„Bob Dylan öffnete mir das Tor zu einem unbekannten Kosmos“

Baden-Baden (km) – Wolfgang Niedecken huldigt seinem großen amerikanischen Musikidol auf seinem neuen Album „Dylanreise“. BT-Redakteurin Kathrin Maurer hat sich mit dem BAP-Frontmann unterhalten.

Nimmt die Zuhörer auf seinem neuen Album „Dylanreise“ mit auf den Spuren seines Idols: Wolfgang Niedecken. Foto: Universal Music/Tina Niedecken

© Tina Niedecken/Universal Music

Nimmt die Zuhörer auf seinem neuen Album „Dylanreise“ mit auf den Spuren seines Idols: Wolfgang Niedecken. Foto: Universal Music/Tina Niedecken

Wolfgang Niedecken steht solo und mit seiner Band BAP für Kölsche Mundart – engagiert, kraft- und gefühlvoll. Auf seinem neuen Album, das am 25. März erscheint, zeigt sich der 71-Jährige mehr als nur von seinem großen musikalischen Idol Bob Dylan inspiriert. „Dylanreise“ erzählt neben Songs auch Geschichten, die Niedecken entlang seiner Dylan-Spurensuche durch die USA gesammelt und erlebt hat, verwoben mit autobiografischen Erzählungen und behutsam eingekölschten Dylan-Stücken. Mit BT-Redakteurin Kathrin Maurer sprach Niedecken über politische Haltung in Zeiten des Krieges, prägende Menschen, schüchterne Idole und einen schlaffen Händedruck.

BT: Herr Niedecken, steigen wir gleich ein mit dem Bob-Dylan-Titel „With God on our Side“, um den Blick auf das derzeit vorherrschende Thema, den Krieg in der Ukraine, zu lenken. Was geht in Ihnen vor, bezüglich dieser Ereignisse?
Wolfgang Niedecken: Zunächst einmal mache ich mir große Sorgen und manchmal denke ich, wie soll das nur weitergehen? Wie soll sich das diplomatisch weiterentwickeln? Auf die Scharfmacher darf man auf keinen Fall hören. Als ich zum ersten Mal von der Flugverbotszone hörte, dachte ich, um Gottes Willen, macht das bloß nicht. Und auch diese MiG-Lieferungen über Rammstein in die Ukraine – das wird die NATO reinziehen. Das ist einfach eine Lehre, die man aus den zwei Weltkriegen zuvor ziehen musste. Alle sind nach und nach reingezogen worden.

BT: Raushalten – so lautet ihre Devise?
Niedecken: Man darf sich in so eine Sache nicht reinziehen lassen, so bitter das ist. Und das ist im Endeffekt auch ein großes Dilemma. Die Leute in der Ukraine tun mir unglaublich leid, ich bewundere ihre Tapferkeit. Aber wir dürfen uns da nicht reinziehen lassen. Das wäre der größte Fehler, den man machen kann. Man muss das diplomatisch lösen. Das Irre ist ja, dass meine größte Hoffnung auf den Oligarchen liegt, die sich ihre Geschäfte nicht kaputtmachen lassen. Das wäre momentan meine größte Hoffnung. Und diese Tatsache ist fast zynisch.

BT: Aber sehen Sie trotz aller Unkalkulierbarkeit einen Silberstreif am Horizont?
Niedecken: Die Situation ist absolut unkalkulierbar. Man muss sich auch wirklich an die eigene Nase fassen: Wir haben uns in unserem Wohlstand gut eingerichtet und hatten die Illusion, was so in der weiten Welt passiert, wird so schnell schon nicht näherkommen. Doch! Es kam in den letzten Jahren schon immer näher. Man muss sich nur mal die Entwicklung der militärischen Auseinandersetzungen seit dem Mauerfall anschauen. Es war eigentlich abzusehen, dass da irgendwann auch etwas näher kommt.

Aber klar, es ist schwierig, in Friedenszeiten wollen unsere Politiker auch nicht die Wählerstimmen vergraulen, indem sie darauf hinweisen, was womöglich innerhalb der nächsten fünf bis zehn Jahre passieren könnte. Das ist immer ein auf Sicht Fahren.

BT: Das stellt sich in der Klima- und Umwelt-Thematik ja ähnlich dar.
Niedecken: Natürlich. Wie oft wurde schon gepredigt, irgendwann seien wir an dem Point of no Return. Und trotzdem passiert nichts. Die Katastrophen, die weltweit passieren – vom Ahrtal bis nach Australien – das ist alles prognostiziert worden. Aber vielleicht wird das jetzt endlich mal klar, dass man auf erneuerbare Energien setzen muss, dass wir autark werden müssen in dieser Hinsicht. Ich hoffe, diese ganze „Not in my Backyard“-Diskussion endet dann endlich. Von wegen „Windenergie ist schon toll, aber bitte nicht vor meiner Haustür“. Der Groschen müsste doch jetzt wirklich mal fallen, dass wir uns von Despoten abhängig gemacht haben.

BT: Juckt es Sie als Künstler schon in den Fingern, diese Thematiken malerisch oder textlich zu verarbeiten?
Niedecken: Das wird sich alles auswirken, ganz klar. Es ist zwar schön, wenn man so etwas machen kann, aber da muss sich auch bei den Medien etwas ändern. Wenn ich mir ansehe, welche meiner politischen Lieder vom „Alles Fliesst“-Album im Radio gelandet sind – Pustekuchen! Warum läuft da weder „Ruhe vor’m Sturm“ noch „Verraten und verkauft“ oder „Jeisterfahrer“. Es gibt nur noch dieses Formatradio, was immer nur uplifting sein muss, zum Ablenken, sonst schaltet die Hausfrau beim Bügeln womöglich auf einen anderen Sender.

BT: Lassen Sie uns zur Hauptfigur Ihres neuen Albums „Dylanreise“ kommen. Ohne Bob Dylan würden Sie nach eigenen Angaben überhaupt keine Musik machen – was passierte nach ihrer ersten Berührung mit dem Künstler?
Niedecken: Wenn ich Dylans „Like a Rolling Stone“ nicht gehört hätte, wäre mir eine wichtige Tür verschlossen geblieben. Dieser Song hat mir damals das Tor zu einem völlig unbekannten Kosmos eröffnet, durch das ich dann geschritten bin. Auf der anderen Seite waren plötzlich Surrealismus und die Beat-Poeten und Bücher, die ich lesen sollte. Da hat sich etwas eröffnet – und ja, das hat mein ganzes Leben geprägt.

BT: Hat Sie denn jemals ein anderer Mensch oder Künstler so nachhaltig geprägt wie Bob Dylan?
Niedecken: Ja, geprägt hat mich vor allen Dingen Heinrich Böll, mit dem ich glücklicherweise in seinen letzten Lebensjahren auch befreundet war – ein wunderbarer Mensch. Ein unheimlich guter Zuhörer, überhaupt nicht zynisch, immer konstruktiv und eigenständig. Ab und zu ziehe ich mal wieder einen Böll-Roman aus dem Schrank – und das Schöne ist, dadurch, dass ich ihn persönlich kannte, ist das immer so, als lese er mir vor. Ich höre seine Stimme. Das ist wirklich ein Privileg.

BT: Das ist schon etwas sehr Besonderes, dass Sie zu zwei prägenden und auch sehr bedeutenden Kunstschaffenden persönlichen Kontakt hatten und haben ...
Niedecken: Da bin ich wirklich gesegnet. Was sich durch dieses bisschen Rock ‘n’ Roll auf einmal für Sachen aufgetan haben, sowas hätte ich nicht erwarten können. Für meinen Vater war das ja damals unglaublich bitter, er meinte, ich studiere brotlose Kunst, und war sich sicher, ich würde mein Leben nie alleine auf die Reihe kriegen. Plötzlich wurde mein Hobby zum Beruf. Das ist schon irre.

Schlaffer Händedruck

BT: „Dylanreise“ ist mehr ein musikalisches Hörbuch als ein normales Album. Sie singen und erzählen von Ihren Berührungspunkten mit Bob Dylan, die Sie auf Ihrer Reise auf seinen Spuren durch die USA erlebt und gesammelt haben. Was hat Sie dazu bewogen, nicht einfach ein eingekölschtes Coveralbum zu machen?
Niedecken: Dieses ganze Projekt hat sich dadurch ergeben, dass die Leute vom KiWi-Verlag für die Serie Musikbibliothek ein Buch von mir über Bob Dylan wollten. Ich sagte damals, ich mache das gerne, aber ich weiß nicht, wann ich dazu komme. Dann hatte ich plötzlich im ersten Corona-Sommer die Zeit dazu. Der rote Faden war die Reise, die ich 2017 im Auftrag des Senders Arte auf den Spuren Bob Dylans kreuz und quer durch die USA gemacht habe. Das Schreiben hat mir sehr viel Spaß gemacht, in diesem lockeren Plauderton. Ich bin am besten, wenn ich einfach plaudern kann.

BT: Diese Gabe des Erzählens haben Sie von Ihrer Mutter geerbt, stimmts?
Niedecken: Oh ja, meine Mutter war sehr fantasievoll. Sie hätte am liebsten auch einen künstlerischen Beruf ausgeübt. Aber das war halt für ein Mädchen, das 1920 geboren wurde, einfach nicht drin. Man kann sich vorstellen, was das für Zeiten waren. Sie hat teilweise Familien-Geschichten erzählt, wenn die keine Pointen hatten, dann hat sie einfach eine dahinter gebaut (lacht). Hauptsache, die Story ist gut. Ich habe dann irgendwann gemerkt, dass das nicht alles stimmte, was sie so erzählt hat, aber die Geschichten waren spannend.

BT: Sie hatten schon ein paar Begegnungen mit Bob Dylan. Eine Anekdote des ersten Treffens hat sich bei mir eingebrannt: Ihr erster Händedruck mit ihrem großen Vorbild ...
Niedecken: Ja! Ich will ja nicht despektierlich sein, aber der hat wirklich einen Händedruck wie ein Waschlappen. Und ich habe einen festen Händedruck, denn mir hat man beigebracht, dass sich das für einen Mann gehört. Aber ich glaube, dass Dylan irgendwelche medizinischen Probleme mit seiner Hand hat. Als sich ihn zum zweiten Mal traf, kam er mir auch direkt mit der Ghetto-Faust entgegen. Das war noch lange vor Corona. Es ist mittlerweile auch rund, dass man Dylan nicht die Hand schütteln soll. Das hat man selbst Obama damals gesteckt, als er ihm die Freiheitsmedaille verliehen hat. Die hat Dylan schweigend mit Sonnenbrille angenommen, Obama tätschelte ihm die Schulter und Dylan tätschelte zurück – sensationell.

BT: Dylan kann nach Außen etwas abweisend und kühl wirken. Können Sie da hinter die Fassade blicken?
Niedecken: Die beiden Male, die es zum Treffen kam, war er ganz offen. Bob Dylan ist nur schüchtern. Das, was als Arroganz ausgelegt wird, ist einfach nur Schüchternheit – deshalb auch die Sonnenbrille. Der will nicht, dass man ihm in die Augen schaut.

Nachts zu lesen ist geschenkte Zeit

BT: Wie kam es zu dem ersten Treffen zwischen Ihnen?
Niedecken: Ich wurde ihm von Wim Wenders vorgestellt Anfang der Nullerjahre, als Wenders den Film über BAP gedreht hat. Dylan spielte damals in der Köln Arena, und da Wenders ehemalige Frau Ronee Blakely in Dylans Band gespielt hat, kannten die beiden sich. Dylan hat mitgekriegt, dass Wenders da war und wir sind nach dem Konzert in die Garderobe. So eine schöne Situation: Wenn der eine Kumpel dich dem anderen Kumpel vorstellt. Das hat dann nichts von einem offiziellen Termin, bei dem man sich benehmen muss. Das war ganz locker und unverstellt. Die beiden haben sich lange über die deutschen Kaiser unterhalten, das weiß ich noch genau.

BT: Wenn man sein großes Idol trifft, könnte die idealisierte Vorstellung des Gegenübers durch die Realität auch enttäuscht werden. Haben Sie darüber mal nachgedacht?
Niedecken: Also meine ganzen Helden, die ich getroffen habe, waren alle – bis auf Chuck Berry – sehr nett und kollegial. Von Mick Jagger über Keith Richards bis Ray Davies. Mit Bruce Springsteen bin ich befreundet. Aber bei Chuck Berry wusste man schon, dass er im persönlichen Umgang unangenehm war. Er hat anscheinend Sachen erlebt, die ihn haben verhärten lassen.

BT: Wie viel künstlerische Freiheit gestehen Sie sich denn beim Übersetzen von Dylans Werken ins Kölsche ein?
Niedecken: Ich versuche, so werketreu wie es geht zu übersetzen. Mitte der 90er hab ich das „Leopardefell“-Album aufgenommen, da habe ich das alles ein bisschen auf die leichte Schulter genommen. Aber ab da bin ich sehr in Detail gegangen. In den 90ern dachte ich, Bob Dylan wird genug Humor haben, wenn ich den Highway 61 in den Nürburgring verwandle. Das würde ich heute nicht mehr tun.

BT: Hat er das denn überhaupt mitbekommen?
Niedecken: Das weiß ich nicht. Dass er das Album gehört hat, weiß ich aber. Bruce Springsteen hat ihm eine Ausgabe gegeben. Dylans Reaktion war daraufhin die Bestellung einer ganzen Kiste für sein Archiv (lacht).

BT: Im November erscheint das neue Buch Bob Dylans mit dem Titel „The Philosophy of Modern Song“, eine Veröffentlichung mehrere Texte, an denen Dylan seit 2010 arbeitet. Wird das Ihre vier Meter lange Dylan-Literaturreihe ergänzen?
Niedecken: Ich muss tatsächlich langsam anbauen, das sind mindestens vier Meter (lacht). Auf das Buch bin ich ganz gespannt. Davon habe ich jetzt auch erst aus Gesprächen mit Ihnen und Ihren Kollegen erfahren. Das muss ich sofort recherchieren, was da genau auf uns zukommt.

BT: Um zu ihrer Geschichte mit Heinrich Böll zurückzukommen – lesen Sie viele Ihrer Bücher häufiger – und wie gehen Sie mit Büchern um? Notizen, Markierungen und Knicke erlaubt?
Niedecken: Ich lese vieles mehrmals. Ich lese relativ viel nachts, weil ich nicht schlafen kann, und das ist wunderbar. Denn dann ärgert man sich nicht, dass man nicht schläft, sondern nimmt es als geschenkte Zeit. Vor ein paar Wochen habe ich nachts gerade nochmal „Billard um halb Zehn“ gelesen. Und klar, Bücher müssen doch leben, da ist alles gestattet. Ich habe immer einen Bleistift bei mir. Ich habe da ein ganz romantisches Verhältnis dazu – und manchmal finde ich in Büchern wahre Schätze, wie selbst gebastelte Lesezeichen aus einer Zeit, in der meine Töchter noch klein waren. Oder Flugtickets oder kleine Bildchen, die mir die Kinder zugesteckt haben. Solche Schätze scheinen verschollen und vergessen – und auf einmal treten sie wieder in dein Leben.


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.