Tina Hassel im Interview

Berlin (mw) – Gespräche mit Politgrößen und konsequentes Nachhaken unter freiem Himmel – das bietet die ARD- Reihe „Sommerinterview“ auch in Coronazeiten – wenn auch ohne Handschlag.

Leiterin des ARD-Hauptstadtstudios: Tina Hassel. Foto: ARD-Hauptstadtstudio/Thomas Kierok

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Leiterin des ARD-Hauptstadtstudios: Tina Hassel. Foto: ARD-Hauptstadtstudio/Thomas Kierok

Auch dieses Jahr wollen die Leiterin des ARD-Hauptstadtstudios, Tina Hassel, und ihr Kollege Oliver Köhr im Wechsel den Vorsitzenden der im Bundestag vertretenen Parteien auf den Zahn fühlen. Die Reihe „Sommerinterview“ startet am 5. Juli, 18.05 Uhr, im Ersten, wenn Tina Hassel mit CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer spricht. Weitere Interviewgäste sind in den darauffolgenden Wochen Christian Lindner (FDP), Jörg Meuthen (AfD), Saskia Esken (SPD), Robert Habeck von den Grünen und andere Spitzenpolitiker. Martin Weber hat sich mit der Moderatorin über die Stimmung im politischen Berlin und das Markenzeichen der Gesprächsreihe unterhalten.

Interview

BT: Frau Hassel, wie wirkt sich die Corona-Krise auf die Sommerinterviews aus?
Tina Hassel: Die ARD-Sommerinterviews werden in einer völlig anderen Atmosphäre ablaufen als sonst. Das fängt schon damit an, dass ich meine Gäste nicht mit Handschlag begrüßen kann, aber wir finden schon eine höfliche Form der Begrüßung. Natürlich achten wir auch auf den gebotenen Abstand, aber da die Interviews im Freien auf der Terrasse des Marie-Elisabeth-Lüders-Hauses stattfinden, ist die Ansteckungsgefahr sowieso geringer. Außerdem sind unsere Gäste angehalten, sich selbst zu schminken, wobei ihnen unsere Maskenbildnerinnen selbstverständlich mit Rat und, wenn’s gar nicht anders geht, auch mit einer helfenden Hand zur Seite stehen.

BT: Schminken Sie sich seit Beginn der Krise auch selber, wenn Sie vor die Kamera treten?
Hassel: Ja, im Großen und Ganzen mache ich das selbst. Die Kolleginnen aus der Maske machen dann den letzten Schliff – aber im Schnellwaschgang, wenn Sie so wollen (lacht).

BT: Die Corona-Krise spielt aber sicherlich auch inhaltlich eine Rolle bei den Gesprächen mit den Parteivorsitzenden, oder?
Hassel: Ja, eine große Rolle. Nachdem wir die erste Etappe der Krise gemeistert haben, befinden wir uns jetzt in so einer Art Übergangsphase. Und dass die Gesellschaft noch immer im Ausnahmezustand ist, wird natürlich ein Thema sein. Aber wir wollen auch nach vorne blicken und unsere Gäste fragen, ob es schon Lehren gibt, die man ziehen kann. Wir wollen uns auch überlegen, wo man Deutschland neu und anders denken kann, denn zum Status Quo vor der Krise will ja eigentlich niemand zurück. Wichtig ist mir dabei vor allem die Frage, wie Politiker mit einer Situation umgehen, für die es kein Drehbuch gibt – so wird zum Beispiel mit ungeheuerlichen Zahlen jongliert, was die Konjunkturpakete betrifft.

BT: Geht’s auch noch um andere Themen?
Hassel: Klar, wir stehen vor einem Superwahljahr. 2021 gibt es sechs Landtagswahlen und die Bundestagswahl – und das in diesem politisch-demokratischen Ausnahmezustand.

BT: Ist das Thema Bundestagswahl nicht ein bisschen verfrüht? Es stehen ja zum Beispiel bei Union und SPD noch gar keine Kanzlerkandidaten fest.
Hassel: Aber genau das ist ein spannender Punkt, über den man in den ARD-Sommerinterviews reden kann. Die Parteien sortieren sich ja mit Blick auf die Bundestagswahl neu, da ist gerade eine Menge Bewegung drin.

BT: Wie erleben Sie die politische Stimmung in Berlin?
Hassel: Zu Beginn der Corona-Krise gab es einen demokratischen Schulterschluss, da ging es im politischen Berlin allen darum, die Herausforderungen zu bewältigen und Parteiinteressen hintanzustellen. Beim Lockdown sind die Meinungen dann aber wieder auseinandergedriftet, nicht nur zwischen Bund und Ländern. Es gibt ja auch in der Bevölkerung viele Stimmen, die sagen, dass die Maßnahmen übertrieben wurden. Man erkennt jetzt wieder die Unterschiede, auch zwischen Regierung und
Opposition, und das finde ich gut. Es wird kontroverser und auch härter diskutiert, doch das bewegt sich in einem demokratisch-zivilen Rahmen. Ich denke, unser Land gibt in der Coronakrise eine gute Figur ab, im Ausland wird das ja auch überwiegend so gesehen.

BT: Sie sind als Leiterin des ARD-Hauptstadtstudios immer auf Ballhöhe der aktuellen politischen Diskussion. Müssen Sie sich denn auf die Sommerinterviews überhaupt noch vorbereiten?
Hassel: Ich bereite mich immer sehr gründlich vor und lese sehr viel, das gehört einfach zu meiner Persönlichkeit. Dabei spielt die normale politische Wochenkarte aber eine eher untergeordnete Rolle. Ich frage mich lieber, was unser Publikum interessieren könnte, welche Fragen die Menschen den Politikern stellen würden. Das sind manchmal Aspekte, die in Interviews von Journalisten gar nicht so häufig zur Sprache kommen.

BT: Und wenn die Politiker Sie trotzdem mit den üblichen Sprechblasen abspeisen wollen?
Hassel: Dann hilft nur konsequentes Nachhaken.

BT: Wann merken Sie denn, ob ein Interview gut oder schlecht läuft?
Hassel: Ziemlich schnell. Sie merken sofort, ob ein Gesprächspartner sich wohlfühlt und ob er bereit ist, Antworten zu geben, wirklich was zu sagen. Ich fungiere bei den Sommerinterviews auch als Gastgeberin: Es kommt immer darauf an, dass der Gast reinkommt, sich hinsetzt und Lust hat zu reden. Das ist auch eine Frage der Betriebstemperatur.

BT: Teilen Sie sich die Politiker nach Sympathie auf?
Hassel: Nein, bei der Aufteilung spielen Sympathien keine Rolle. Es geht mehr darum, dass die Sommerinterviews mit unseren anderen Terminen korrespondieren. Und dann will jeder von uns im Sommer ja auch mal Urlaub machen. Also das Argument, auf den oder die habe ich keine Lust, zählt nicht (lacht).

BT: Die roten Sessel sind Markenzeichen der Reihe.
Hassel: Unbedingt, ich würde sogar sagen: Die roten Sessel sind Kult.

Ihr Autor

Martin Weber

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Erstellt:
5. Juli 2020, 16:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 39sec

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