Bordellöffnung bringt mehr Schutz und Transparenz

Karlsruhe (for) – Die Karlsruher Beratungsstelle Luise unterstützt Prostituierte – auch in der Corona-Krise. Unter der Zwangsschließung der Bordelle haben viele Sexarbeiterinnen schwer gelitten.

Wegen der sinkenden Inzidenzzahlen dürfen Bordelle in Baden-Württemberg mit Testpflicht und Hygienevorschriften wieder öffnen. Foto: Sebastian Gollnow/dpa

© dpa

Wegen der sinkenden Inzidenzzahlen dürfen Bordelle in Baden-Württemberg mit Testpflicht und Hygienevorschriften wieder öffnen. Foto: Sebastian Gollnow/dpa

Nach der monatelangen Corona-Zwangspause gehen die Lichter im Karlsruher Rotlichtviertel wieder an: Prostitutionsstätten in Baden-Württemberg dürfen bei Inzidenzen unter 35 mit Testpflicht wieder öffnen. Für Sexarbeiterinnen wächst damit die Hoffnung, ihre Dienste endlich wieder unter sicheren Arbeitsbedingungen ausüben zu können. Gearbeitet haben die meisten von ihnen ohnehin die ganze Zeit – allerdings im Verborgenen und unter extrem schlechten Bedingungen.

Sexarbeit verlagert sich in Dunkelheit

So hätte sich die legale Sexarbeit während der Corona-Pandemie zunehmend in die Dunkelheit verlagert, wie Anita Beneta von Luise, der Karlsruher Beratungsstelle für Prostituierte, gegenüber dem BT sagt. Viele Frauen hätten aus der Not heraus auf dem Straßenstrich gearbeitet, sexuelle Dienstleistungen in Hotelzimmern oder im Auto angeboten. „Sie waren Gewalt ausgesetzt, es lagen keine Hygienekonzepte vor, das war wirklich eine massive Gefährdung für die öffentliche Gesundheit“, sagt die Sozialarbeiterin.

Deshalb habe sich die Beratungsstelle, die an die Diakonie Karlsruhe angeknüpft ist, auch dafür stark gemacht, dass Prostituierte wieder unter geschützten Bedingungen und guten Hygienekonzepten weiterarbeiten können – „und eben nicht ungeschützt im Dunkelfeld“.#

Extreme finanzielle Notlage

Bereits kurz nach dem ersten Lockdown waren viele Prostituierte in einer extremen finanziellen Notlage, viele von ihnen waren plötzlich obdachlos. Das habe sich auch in der Verschiebung der Beratungsthemen vor allem zur finanziellen Absicherung bemerkbar gemacht. „Wir haben uns zusammen mit der Diakonie Baden dann sehr schnell um finanzielle Hilfen gekümmert“, blickt Beneta zurück. Zunächst war häufig eine Überbrückung durch Nothilfefonds möglich, bis beispielsweise der Sozialleistungsbezug sichergestellt war, wie aus dem Jahresbericht der Beratungsstelle hervorgeht.

„Hier zeigte sich eine sehr gute Kooperation mit den örtlichen Behörden, insbesondere mit dem Jobcenter.“ Der Bezug von Soforthilfen war für die Klientinnen von Luise aufgrund fehlender Dokumente jedoch nicht immer möglich und oft schwierig. Für Frauen, die aufgrund der Schließung von Bordellen wohnungslos wurden, hat die Beratungsstelle eine Notunterkunft eingerichtet. Außerdem war Luise mit einer mobilen Versorgung sowie einer Frauenärztin unterwegs und hat Frauen – auch ohne Krankenversicherung – versorgt.

Unverhüteter Sex aus Verzweiflung

Glücklicherweise habe die Beratungsstelle die Prostituierten auch während der Zwangsschließung gut erreicht. „Der Zugang war immer da. Viele von ihnen kennen uns bereits und die Frauen sind natürlich auch Multiplikatorinnen“, weiß Beneta. Zugang bedeute aber auch, sich die Konstellationen und Arbeitsbedingungen ansehen zu können, unter welchen die Dienstleistungen stattfinden. „Dazu müssen wir die Prostituierten aufsuchen, das haben wir auch während der Corona-Krise gemacht, etwa auf dem Straßenstrich“, sagt Beneta.

Pandemie zeigt Zukunftsszenarien auf

Sie ist sich sicher, dass die Wiedereröffnung der Bordelle nun wieder für „mehr Sicherheit, Schutz, Zugang und Transparenz“ sorgen wird. Die Corona-Pandemie sei ein Ausnahmezustand, aber sie zeige auch, was passiert, wenn die Sexarbeit tatsächlich komplett verboten würde, betont Beneta. „Die sexuellen Dienstleistungen würden in parallelen Welten weiter stattfinden“ – so wie es auch während der Pandemie passiert sei. „Wir sind Zeugen geworden und wir alle waren erschüttert, unter welchen Bedingungen die Frauen teilweise gearbeitet haben, wie sie ihre Standards heruntergeschraubt haben, um an Geld zu kommen“, erzählt Beneta und nennt Stichworte wie „unverhüteter Sex aus Verzweiflung“. Viele Frauen hätten in ihren Heimatländern Familie und Kinder, die sie versorgen müssen. „Das waren für diese Frauen ganz belastende Situationen.“

Gleichzeitig sind Krisen wie die Pandemie laut Beneta aber auch immer Lehrzeiten, in denen man viel lernen kann über bestimmte Prozesse. „Und Krisenzeiten sind auch immer ein bisschen wie eine Kugel, mit der man in die Zukunft schauen kann“, fügt sie hinzu. „Sie zeigt uns Dinge, die wir künftig besser vermeiden wollen und wo wir präventiv tätig werden müssen.“

Viele bereits geimpft

Beneta hofft nun, dass die Inzidenzen weiter unten bleiben. Viele der Prostituierten seien mittlerweile geimpft und es gebe immer wieder Impfkampagnen. „Es bedeutet den Frauen viel, dass sie sich auch ohne Krankenversicherung impfen lassen können“, so Beneta. Vor der Brunnenstraße in Karlsruhe gebe es etwa eine Schnellteststation, „wir bieten Spucktests an und auch die Bordelle selbst testen.“ Die Entscheidung, Bordelle unter diesen Vorgaben wieder zu öffnen, „bringt nur mehr Sicherheit“, ist die Sozialarbeiterin überzeugt.

Ihr Autor

BT-Redakteurin Janina Fortenbacher

Zum Artikel

Erstellt:
1. Juli 2021, 22:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 06sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.