Bringt Ersatzwasser PFC nach Weisenbach?

Weisenbach (stj) – In der Gemeinde machen sich bei einigen Bürgern Sorgen breit, man könne sich die in Mittelbaden grassierende PFC-Problematik im Trinkwasser quasi selbst ins Haus holen.

Durch die Versorgung mit Quellwasser kann sich Weisenbach aktuell als PFC-frei bezeichnen. Foto: Stephan Juch

© stj

Durch die Versorgung mit Quellwasser kann sich Weisenbach aktuell als PFC-frei bezeichnen. Foto: Stephan Juch

„PFC-Fahnen bewegen sich auf Hügelsheim zu“; „Grundwasser unter ganz Weitenung belastet“; „Akuter Handlungsbedarf in Baden-Baden“; „Für die Sicherheit des Trinkwassers werden in Balzhofen 9.000 Kubikmeter Boden abgetragen“: Vier Schlagzeilen, die allein im Monat Dezember dokumentieren, wie groß die Probleme sind, die man in Mittelbaden mit der Belastung von per- und polyfluorierten Chemikalien im Trinkwasser hat. So groß, dass sich mitunter selbst Bürger in Gemeinden Sorgen machen, die davon noch gar nicht betroffen sind.

Beispiel Weisenbach. Dort hat sich in den zurückliegenden Monaten eine Interessengemeinschaft von acht Leuten gebildet, die sich intensiv mit der Materie auseinandersetzt. Hintergrund sind Überlegungen der Gemeinde, sich über eine Ersatzwasserleitung an das Netz der Stadtwerke Gernsbach anzuschließen, um die Versorgungssicherheit zu erhöhen.

Strukturgutachten listet 16 Handlungsempfehlungen auf

Ein vom Büro RBS wave GmbH (Ettlingen) im Auftrag der Gemeinde erstelltes Strukturgutachten listet 16 Handlungsempfehlungen auf – eine davon ist die Ersatzwasserversorgung. Als Grund führen die Experten an, dass es in Dürresommern wie 2020 in Weisenbach knapp werden könnte – nicht zuletzt, weil sich die Ausgangsbedingungen für die Quellschüttungen im Zuge des Klimawandels weiter verschlechtern dürften.

Was würde das für Weisenbach bedeuten? Diese Frage treibt die Interessengemeinschaft um. Vor allem Friedbert Fellmoser und Günter Westermann sind tief in die Problematik eingestiegen. „Wir wollen das Thema PFC bekannt machen“, betonen die beiden im BT-Gespräch. Denn: „Im Falle einer Ersatzwasserleitung würden wir Wasser von den Stadtwerken Gernsbach beziehen. Diese wiederum beziehen ihr Wasser von den Stadtwerken Gaggenau (SWG). Und die bekommen ihr Wasser aus Muggensturm und Bietigheim“, erklären Fellmoser und Westermann den ihrer Meinung nach zu befürchtenden Anschluss Weisenbachs an Brunnen, die in der Rheinebene liegen.

Zudem verweisen sie auf den Statusbericht des Regierungspräsidiums Karlsruhe vom zweiten Halbjahr 2020, nachdem auch das Gaggenauer Wasser Spuren von PFC aufweist. Die Stadtwerke Gaggenau selbst behaupten, von der aktuellen PFC-Problematik nicht unmittelbar betroffen zu sein: „Es finden sich im Rohwasser nur analytische Spuren von PFC. Unser Netzwasser kann als nahezu PFC-frei bezeichnet werden“, heißt es auf deren Internetpräsenz.

EU hat Grenzwerte deutlich verschärft

In dieser Einschätzung sehen Fellmoser und Westermann eine Verharmlosung, vor allem vor dem Hintergrund, dass die EU neue Grenzwerte festgelegt hat, die sehr deutlich unter den bisherigen liegen. Der Bundesgesetzgeber wird dafür bis spätestens Januar 2023 die Trinkwasserverordnung novellieren. „Dann werden wahrscheinlich alle Wasserversorger, die ihr Trinkwasser aus Brunnen der Rheinebene beziehen, wieder vor einem schier unlösbaren PFC-Problem stehen“, glaubt Westermann und schließt daraus folgende Hypothese: „Man versucht nun durch Mischung mit unbelasteten Quellen durch ,Ersatzwasserleitungen‘ zu Hochbehältern anderer Gemeinden, den PFC-Gehalt zu reduzieren.“

Dass Mischen eine Option ist, zeigte sich, als das Umweltbundesamt im Dezember 2019 den Grenzwert für sogenannte PFOA von 0,1 Mikrogramm auf 0,05 Mikrogramm pro Liter gesenkt hat. Plötzlich konnte der Wasserversorgungsverband Vorderes Murgtal (WVV) im Versorgungsbereich Gernsbach diese Grenze nur noch durch die Beimischung von Wasser der Stadtwerke Gaggenau einhalten. Allianzen wie diese werden immer mehr geschmiedet, verweisen Fellmoser und Westermann auf das Beispiel Baden-Baden - Iffezheim - Hügelsheim. Hinzu komme, dass die PFC-Fahne weiter in Bewegung ist.

Die Ausmaße der PFC-Belastung in Mittelbaden sind gewaltig: Im August 2019 werden bei Steinbach mit Großlysimetern Bodenproben mit verunreinigter Erde für wissenschaftliche Zwecke entnommen. Foto: Christina Nickweiler

© BT

Die Ausmaße der PFC-Belastung in Mittelbaden sind gewaltig: Im August 2019 werden bei Steinbach mit Großlysimetern Bodenproben mit verunreinigter Erde für wissenschaftliche Zwecke entnommen. Foto: Christina Nickweiler

Aktuellen Erkenntnissen zufolge wird sie 2025 Ötigheim erreichen. „Ötigheim und Muggensturm bauen 2022 ein gemeinsames Wasserwerk mit einer Rohwasserverbindungsleitung zum Muggensturmer Wasserwerk, das die Stadtwerke Gaggenau betreiben“, geben die Weisenbacher zu bedenken und fragen: „Sollte man in Anbetracht dessen nicht froh sein, eigene Quellen zu haben, die einem solch ein Allianz-Geflecht ersparen?“

Was sagt die Kommunalpolitik?

Die Wasserversorgung in Weisenbach sollte am 23. November Thema eines Bürgerforums in der Festhalle sein, das coronabedingt verschoben wurde. „Mir ist die Beteiligung von möglichst vielen Bürgern überaus wichtig“, erklärte Bürgermeister Daniel Retsch die Intention des Forums, das unter dem Motto „Schimpfen – Spinnen – Schaffen“ stehen sollte. Ein Experte von RBS wave sollte über die Situation in der Gemeinde informieren, Martin Müller von der Lebenswerke GmbH aus Stuttgart die Moderation übernehmen. Nach der Absage teilte Friedbert Fellmoser Bürgermeister Retsch und den Gemeinderäten seine Bedenken in einer sechsseitigen Abhandlung mit. Die Fraktionsvorsitzenden Uwe Rothenberger (Freie Wähler) und Steffen Miles (CDU) wiesen in einer gemeinsamen Antwort darauf hin, dass ihnen das Thema „ebenfalls sehr am Herzen“ liege. Inhaltlich wollten sie zum jetzigen Zeitpunkt aber keine Stellungnahme abgeben, weil zum einen „noch keine einzige Entscheidung getroffen“ wurde und zum anderen das Bürgerforum nachgeholt werde. Erst danach gehe es für den Gemeinderat darum, weitere Schritte einzuleiten: „Bis zu einer tatsächlichen Umsetzung ist es noch ein langer Weg mit vielen öffentlichen und somit transparenten Beratungen und Entscheidungen.“

Interessengemeinschaft sieht nur Nachteile

Was würde eine Anbindung an das Netz der Stadtwerke Gernsbach für die Auer und Weisenbacher Bevölkerung bedeuten? Aus Sicht von Friedbert Fellmoser und Günter Westermann Folgendes:

- Weiterhin Verlust von sauberem Quellwasser: Das über die Ersatzwasserleitung herbeigeführte Wasser würde über den Hochbehälter Gerstenland in das bestehende, mit sehr großen Leitungsverlusten (circa 50.000 Kubikmeter jährlich) behaftete Ortsnetz von Weisenbach eingespeist werden. Würde man stattdessen die Leckagen schließen, stünden jährlich durchschnittlich rund 50.000 Kubikmeter Quellwasser (mehr als 100 prall gefüllte Weisenbacher Schwimmbäder) mehr zur Verfügung. Vor diesem Hintergrund stellen Fellmoser und Westermann auch die Frage, ob man in Weisenbach selbst in Dürrejahren überhaupt von einer Wasserknappheit sprechen kann?

- Keine Verbesserung im Notfall: Auch mit einer Ersatzwasserleitung hätten Rohrbrüche in der Leitung vom Hochbehälter ins Ortsnetz oder in der Murgdurchführung fatale Folgen: So berge die Ersatzwasserleitung vom Anbindungspunkt an die Stadtwerke Gernsbach in Hilpertsau zum Hochbehälter Gerstenland allein schon durch ihre enorme Länge eine potenziell höhere Gefahr für Leckagen als die ein Kilometer kurze Strecke von den Weisenbacher Quellen zum Gerstenland. Das Quellwasser überwindet die Strecke ohne technische Hilfsmittel, während bei der Ersatzwasserleitung energieintensive Pumpen eingesetzt werden müssten.

- Hohe Kosten: Eine vergleichbare Leitung von 2,2 Kilometern Länge, die derzeit vom Ottenauer Schwimmbad zum Hochbehälter Galgenbusch der Stadt Gernsbach gebaut wird, kostet rund zwei Millionen Euro.

- Dauerhafte Zuleitung von PFC-haltigem Wasser: Wenn Ersatzwasser zugeführt wird, müsste dies wegen Legionellengefahr das ganze Jahr über geschehen. Das über die Ersatzwasserleitung herbeigeführte Wasser wäre nach den jetzigen Verordnungen zwar trinkbar, aber dennoch nicht gänzlich frei von PFC, betonen Fellmoser und Westermann.

Stichworte

Trinkwasserversorgung in Weisenbach: Die Gemeinde nutzt derzeit vier Quellen (Riedmiß, Hohmiß I und Hohmiß II sowie Wetzsteinbrunnen). Zentraler Speicher ist der Hochbehälter Gerstenland, von dort aus gibt es eine Hauptversorgungsleitung zum Netz der einzelnen Teilversorgungsgebiete (rechts der Murg, links der Murg und Ortsteil Au). Zum Ausgleich der wegen der Höhenunterschiede differierenden Drücke sind Druckminderventile im Leitungsnetz eingebaut. Es besteht kein Fremdwasserbezug. (BT)

Quellschüttung: Die Ergiebigkeit einer Quelle wird Quellschüttung genannt. Sie ist die Abflussmenge des Quellwassers pro Zeiteinheit (meist angegeben in L/s). Die Quellschüttung ist abhängig von der Fläche des Quelleinzugsgebiets, von unterirdischen Speichereigenschaften und von der Größe der Grundwasserneubildung. (Quelle: www.wasser-wissen.de)

PFC ist die Abkürzung für per- und polyfluorierte Chemikalien. Diese Stoffgruppe umfasst mehr als 3.000 verschiedene Stoffe. Die bekanntesten Vertreter sind die Perfluoroktansulfonsäure (PFOS) und die Perfluoroktansäure (PFOA). PFC kommen nicht natürlich vor. Sie werden seit den 1960er-Jahren wegen ihrer wasser-, schmutz- und fettabweisenden Eigenschaften in vielen Produkten verwendet, beispielsweise in Outdoor- und Arbeitskleidung, in Imprägniermitteln, für Pappbecher und Pizzakartons oder bei der Herstellung von Teflon.

In Tierversuchen erwiesen sich PFOS und PFOA laut Umweltbundesamt nach kurzzeitiger Belastung über die Nahrung, die Luft und die Haut als mäßig toxisch. In Langzeitstudien mit Ratten und Mäusen förderten beide Chemikalien jedoch die Entstehung von Leberkrebs und anderen Tumoren. Des Weiteren besteht der Verdacht, dass einige PFC die Fruchtbarkeit von Frauen und die männliche Spermienreife negativ beeinflussen können.

Im Rahmen einer Studie mit 69.000 Probanden aus der Nähe einer Produktionsanlage für Fluorchemikalien in West Virginia (USA) wurde laut Bundesumweltamt ein Zusammenhang zwischen erhöhter PFOA-Exposition und verschiedenen Krankheiten nachgewiesen: hohe Cholesterinwerte, chronisch-entzündliche Darmerkrankungen, Schilddrüsenerkrankungen, Hoden- und Nierenkrebs, Schwangerschaftsvergiftung und erhöhter Blutdruck während der Schwangerschaft.


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.