Böse Erinnerungen werden wach

Baden-Baden (co) – Unzählige Menschen müssen am Sonntag ihre Wohnungen verlassen, wenn die Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg im Wörthböschel entschärft werden. Auch Familie Krasniqi.

Vor dem Bau des Wohnblocks konnten Gazmend und Ajten Krasniqi mit ihren Töchtern Adelina und Gentiana fast bis zum Wörthböschel schauen.  Foto: Conny Hecker-Stock

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Vor dem Bau des Wohnblocks konnten Gazmend und Ajten Krasniqi mit ihren Töchtern Adelina und Gentiana fast bis zum Wörthböschel schauen. Foto: Conny Hecker-Stock

Sie sieht diesem Tag mit sehr gemischten Gefühlen entgegen. Ajten Krasniqi steht die Sorge um ihre Familie ins Gesicht geschrieben. Die Mutter von Adelina (9), Gentiana (17), Gentian (20) und Granit (21), die alle mit im Haushalt leben, ist zwar von Natur aus ein positiver Mensch, sie lacht gerne und viel. Doch die Ungewissheit über den Ausgang der Aktion macht sie unruhig, das ist in ihren Augen zu lesen und sie bestätigt es auch im Gespräch.

Ebenso wie ihr Mann Gazmend war sie völlig perplex über das Flugblatt der Stadt im Briefkasten mit der Ankündigung der Evakuierung. Beide glaubten zuerst an einen verspäteten Aprilscherz. Doch Gespräche mit den Nachbarn und ein großer Bericht im Badischen Tagblatt bestätigten für sie die Echtheit des Schreibens, und böse Erinnerungen wurden wach.

Wegen Bomben aus der Heimat weggegangen

„Wir sind aus unserer Heimat weggegangen wegen der Bomben, und jetzt haben wir es hier wieder mit Bomben zu tun“, seufzt die Oma, die derzeit zu Besuch ist. Gazmend Krasniqi gibt sich optimistisch: „Im Zweiten Weltkrieg kann es hier in Baden-Oos doch nicht so schlimm gewesen sein mit den Abwürfen.“ Dass gerade das Wörthböschel hart getroffen wurde, weiß er noch nicht. Doch bei ihm werden ungute Erinnerungen wach an den Krieg im Kosovo. Er war als Soldat in Slowenien nahe der Grenze zu Italien stationiert, musste täglich Lkw mit Munition beladen, die jeden Abend leer wieder zurückkamen, alles wurde abgefeuert.

Auch seine spätere Frau Ajten, die er 1993 bei der Hochzeit von Freunden in Stuttgart kennen und lieben lernte, hat viel Schmerzliches erlebt. Was ihrem Vater angetan wurde, der immer wieder von der Polizei abgeholt wurde, darüber kann sie bis heute nicht sprechen. Beide stecken noch mitten in Überlegungen, was sie am Sonntag tun sollen. „Es gibt ja auch noch Corona-Auflagen, wir können nicht zu sechst zu Freunden oder Familienangehörigen kommen, die selbst alle große Haushalte haben“, gibt das Familienoberhaupt zu bedenken.

Am besten in die Natur

Am liebsten wäre ihnen ein Tag in der freien Natur, im Schwarzwald, sie überlegen, ein Picknick einzupacken. Dann kommen aber Zweifel: „Es ist doch überall voll, in der direkten Umgebung hier sowieso, aber auch wegen des angesagten guten Wetters werden so viele Leute unterwegs sein, wo sollen wir denn hin?“ Entschieden haben sie noch nichts, sie sind aber fest entschlossen, keine von der Stadt zur Verfügung gestellte Halle aufzusuchen. Da haben sie viel zu viel Angst, sich dort vielleicht mit Corona anzustecken.

Irgendwie hoffen die Krasniqis noch auf weitere Infos seitens der Stadt, wie sie sich als Großfamilie verhalten sollen. Die neunjährige Tochter Adelina hat Angst, ihr wäre es am liebsten, wenn alles schon vorüber wäre. Niemand von der Familie hätte je geglaubt, nochmals mit Kriegsgeschehen konfrontiert zu werden. Mama Ajten ist aber trotz aller Sorgen um ihre Lieben der Humor nicht abhandengekommen. „Dann nehmen wir am besten das Familiengold mit in den Schwarzwald, um wenigstens das zu retten“, scherzt sie mit einem Augenzwinkern, um sich selbst zu beruhigen.

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Conny Hecker-Stock

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Erstellt:
8. Mai 2021, 17:00 Uhr
Lesedauer:
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