Brachvogel „Emil“ sendet Grüße nach Bühl

Bühl/Rheinau (mf) – Die Biologen Matthias Reinschmidt und Martin Boschert haben Brachvögel und Kiebitze in der Rheinebene ausgewildert. Dieses Jahr sind es 41 Vögel gewesen.

Matthias Reinschmidt und Martin Borchert öffnen die Voliere – die Kiebitze und Brachvögel darin werden in die Freiheit entlassen. Foto: Martina Fuß

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Matthias Reinschmidt und Martin Borchert öffnen die Voliere – die Kiebitze und Brachvögel darin werden in die Freiheit entlassen. Foto: Martina Fuß

Drei promovierte Biologen: Matthias Reinschmidt, Direktor des Karlsruher Zoos, Martin Boschert vom Büro Bioplan in Bühl und Wolfgang Fiedler von der Max-Planck-Forschungsgruppe Verhaltensbiologie in Radolfzell. Die drei ehemaligen Kollegen, die sich beim Studium an der Universität in Tübingen kennengelernt haben, wildern in der Rheinebene regelmäßig Kiebitze und Brachvögel aus.

Kürzlich ist es wieder so weit: Martin Boschert und Matthias Reinschmidt treffen sich bei einer versteckten Voliere auf Rheinauer Gemarkung. „Es ist die letzte Auswilderung dieses Jahr“, erklärt Reinschmidt. Nachdem er den schützenden Elektrozaun deaktiviert hat, nähert er sich zusammen mit Martin Boschert der Voliere. Die vier Jungvögel spüren, dass irgendwas im Gange ist, fangen an, aufgeregt herumflattern.

Langer Schnabel bricht schnell

Zwei bis drei Tage haben sie hier zugebracht, um sich einzugewöhnen. Jetzt werden sie nervös. Ein bisschen sorgenvoll beobachten Reinschmidt und Boschert, wie die Vögel bei Flugversuchen an das Gitter der Voliere stoßen. Die Gefahr ist groß, dass dabei der lange Schnabel des Brachvogels bricht. Ganz ruhig und vorsichtig öffnen die Biologen das Tor zur Freiheit und beobachten das Geschehen. Es dauert ein bisschen, bis die vier Vögel merken, was da angeboten wird. Sie tapsen nach und nach durch die offenen Gatter und fliegen schließlich davon in die Freiheit. Ein bisschen wehmütig schauen die beiden Vögel-Väter hinterher. Sie legen noch ein bisschen leckeres Futter aus, falls der eine oder andere noch einmal zurückkommt: Reinschmidt und Boschert packen fette Maden aus und platzieren sie gut sichtbar vor der Voliere.

Wolfgang Fiedler ist an diesem Tag nicht dabei, er hat aber zwei Mini-Sender beschafft und damit für eine Weltpremiere gesorgt. „Es sind die ersten Kiebitze, die mit Sender ausgestattet sind“, erklärt Matthias Reinschmidt, „wir haben schon 30 Kiebitze ausgewildert, aber wir haben keine Information über sie. Mittlerweile gibt es ganz leichte Sender für diese kleinen Vögel, die zwei bis drei Daten pro Tag aufzeichnen.“ Martin Boschert greift zum Smartphone und demonstriert die Nachverfolgung, die mittels der weltweiten Datenbank „Movebank“ erfolgt. Sofort entdeckt er „unseren Emil“, ein Brachvogel aus der Obersasbacher Mark, einer Exklave in Bühl-Moos. Dort hat Emil gebrütet und ist jetzt, laut App, in Portugal, an der Tejo-Mündung in Lissabon unterwegs.

Mit ihren langen Schnäbeln sind die Brachvögel ein Hingucker. Noch 35 Paare gibt es im Land. Foto: Zoo Karlsruhe

Mit ihren langen Schnäbeln sind die Brachvögel ein Hingucker. Noch 35 Paare gibt es im Land. Foto: Zoo Karlsruhe

„In Baden-Württemberg gibt es noch 35 Brachvogel-Paare“, erklärt Martin Boschert. Im Auftrag des Regierungspräsidiums betreut er ein spezielles Artenschutzprogramm für Wiesenvögel. Zoo-Biologe Reinschmidt nennt den Freiland-Biologen Boschert den „Brachvogel-Papst“ in Baden-Württemberg. Immerhin hat sich Boschert in 35 Jahren viel Expertenwissen rund um die Wiesenvögel und ganz speziell um den Brachvogel angeeignet. Mit diesem Wissen sucht und findet er die Nester und entnimmt ihnen ein Ei. Was ansonsten strengstens verboten ist, ist ihm im Sinne des Artenschutzes ausdrücklich erlaubt.

An dieser Stelle nun kommt der Zoo Karlsruhe und die dort angesiedelte Artenschutz-Stiftung ins Spiel. Das Ei wird in den Zoo nach Karlsruhe gebracht und dort ausgebrütet. Dann dürfen die jungen Vögel fünf Wochen lang in Ruhe und professionell betreut aufwachsen. „Wir minimieren den menschlichen Kontakt. Die immer gleichen Mitarbeiter bringen das Futter und ziehen sich sofort wieder zurück. Schließlich sind das Wildvögel“, erklärt Zoodirektor Reinschmidt.

Brachvogel kann 30 Jahre alt werden

Wenn die jungen Vögel etwa 35 Tage alt sind und fliegen können, werden sie in die Voliere nach Rheinau gebracht, die vom Artenschutz-Team des Zoos gebaut wurde und mit einem Elektrozaun umgeben ist. Nach wenigen Tagen dort werden die Jungvögel schließlich ausgewildert. Auf diese Weise konnten in diesem Jahr sechs Brachvögel und 35 Kiebitze in die Natur entlassen werden. Es ist ein schöner und erfolgreicher Moment für die beiden Tierschützer.

Ein Brachvogel kann 30 Jahre alt werden, ab dem dritten oder auch vierten Jahr brütet er. Jene die losfliegen, müssen also die beiden ersten Jahre überstehen. „Von zehn Vögeln schaffen es zwei. Insofern brauchen wir viele Jungvögel, um die Art zu erhalten“, erklärt Boschert. Gemeinsam mit dem Zoo Karlsruhe und der Max-Planck-Forschungsgruppe in Radolfzell versuche man an vielen Rädchen des Schutzkonzeptes gemeinsam zu drehen. „Wenn wir da unterstützen können, helfen wir gerne“, erklärt Matthias Reinschmidt im Namen der Artenschutzstiftung. Jeweils ein Euro des Eintrittsgeldes in den Zoo fließt der Stiftung zu.

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Erstellt:
7. August 2021, 07:00 Uhr
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