Bremsspuren in der Baubranche

Stuttgart/Baden-Baden (tas) – Fachkräftemangel und Preisauftrieb: Die Umsätze der Südwest-Firmen werden in diesem Jahr nur wenig zulegen – damit rechnet der Verband Bauwirtschaft Baden-Württemberg.

Reparatur: Die Bauwirtschaft beklagt eine schleppende Auftragsvergabe der öffentlichen Hand. Foto: Andreas Arnold/dpa

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Reparatur: Die Bauwirtschaft beklagt eine schleppende Auftragsvergabe der öffentlichen Hand. Foto: Andreas Arnold/dpa

Die deutlich gestiegenen Kosten wirken sich mittlerweile auf die Umsätze der Bauunternehmen im Land aus. „Lediglich 0,8 Prozent Plus gegenüber dem ersten harten Corona-Jahr verzeichnete die Branche zwischen Januar und November 2021“, teilte der Verband Bauwirtschaft Baden-Württemberg am Donnerstag mit.

Das Umsatzvolumen der Betriebe mit 20 und mehr Mitarbeitern lag bei 12,9 Milliarden Euro. Auch für das laufende Jahr rechnet der Verband mit einem ähnlich hohen Wachstum.

Bescheidene Lage beim öffentlichen Bau

Über alle Unternehmen hinweg seien die Auftragsbücher eigentlich gut gefüllt, beispielsweise im Wirtschaftsbau. Doch hier gab es nach einem deutlichen Auftragsrückgang im Jahr 2020 von mehr als 20 Prozent auch viel nachzuholen. Dass der Auftragseingang in diesem Bereich jetzt wieder bei mehr als 32 Prozent liege, habe auch mit einigen großen Bauprojekten der Bahn zu tun.

Anders sehe die Situation beim öffentlichen Bau aus, hier sei die Lage bescheiden. Bis Ende November registrierten die Unternehmen ein Umsatzminus von 1,4 Prozent, die Ordereingänge lagen bei einem „mageren“ Plus von drei Prozent. Insbesondere der Straßenbau habe im vergangenen Jahr unter den fehlenden Aufträgen der Kommunen gelitten, obgleich das Land für coronabedingte Einnahmeausfälle extra Unterstützungspakete bereitgestellt habe. „Bei den Kommunen ist Vorsicht eingekehrt“, sagte Bauunternehmer Mathias Waggershauser, der auch Vizepräsident des Verbandes ist. „Viele Brücken sind in einem schlechten Zustand, der Sanierungsbedarf ist enorm.“

„Geld kommt einfach nicht auf die Straße“

Ernüchternd sei auch die „zögerliche Auftragsvergabe“ der neu gegründeten Autobahn GmbH des Bundes gewesen. „Die Autobahn GmbH ist noch immer mehr mit ihrem Umstrukturierungsprozess beschäftigt anstatt Projekte auszuschreiben. Obwohl genügend finanzielle Mittel bereit stehen, kommt das Geld einfach nicht auf die Straße“, kritisierte Waggershauser. „Wir können nur hoffen, dass das 2022 besser wird.“

Die neue Gesellschaft des Bundes hatte zum Jahresbeginn 2021 ihre Arbeit aufgenommen. Sie kümmert sich zentral um den Bau und den Erhalt der deutschen Autobahnen, das Feld hatten zuvor die einzelnen Bundesländer bestellt und dafür die finanziellen Mittel vom Bund erhalten. Durch die Neuordnung sollen die Bauprojekte jetzt eigentlich schneller und effizienter umgesetzt werden.

Dass die Bauwirtschaft derzeit eher mit angezogener Handbremse fährt, liegt auch an den Problemen beim Bezug bestimmter Materialien und den dadurch erzeugten deutlichen Preissteigerungen in der Branche. „Wir Bauunternehmer haben diese Preiserhöhungen nicht zu verantworten und sind leider gezwungen, sie an unsere Kunden weiterzugeben“, sagte Verbandspräsident Markus Böll. Allein im Wohnungsbau lag der Preisanstieg laut dem Statistischen Bundesamt im November bei gut 14,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum, im Straßenbau waren es 5,7 Prozent. Und für dieses Jahr erwartet Böll über alle Bereiche hinweg ein weiteres Plus von zehn Prozent.

Hoffnung auf geplantem Zuwanderungsgesetz

Auch der Fachkräftemangel macht der Branche schwer zu schaffen. Zwar zeige die Kurve bei den Ausbildungszahlen wieder nach oben, das reiche aber nicht aus, um die Lücke zu schließen. Derzeit beschäftigt der Bau in Baden-Württemberg rund 113.000 Menschen (Betriebe mit mehr als 20 Arbeitnehmern), aber derzeit könnten die Unternehmen noch weitere 10.000 Kräfte gebrauchen, sagte Böll.

Der Verband erhofft sich Entlastung vom geplanten Zuwanderungsgesetz. Es könne „ein sinnvoller Türöffner“ sein, vorausgesetzt der Bundesgesetzgeber zeigt sich offen für neue Wege, sagte Böll. Er plädierte dafür, gering qualifizierte Erwachsene über 25 Jahre für ein halbes Jahr nach Deutschland zu holen, um sie – angestellt in Baufirmen – in Bildungszentren praktisch zu qualifizieren. Der Staat solle in dieser Zeit die Lohnkosten übernehmen. Zudem wolle die Branche das Berufspotenzial von Frauen stärker nutzen.

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Erstellt:
27. Januar 2022, 18:45 Uhr
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