering Hands und haben bei diesem auch ihre neunmonatige MTU-Ausbildung absolviert. Nur Frauen mit einer hochgradigen Sehbehinderung können daran teilnehmen.

Anfänge der Taktilographie

Pressesprecherin Gudrun Heyder erzählt von den Anfängen der sogenannten Taktilographie und davon, wie Dr. Frank Hoffmann, Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe, die Initiative gründete. „Die Ärzte haben oft maximal ein paar Minuten für die jährliche Untersuchung der Brust Zeit“, erzählt Heyder, „damit war er selbst nicht zufrieden“ – und entwickelte die Initiative, bei der die Fähigkeiten blinder Frauen dafür genutzt werden.

Je kleiner der Knoten, desto größer die Heilungschancen: Mit ihrem hochsensiblen Tastsinn finden Tastspezialistinnen Tumore in heilbarem Stadium, schreibt die Initiative. Laut Discovering Hands können die MTU etwa 30 Prozent mehr und bis zu 50 Prozent kleinere Gewebeveränderungen finden als Ärzte. „2019 haben sie 23 bösartige Tumore ertastet, die nicht zuvor vom Arzt getastet beziehungsweise anderweitig bemerkt wurden“, berichtet Heyder. Die Taktilographie sei als Vorsorge allerdings „nicht besser“ als andere Methoden, betont die Pressesprecherin, „die Diagnoseverfahren ergänzen sich“.

Der Skepsis einiger Fachärzte wolle man mit mehr Öffentlichkeits- und Aufklärungsarbeit entgegenwirken und sei aus diesem Grund auch regelmäßig mit Radiologen im Austausch. Die Taktilographie helfe Frauen, die Angst vor einer Strahlenbelastung oder den medizinischen Apparaten haben, genau so, wie denen, die Probleme damit haben, sich vor sehenden Menschen nackt zu zeigen.

Doch nicht nur die Patientinnen profitieren von der Behandlung. „Auch wenn es pathetisch klingt: Für viele der blinden Frauen ist es, als ob ein neues Leben beginnt“, berichtet Heyder. Die MTU schätzen das Arbeiten im Praxisteam und „das Vertrauensverhältnis zwischen ihnen und ihren Patientinnen“. Bei all den für Blinde verwehrten Berufsfeldern bleibe die Taktilographie eine lebensrettende Tätigkeit, die nur ihnen möglich sei.


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.