Britischer Minister voll des Lobes für Baden-Württemberg

London (BT) – Baden-Württemberg hat ein neues Vertretungsbüro in London eröffnet. Aufgaben gibt es genug, denn durch den Brexit ist vieles schwieriger geworden.

Winfried Kretschmann (rechts), Greg Hands, der britische Minister für Wirtschaft und Energie, und Nicola Pinder, Vertreterin von Baden-Württemberg in Großbritannien, bei der Eröffnung der neuen baden-württembergischen Vertretung in London. Foto: Susannah Ireland/dpa

© dpa

Winfried Kretschmann (rechts), Greg Hands, der britische Minister für Wirtschaft und Energie, und Nicola Pinder, Vertreterin von Baden-Württemberg in Großbritannien, bei der Eröffnung der neuen baden-württembergischen Vertretung in London. Foto: Susannah Ireland/dpa

Greg Hands kennt Baden-Württemberg – zumindest ein bisschen. Bei einem Aufenthalt in Frankreich als Student habe er Kehl und Offenburg besucht. 2008 nahm er als damalige Nachwuchshoffnung der britischen Konservativen am CDU-Bundesparteitag in Stuttgart teil, bei dem Bundeskanzlerin Angela Merkel „die schwäbische Hausfrau“ als Vorbild für staatliche Finanzpolitik lobte, wie Hands launig weiter berichtet.

Dass der Torypolitiker, inzwischen britischer Handelsminister und Unterhausabgeordneter, an der festlichen Eröffnung des neuen Büros des Landes am Montagabend in London teilnimmt, sieht man in den Reihen der Delegation aus Baden-Württemberg in diesen Nach-Brexit-Zeiten als Zeichen der Wertschätzung. Hands hatte 2016 für den Verbleib Großbritanniens in der EU gestimmt. Er gilt als der Minister in der Regierung von Boris Johnson, der die Fäden zur EU nicht abreißen lassen will. Bei den rund 200 froh gestimmten Gästen des Abends aus Deutschland und Großbritannien im mit „The Länd“-Marketingsprüchen reichlich versehenen Saal des Eventcenters Kings Place ist der Auftritt Gesprächsthema.

Wegen dem Brexit muss vieles neu geordnet werden

Als „Dear Greg“ wird er von Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) begrüßt. Jener resümiert zunächst seine Eindrücke der dreitägigen Großbritannienreise an der Spitze einer 40-köpfigen Delegation aus Regierung, Landtag, Wissenschaft und Wirtschaft, und lobt: „Großbritannien gehört zu unseren wichtigsten Handels- und Forschungspartnern. Wir wollen nicht, dass der Brexit daran etwas ändert.“ Und der Handelsminister sei ein „großer Förderer unserer Zusammenarbeit“. Denn mit dem Brexit müsse vieles, wenn nicht alles, neu geordnet werden.

Das Büro, geleitet von der bisher in Diensten des Londoner Standortmarketings stehenden Britin Nicola Pinder, soll für Wirtschaft und Wissenschaft „Ansprechpartner und Anker sein“, macht Kretschmann klar. Minister Hands will, zumindest an diesem Abend, nicht mehr auf den Brexit zurückschauen, sondern nur noch auf den Vertrag zwischen der EU und seinem Land. „Seit zehn Monaten haben wir den Vertrag, der uns erlaubt, in die Zukunft zu schauen“ sagt er in seiner Rede. Großbritannien und Baden-Württemberg seien bekannt für „Innovation und technologische Kapazität“. Er sehe auch große Chancen für „unsere Wissenschaft, zu kooperieren“, als Beispiel auf deutscher Seite nennt er die Krebsforschung in Heidelberg.

Ein Sorgenkind ist der Studentenaustausch

Doch genau hier stecken die vom Brexit ausgelösten Probleme. Wie verschiedene Gesprächspartner gegenüber dem Ministerpräsidenten und den Delegationsteilnehmern auf der dreitägigen Reise durch Schottland und England betonten, ist der Studentenaustausch seit dem Ende des EU-Austauschprogramms Erasmus massiv erschwert, Praktika in Großbritannien sind nicht mehr ohne aufwendige Arbeitsvisa möglich.

Investoren klagen ebenfalls: Unternehmer und Wirtschaftsverbände berichten zudem von hohen Hürden bei der Einreise, wenn etwa der temporäre oder kurzfristige Einsatz von Fachkräften bei in Großbritannien aktiven Firmen aus dem Land notwendig ist. Und der Verstoß gegen komplexe Vorschriften könne schnell damit enden, dass der Betroffene in Abschiebehaft genommen wird. Hier gibt es bereits Vorfälle, heißt es aus den Reihen der deutschen Botschaft. Studenten aus Deutschland schildern drastisch gestiegene Studiengebühren. Viele renommierte britische Hochschulen setzen eher auf die Kinder der zahlungskräftigen chinesischen Oberschicht. Die starke Ausrichtung Großbritanniens auf asiatische Wirtschaftsräume bekam der Ministerpräsident bei einem Besuch einer Forschungseinrichtung in der Universitätsstadt Oxford vor Augen geführt, die nahezu ausschließlich mit Asien kooperiert.

Allerdings schläft die Konkurrenz im Wettrennen um den trotz aller Brexit-Problematik als attraktiv eingeschätzten britischen Markt nicht. Nordrhein-Westfalen ist seit 2018 mit einem Büro der landeseigenen Wirtschaftsförderungsgesellschaft in London vertreten. Bayern hat schon seit Längerem Pläne für ein eigenes Büro angekündigt, nun soll es im Februar losgehen, in einer eigenen Immobilie. Das zunächst für ein Jahr vereinbarte Konzept Baden-Württembergs, für das die Baden Württemberg International die europaweite Ausschreibung gewann, setzt weitgehend auf die Personalia Nicola Pinder, Räumlichkeiten werden nach Bedarf in einem Open Space angemietet.

In eigener Sache

Das Badische Tagblatt und die Badischen Neuesten Nachrichten bündeln ihre journalistischen Kräfte und erweitern damit das umfangreiche Leseangebot in Mittelbaden. Noch arbeiten die beiden Redaktionen getrennt, tauschen jedoch schon gegenseitig Inhalte aus. Davon sollen vor allem die Leser profitieren – durch mehr Hintergründe, Reportagen und mehr Service. Deshalb werden auf badisches-tagblatt.de auch Artikel von BNN-Redaktionsmitgliedern veröffentlicht.

Ihr Autor

unserem Mitarbeiter Theo Westermann

Zum Artikel

Erstellt:
10. November 2021, 08:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 06sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.