Brügge ist der reinste Diamant

Antwerpen/Brüggge (ham) – Beim Städtetrip durch Belgien drohen nicht nur gefährliche Waffelgeschäfte. „Shock-o-latier“ Dominique Persoone hat sich außerdem eine Praline mit Trump-Profil ausgedacht.

Der Rozenhoedkaai ist das beliebteste Brügger Fotomotiv. Gegenüber beginnen viele Boote ihre Touren durch die Kanäle. Fotos: Hartmut Metz

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Der Rozenhoedkaai ist das beliebteste Brügger Fotomotiv. Gegenüber beginnen viele Boote ihre Touren durch die Kanäle. Fotos: Hartmut Metz

So gefährlich wie die Twitter-Tiraden von Donald Trump sind die Produkte von Dominique Persoone nicht ganz. Der belgische „Shock-o-latier“, wie sich der 51-Jährige selbst nennt, war aber dennoch geschockt, als der US-Präsident seinen Landsleuten empfahl, sich doch Desinfektionsmittel gegen Corona zu spritzen. Weil sich Persoone mit Verrücktheiten auskennt, zögerte der berühmte Chocolatier, der es als einer der wenigen seiner Zunft in den „Guide Michelin“ schaffte, nur Sekunden.

Einst hatte sich der Brügger schon für eine Geburtstagsparty von Ron Wood und Charlie Watts den „Chocolate Shooter“ einfallen lassen auf Bitten der Ehefrauen der beiden „Rolling Stones“. So konnten sich die Musiker Schokoladenpulver in die Nasenlöcher schießen ...

Süchtig wie Kokain macht allerdings auch die Kreation, zu der Trump den 51-Jährigen animierte. „Als ich in den Fernsehnachrichten hörte, dass er den Menschen tatsächlich empfiehlt, sich gegen das Coronavirus Desinfektionsmittel spritzen zu lassen, habe ich gleich gedacht, das ist ja verrückt, da musst du was machen.“ Kopfschüttelnd schritt Persoone in seine Küche in Brügge und experimentierte so lange mit seinem nachhaltig angebauten Kakao aus Mexiko, bis die Praline mit dem wohlklingenden Namen „Javel“ schmeckte. Wobei der Chocolatier kein „Eau de Javel“ verwendete, das im französischen Sprachraum ein beliebtes Putzmittel mit viel Chlor ist. Stattdessen besteht die Praline aus etwas gesünderen Ingredienzien wie Sanddorn, Ringelblume und Honig.

Kalorienbomben gefüllt mit Obst, Eis und/oder Schokolade

Obendrauf kam – wie schon bei seiner Kreation „Miss Piggy“ ein Schweinchen-Konterfei – ein Trump-Profil aus Kakaobutter. Stilecht stülpte sich der kahle 51-Jährige noch eine gelbe Perücke im Trump-Look über, beschmierte sich für den passenden Teint mit orangefarbener Schminke und verkündete in großspurigen Worten bei der Präsentation seines jüngsten Werks vor dem US-Banner, dass „Javel“ das Leben wohl länger versüße als die Empfehlung aus dem Weißen Haus.

Gefahren bergen seine Pralinen jedoch auch! Dafür muss man nicht das 20 Kilogramm schwere Schokoladenkleid vertilgen, das Persoone einst für eine Miss Belgien entworfen hatte. Täglich 100 Gramm der süßen Köstlichkeiten aus seinen Läden „The Chocolate Line“ in Antwerpen und Brügge genügen ebenso, um abhängig zu werden. Auf die Hüften schlagen ebenso die gefährlichen „Waffelgeschäfte“, die an jeder Ecke in Belgien drohen. Egal, ob Brüsseler oder Lütticher Waffeln (Gaufre de Liège): Gefüllt mit Obst, Eis und/oder Schokolade kann man den Kalorienbomben unmöglich widerstehen. Wer zudem noch etwas für seinen Bauch tun will, greift zu einem der mehr als 500 Biere, die die Kneipen rund um den „Grote Markt“ am Antwerpener Rathaus oder um die mehr als tausend Jahre alte Liebfrauenkathedrale offerieren. Nach der langen Corona-Schließung greifen zumindest die Einheimischen wieder beherzt zum Glas.

Purer Luxus: Peter Paul Rubens gestaltete den Renaissance-Prachtbau selbst und residierte 32 Jahre darin.

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Purer Luxus: Peter Paul Rubens gestaltete den Renaissance-Prachtbau selbst und residierte 32 Jahre darin.

Die wenigen Touristen in der malerischen Altstadt verlieren sich selbst im nahen Rubenshaus, in dem der Maler 32 Jahre lang residierte. Neben seinen Werken und jenen von Zeitgenossen können Besucher derzeit ohne Drängeln den Prachtbau im italienischen Renaissance-Stil bewundern. Rubens legte nach zahlreichen Reisen auf den Stiefel selbst Hand an, um dem heutigen Museum auch einen herrlichen Garten zum Flanieren zu schenken.

Das Rubenshaus verzückt Antwerpen-Besucher bis heute.

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Das Rubenshaus verzückt Antwerpen-Besucher bis heute.

Das äußerlich etwas an die „Elbphilharmonie“ in Hamburg erinnernde Museum aan de Stroom (MAS) fasziniert die Damenwelt trotz der 500.000 Ausstellungsstücke und des Panoramablicks auf dem Dach sicher weniger als der weitere Glanzpunkt der alten Handelsstadt Antwerpen: Das Diamanten-Viertel garantiert funkelnde Frauenaugen. Deutlich teurer als der Besuch der vier Diamantbörsen (weltweit gibt es sonst nur 25 weitere!) und des Museums „Diva – Antwerp Home of Diamonds“ kommt ein Schaufensterbummel unweit des Hauptbahnhofs. Dem von 700 Kameras überwachten Viertel entrinnen Männer auf Freiers Füßen derzeit immerhin zum halben Preis – wegen der Corona-Krise gewähren die Juweliere kräftige Nachlässe.

Das Atomium kann zwar derzeit nicht über die Treppen erkundet werden, die neun Kugeln haben aber 62 Jahre nach ihrer Fertigstellung nichts von ihrer Faszination eingebüßt.

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Das Atomium kann zwar derzeit nicht über die Treppen erkundet werden, die neun Kugeln haben aber 62 Jahre nach ihrer Fertigstellung nichts von ihrer Faszination eingebüßt.

Wer nun glaubt, mit Antwerpen und dem beeindruckenden Atomium sowie der kleinen Manneken-Pis-Statue in Brüssel die bezauberndsten Seiten Belgiens alle entdeckt zu haben, der irrt – und war noch nicht in Brügge. Der lupenreinste Diamant unter Belgiens Städten lässt selbst verwöhnte Weltenbummler-Augen an jeder Ecke glitzern, wenn wieder ein malerisches Gässchen oder Brückchen zwischen den mittelalterlichen Häusern hervorblitzt. Die Bootstour durch die insgesamt 16 Kilometer langen Kanäle des Unesco-Weltkulturerbes raubt einem bereits beim Start vom Rozenhoedkaai vollends den Atem. Was sind dagegen ein paar Klunker?

Steckbrief

Corona: Belgien hat pro eine Million Einwohner etwas mehr als doppelt so viele Corona-Fälle wie Deutschland zu verzeichnen. Dennoch fielen dort im Juni die Maßnahmen gegen Corona bereits weniger streng als hierzulande aus. Bei Einkäufen in Läden muss zum Beispiel in Belgien keine Maske getragen werden – lediglich die Verkäufer oder die Kellner tragen eine.

Museen/Sehenswürdigkeiten: In Museen und Sehenswürdigkeiten erhalten zwar auch nur wenige Menschen gleichzeitig Einlass. Aber wegen der geringeren Besucherzahlen bekommt man problemlos Eintrittskarten. Diese müssen jedoch meist vorher online bestellt und bezahlt werden. Wenn jedoch Kapazitäten frei sind, verkaufen die Museen auch vor Ort noch Tickets. Beim Atomium in Brüssel wird vor dem Zugang die Körpertemperatur an der Stirn automatisch gemessen. Wer Fieber hat, erhält keinen Zutritt.

Parkgebühren: In Belgien fallen oft sehr hohe Parkgebühren mit bis zu 20 Euro pro Tag an. In Brügge sind am Straßenrand maximal vier Stunden erlaubt und diese kosten wegen des steigenden Stundenpreises insgesamt 14 Euro. Selbst Hotels können in den beengten Städten oft keine Parkplätze anbieten. Mit speziellen Parkkarten können die Kosten halbiert werden.

Unterkunft: Zu Corona-Zeiten sind die Unterkünfte relativ leer und werben mit Rabatten um Gäste.


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