Böhler spricht über Mängel im Gesundheitssystem

Bühl (for) – Die durch Instagram bekannt gewordene Krankenschwester Franziska Böhler sprach in einer Diskussionsrunde mit Azubis der Pflegeschule Sancta Maria in Bühl über die Zukunft der Pflege.

Während der Corona-Pandemie sind die Hygienestandards in Altenheimen stark hochgefahren worden – oft bedeutet das auch Mehrarbeit. Foto: Sebastian Gollnow/dpa

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Während der Corona-Pandemie sind die Hygienestandards in Altenheimen stark hochgefahren worden – oft bedeutet das auch Mehrarbeit. Foto: Sebastian Gollnow/dpa

Während man ihnen vor einigen Monaten noch kräftig applaudiert hat und sich nahezu alle einig waren, dass Pflegekräfte besondere Wertschätzung verdienen, hat es sich inzwischen ausgeklatscht. Die Lobeshymnen sind verstummt, doch die Debatte um den Pflegenotstand dreht sich weiter. Eine Verbesserung ist laut der Krankenschwester Franziska Böhler längst nicht in Sicht, „weil von politischer Seite bisher nicht viel passiert ist“.

Vom Instagram-Star zur Buchautorin

In einer Video-Diskussionsrunde mit den Auszubildenden an der Pflegeschule Sancta Maria in Bühl hat Böhler ausführlich über die aktuelle Situation in der Pflege gesprochen: Über schlechte Bezahlung, geringe Wertschätzung und harte Arbeitsbedingungen einerseits, andererseits aber auch über die Leidenschaft und den innerlichen Drang, anderen zu helfen – oft auf Kosten der eigenen Gesundheit und Lebensqualität.

Die 33-Jährige gilt derzeit als eines der bekanntesten Gesichter in der Pflege und agiert als Sprachrohr für rund 1,7 Millionen Pflegekräfte in Deutschland. Auf der Internetplattform Instagram, aber auch in verschiedenen Talkshows berichtet sie regelmäßig vom Klinikalltag und macht auf den Pflegenotstand aufmerksam. Im vergangenen Jahr hat sie das Buch „I’m a Nurse“ veröffentlicht, in dem sie ebenfalls die Missstände im deutschen Gesundheitssystem thematisiert.

Viele Aussteiger im Klinikbereich

Seit 2007 hat Böhler als Krankenschwester auf einer Intensivstation in der Nähe von Frankfurt gearbeitet, „mit Herz und Leidenschaft“, wie sie erzählte. Im vergangenen Jahr wechselte die zweifache Mutter in die Anästhesie eines medizinischen Versorgungszentrums, um wieder mehr Zeit für ihre Familie zu haben.

So wie Böhler geht es vielen Pflegekräften: Schicht-und Wochenenddienste ließen sich nur schwer mit dem Privatleben vereinbaren. Hinzukomme, dass die Politik über Jahre hinweg Personal eingespart habe. Viele Kliniken und Pflegeeinrichtungen arbeiten am Rande ihrer Belastung, wie aus dem Diskurs mit den Azubis hervorging. Dieses Problem habe es allerdings schon lange vor Corona gegeben, die Pandemie habe es nur noch verstärkt. „Wir haben derzeit sehr viele Aussteiger, insbesondere im Klinikbereich“, wie Schulleiter Manuel Benz berichtete.

„Das Schlimme daran ist, dass wir Pflegekräfte an dieser Situation Mitschuld haben“, sagte Böhler mit Blick auf den Personalmangel. „Wir sind immer zur Stelle, springen immer ein, wenn jemand ausfällt und opfern unser privates Leben, damit dieses kranke System erhalten bleibt.“ Ein Gesundheitssystem mit enormem Personalmangel könne und dürfe aber nicht nur durch dauerhafte Kompensation erhalten bleiben. „Das funktioniert auf Dauer nicht. Aber die Politik wird nie erkennen, wie groß der Mangel ist, wenn wir Ausfälle immer kompensieren.“ Die Auswirkungen davon sind erschreckend: „Spätestens bis 2035 fehlen uns rund 400.000 Pflegekräfte“, warnte Benz mit Blick auf den demografischen Wandel, der dazu führe, dass es immer mehr alte, pflegebedürftige Menschen gebe.

Konkurrenzdenken innerhalb der Branche

Ausgerechnet Altenpfleger würden aber eine sehr geringe Wertschätzung erfahren, wie einige der Azubis aus Bühl aus eigenen Erfahrungen berichteten. „Und zwar nicht nur von außen, sondern oft auch innerhalb der unterschiedlichen Pflegegruppen.“ Auch Böhler kennt diesen „Machtkampf“ um Profilierung zwischen den einzelnen Pflegegruppen – etwa zwischen Kranken- und Altenpflegern. „Einerseits ist das natürlich ein gesellschaftliches Problem, dass Menschen sich untereinander aufgrund ihres Werdegangs bewerten, andererseits sind wir Pfleger da aber auch selbst verantwortlich“, meinte sie. Ralf Pinkinelli vom Pflegebündnis Mittelbaden fügte hinzu: „Wir müssen uns hier an die eigene Nase fassen und dagegen ankämpfen. Wir sind eine riesige Gemeinschaft, da gehören auch viele ehrenamtliche Pfleger dazu. Statt uns gegenseitig abzuwerten, sollten wir lieber voneinander lernen.“

„Wir sitzen alle in einem Boot“

Schließlich gebe es sowohl in der Ausbildung als auch im Berufsalltag viele Parallelen – nur die einzelnen Schwerpunkte seien je nach Pflegeberuf eben anders. „Letztlich sitzen wir aber alle in einem Boot“, meinte auch Benz. „Und insbesondere die Corona-Pandemie hat gezeigt, wie schnell wir umschalten müssen. Wir haben die Hygienestandards in den Altenheimen so stark hochgefahren, dass die Einrichtungen einem Krankenhaus gleichen“, berichtete Peter Koch vom Pflegebündnis Mittelbaden. Mit Blick auf die generalistische Pflegeausbildung sagte er: „Ich bin froh, dass wir jetzt endlich alle in eine Richtung gehen.“ Anfang 2020 wurden mit dem Pflegeberufegesetz die drei Berufsbilder Krankenpflege, Kinderkrankenpflege und Altenpflege zu einer generalistischen Ausbildung mit dem Abschluss als Pflegefachfrau oder Pflegefachmann zusammengeführt. Einige Azubis befürchten jedoch, dass Altenheime durch die Generalistik immer mehr Auszubildende an Kliniken verlieren – auch, weil die Entlohnung dort meist besser ist.

Vergütung als Form der Wertschätzung

Unabhängig davon sieht auch Böhler „Einheit und Zusammenhalt“ innerhalb der Pflegebranche als wichtigen Punkt an, um Veränderung zu erreichen. „Nur wenn wir uns selbst gegenseitig wertschätzen, können wir auch die Gesellschaft davon überzeugen, hinter uns zu stehen“, sagte sie.

Dem Applaus und der Anerkennung hinterherzulaufen, sei der falsche Weg. Stattdessen müsse man laut auf die Probleme in der Pflege aufmerksam machen. „Und es ist auch gerechtfertigt, eine bessere Vergütung zu fordern“, betonte Böhler. Zwar sollte die Vergütung nicht in erster Linie der Anreiz für eine bestimmte Berufswahl sein, „aber Entlohnung ist auch immer eine Form der Wertschätzung“, fügt sie hinzu. Das müsse die Politik endlich erkennen. Aber solange die Politik die Mängel im Gesundheitswesen stillschweigend hinnehme, „müssen wir weiter den Finger in die Wunde legen und Druck machen.“

Sprachrohr für die Pflegekräfte: Krankenschwester und Buchautorin Franziska Böhler macht regelmäßig öffentlich auf den Pflegenotstand aufmerksam. Foto: privat

Sprachrohr für die Pflegekräfte: Krankenschwester und Buchautorin Franziska Böhler macht regelmäßig öffentlich auf den Pflegenotstand aufmerksam. Foto: privat


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