Blinde führen durch die Finsternis

Frankfurt (ruh) – Das Dialogmuseum in Frankurt hat an neuem Standort wieder eröffnet. In Themenräumen müssen Alltagssituationen im Dunkeln gemeistert werden – das sorgt für erhellende Einblicke.

Ausgerüstet mit einem Blindenstock geht es für die Besucher in die dunklen Themenräume. Foto: Laura Brichta

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Ausgerüstet mit einem Blindenstock geht es für die Besucher in die dunklen Themenräume. Foto: Laura Brichta

Wie funktioniert ein Museum, in dem es absolut nichts zu sehen gibt? Es schickt alle anderen Sinne im Dunkeln auf Entdeckungstour. Sehende lernen hier, ihren Guides blind zu vertrauen – und merken schnell, dass ohne Kommunikation in der Finsternis gar nichts geht. Dieses Erlebnis lockte seit 2005 fast eine Million Gäste in das Dialogmuseum in Frankfurt und hat weltweit Spuren hinterlassen. Im September 2021 bezog die Einrichtung, die sich auch als Sozialunternehmen versteht, neue Räume im Zentrum der Mainmetropole direkt unter der Hauptwache.

Am Eingang schlägt das Herz bis zum Hals, und auch die Gedanken nehmen Fahrt auf: Einfach ins Stockdunkle zu spazieren – wie soll das gehen? Spielen da die Nerven mit? „Ihr bleibt immer nah beisammen und hört genau auf die Anweisungen des Guides“, heißt es bei der Einweisung. Handys werden ausgeschaltet, helfende Stöcke überreicht und feuchte Handflächen an Hosenbeinen abgewischt. Nochmal tief durchatmen, dann öffnet die blinde Führerin Sezen für unsere siebenköpfige Gruppe den Vorhang ins Tiefschwarze.

„Geht mit der linken Hand an der Wand entlang und folgt dann meiner Stimme“, sagt sie. Schon klar – nur aus welcher Richtung genau kommt ihre Ansage? Da hilft nur, die vorangehenden Mädchen nicht aus den Aug... aus der Tuchfühlung zu verlieren.

„Kinder sind viel offener als Erwachsene“

„Die Kinder sind hier in der Regel viel offener als Erwachsene“, weiß Museumschefin Klara Kletzka. „Die Großen denken so viel nach, während die Kleinen einfach losgehen.“ Bei Schulklassen ist ihr Haus besonders beliebt: Von ihnen und anderen Bildungseinrichtungen kommen fast zwei Drittel der Gäste der „Ausstellung zur Entdeckung des Unsichtbaren“.

In dem lichtlosen Parcours hat es die Gruppe mittlerweile auf eine Brücke geschafft. Wind streicht über die Haare, Wasser plätschert, Frösche quaken: Wir scheinen in einem Park zu sein, und zum Glück gibt es dort auch eine Bank, auf der wir durchschnaufen können und „ganz Ohr“ sind. Während die Zehnjährigen aufgeregt plaudern, müssen wir Älteren uns erstmal sortieren. Schwankt der Boden, oder spielen die Sinne uns gerade einen Streich? „Sieht die Welt so immer für dich aus?“, möchte ein Mädchen von Sezen wissen. So ist es, seit der Geburt – und hier im Dialogmuseum wird ihre Schwäche plötzlich zur Stärke, ohne ihre sanfte verbale Führung wären wir verloren. Auch in der Gruppe achten bisher Fremde fürsorglich aufeinander, helfen sich durch Zuruf oder ausgestreckte Arme bei der Orientierung, die allmählich besser gelingt. Weiter geht es in „Helens Wohnung“, wie Sezen ankündigt: „Findet ihr heraus, was sie mag und wie alt sie ungefähr ist?“

Museumschefin Klara Kletzka vor einer der interaktiven Stationen. Foto: Nicole Unruh

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Museumschefin Klara Kletzka vor einer der interaktiven Stationen. Foto: Nicole Unruh

Die Idee zu einem Dialog im Dunkeln hatte der Frankfurter Unternehmer Dr. Andreas Heinecke bereits 1988. Damals gestaltete er in der Stiftung Blindenanstalt einen Raum, um einen erblindeten Journalisten auf sein neues Leben vorzubereiten. 1990 zeigte der Mousonturm eine entsprechende Schau. Dann war in Frankfurt 15 Jahre lang Pause, aber die Idee eroberte die Welt, auch mit Hilfe von Klara Kletzka: Sie war von dem Konzept sofort fasziniert und setzt sich seitdem unermüdlich dafür ein. 2000 eröffnete in Hamburg der erste Dialog im Dunkeln, und mittlerweile ist daraus ein internationales Franchisesystem geworden, die Dialogue Social Enterprise GmbH, mit aktuell 24 Einrichtungen weltweit. Ende 2005 eröffnete das Frankfurter Dialogmuseum den Weg in die Finsternis.

„Gesetze der Interaktion funktionieren im Dunkeln nicht“

Hauptziel ist es, das Bewusstsein und die Akzeptanz für behinderte und sozial benachteiligte Menschen in der Öffentlichkeit zu schärfen, deren Integration zu fördern und ihre Potenziale zu unterstreichen. In Zeiten von Corona und sozialen Medien, mit immer weniger realen Kontakten, kommt für Kletzka noch ein wichtiger Aspekt hinzu: „Hier lernt man, Menschen wieder wirklich zu begegnen.“ Ob Betriebsausflüge, Teambildungs-Seminare oder Management-Training: „Die Gesetze der sonstigen Interaktion funktionieren im Dunkeln nicht, weil man sich nicht verstellen kann“, weiß der Betriebsleiter des Dialogmuseums, Matthias Schäfer.

So bietet die Finsternis erhellende Einblicke – auch in Helens Wohnung, in der die Gruppenmitglieder langsam mutiger werden: Sie stoßen mit ihren Stöcken an Stühle, ertasten Coffee-to-go-Becher, Handy und Yogamatte, geleiten Abtrünnige durch Rufe in die Küche und sind sich einig: Helen ist eine jüngere Frau, die gerne Nudeln isst.

An der Wand hängt eine Landkarte für Blinde, auf der Fortgeschrittene den Umriss von Australien ertasten können. Die Neulinge im Dunkeln entspannen sich allmählich, bis Sezen meint: „Jetzt geht es raus auf die Straße!“ Sie öffnet eine Tür, Verkehrsgeräusche dringen an die Ohren, und sogar die drei Mädels sind nun nervös: „Kommen da echte Autos?“ „Wie schaffst du es, über die Straße zu gehen?“ Sezen bleibt cool und geleitet die Gruppe (die weiterhin in einem Themenraum ist) zur Ampel, die akustisch anzeigt, wann Fußgänger gehen dürfen.

Dieser Rollentausch, das Lernen voneinander, macht Inklusion unmittelbar erlebbar. Interessant ist auch der innere Dialog, der entsteht: Wovor genau habe ich Angst? Kenne ich das Dunkle in mir überhaupt? Und warum fällt es mir schwer, zu vertrauen? „Die nachhaltige Erfahrung führt dazu, dass viele Kinder später als Erwachsene wiederkommen“, berichtet Schäfer.

Ganzkörper-Erlebnis im Klangraum

Auch Firmen sind hier regelmäßig zu Gast: Sie prüfen im Dunkeln, welches Papier sich am feinsten anfühlt, ob sich Geldscheine nur durchs Anfassen auseinanderhalten lassen und wie ein neues Automodell klingt, wenn man sich nur aufs Geräusch konzentriert. Psychologinnen kommen mit Angstpatienten, Architekten informieren sich über barrierefreies Gestalten, und die Verkehrsgesellschaft Frankfurt (VGF) sucht den Austausch über Mobilität für Sehbehinderte.

Letzte Station ist die Dunkelbar, in der es den Wert von Münzen zu ertasten gilt und Getränke identifiziert werden: Der Eistee riecht plötzlich raumfüllend nach Mango. „Wie weißt du, was du aus dem Kühlschrank holst?“, fragt ein Mädchen die Kellnerin. „Ich probiere einfach einen Schluck“, scherzt sie, aber natürlich ist alles vorsortiert. Nach unserer dunkelsten Stunde zieht es uns nicht wirklich ins Helle, das nun fast unerträglich scheint. Das Innere kommt den äußeren Eindrücken kaum mehr hinterher – und wer mag, entspannt nun noch ein wenig im eigens für das Museum geschaffenen Klangraum. Ein Dolby-Surround-Soundsystem macht hier Klänge in Kinoatmosphäre erfahrbar – ein zwölfminütiges Ganzkörper-Erlebnis.

Im Eingangsbereich gibt es einige Sinnes-Stationen. Foto: Laura Brichta

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Im Eingangsbereich gibt es einige Sinnes-Stationen. Foto: Laura Brichta

Momentan leidet das Museum wegen der Pandemie unter Stornierungen. „Im Dunkeln lässt sich der Abstand nicht immer einhalten“, räumt Klara Kletzka ein. „Dafür haben wir eine hochmoderne Lüftungsanlage.“ Der komplexe Ausbau, die Sicherheitsvorschriften für das fast 1.000 Quadratmeter große Areal auf der B-Ebene der Hauptwache und die Pandemie hatten die Eröffnung des Dialogmuseums verzögert.

Für den erweiterten Eingangsbereich konzipierte Kletzka neue Sinnes-Stationen zum Riechen, Hören und Tasten, Sharing-Stationen für Spenden und Selfies sowie ein digitales Gästebuch.

Informationen

Das Dialogmuseum in der B-Ebene der Frankfurter Hauptwache gilt es in Begleitung eines Guides zu erkunden. Dafür muss vorher online ein Ticket gekauft oder für Gruppen eine Führung reserviert werden: Telefon: (069) 999999525 oder E-Mail: bookingline@dialogmuseum.de. Die 60-minütige Tour führt maximal acht Leute durch vier Erlebnisräume, Schulklassen werden entsprechend aufgeteilt und starten zeitversetzt. Öffnungszeiten sind mittwochs bis freitags von 9 bis 17.30 Uhr sowie samstags von 10 bis 18 Uhr. Weitere Infos und die aktuellen Zugangsregeln während der Pandemie finden sich im Internet.

www.dialogmuseum.de


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