Brutale Kinderspiele auf dem Schulhof

Offenburg/Baden-Baden (nad) – Ein makaberer Trend beunruhigt Lehrer und Eltern: Junge Schüler spielen Gewaltszenen der Serie „Squid Game“ nach. Das Polizeipräsidium Offenburg warnt per Elternbrief.

Wer ein Spiel verliert, wird erschossen: Die Szenen der südkoreanischen Serie „Squid Game“ können Kinder und Jugendliche psychisch belasten. Foto: dpa/Netflix | Noh Juhan

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Wer ein Spiel verliert, wird erschossen: Die Szenen der südkoreanischen Serie „Squid Game“ können Kinder und Jugendliche psychisch belasten. Foto: dpa/Netflix | Noh Juhan

Erschossen beim beliebten Kinderspiel „Ochs am Berg“. Wer sich nach dem Runterzählen noch bewegt – und sei es nur das kleinste Zucken – muss sterben. Diese brutale und blutige Version des eigentlich harmlosen Spiels wird in den vergangenen Wochen vermehrt von besorgten Lehrern auf Schulhöfen beobachtet.

Denn viele Kinder, darunter auch junge Grundschüler, spielen „Squid Game“ nach, eine südkoreanische Serie des Streaming-Anbieters Netflix. Zwar wird auf dem Schulhof niemand tatsächlich erschossen, die Kinder ahmen Szenen der Serie lediglich nach. Doch das alleine ist schon Grund genug zur Besorgnis. Denn: „Squid Game“ wird ab einem Alter von 16 Jahren empfohlen. Die jüngeren Kinder sollten eigentlich keinen Zugang dazu haben, denn die darin gezeigten Gewaltszenen sind für sie verstörend, belasten ihre Emotionen und Psyche. Solche Bilder können nachweislich eine gesunde Entwicklung blockieren und zu psychischen Erkrankungen führen, warnen Experten.

In der bisher erfolgreichsten Netflix-Produktion wird die Geschichte von knapp 500 Menschen erzählt, die alle hoch verschuldet sind. In vermeintlichen Kinderspielen treten die Teilnehmer gegeneinander an, um ein millionenschweres Preisgeld zu gewinnen und sich so von den Schulden befreien zu können. Doch wer ein Spiel verliert und es nicht schafft, in die nächste Runde zu kommen, wird getötet. So auch bei „Mugunghwa kkochi pieotseumnida“, dem koreanischen Pendant zu „Ochs am Berg“, „Rotes Licht, grünes Licht“ oder auch als „Donner, Wetter, Blitz“ bekannt. Von 456 Teilnehmern werden 255 erschossen. Das Leben scheint in den insgesamt sieben Spielen nichts wert zu sein. Eine gefährliche Inspiration für Kinder und Jugendliche.

Elternbrief der Kriminalprävention

Das Polizeipräsidium Offenburg reagiert jetzt auf den makaberen Trend auf Schulhöfen: Die Präventionsstelle verschickte kürzlich über die Schulämter einen Elternbrief zu „Squid Game“. Darin wird erklärt, wie beunruhigend die nachgespielten Szenen sind, und darum gebeten, die Altersfreigabe von 16 Jahren zu beachten und Gespräche mit den Kindern zu führen. Vorwiegend Grundschulen hätten sich in den vergangenen Wochen gemeldet, um ihre Bedenken zu teilen, sagt Sonja Hoffmann von der Kriminalprävention im BT-Gespräch. Zwar seien bisher noch keine strafrechtlichen Zwischenfälle bekannt, dennoch seien präventive Maßnahmen zum jetzigen Zeitpunkt sinnvoll. Die „Medienthematik“ hat laut Hoffmann während der Pandemie stark zugenommen. Der richtige Umgang damit und „die Schlüsse, die man daraus zieht“, seien für Kinder und Jugendliche enorm wichtig. „Es ist schon präsent“, bezieht sich Hoffmann auf „Squid Game“. Einige Schulen und auch Eltern hätten bereits auf den Brief reagiert und sich bedankt, dass die Problematik rund um die Serie vom Polizeipräsidium erkannt und thematisiert werde.

„Es kocht gerade überall“, bestätigt Alexander Fischer, Leiter des Medienzentrums Mittelbaden, den gefährlichen Hype um die Netflix-Serie. Der Realschullehrer ist selbst Vater von Grundschulkindern und legt entsprechend großen Wert darauf, „Squid Game“ von pädagogischer Seite zu beleuchten. Fischer erklärt, dass sich Kinder und Jugendliche nicht unbedingt die ganze Serie auf Netflix anschauen. Vielmehr seien kurze Sequenzen daraus, die beispielsweise in den sozialen Medien wie Tiktok verschickt werden, „der häufigere Weg“, um die gewalttätigen Inhalte zu sehen. „Wie gehe ich damit als Vater, Mutter, Lehrer oder Lehrerin um?“, diese Frage stellen sich laut Fischer momentan viele Erwachsene.

Deshalb bietet das Landesmedienzentrum Baden-Württemberg jetzt eine digitale Veranstaltungsreihe zu „Squid Game“ an: In den jeweils einstündigen Online-Workshops werden die Gewaltdarstellungen sowie Medienbildung im schulischen Bereich diskutiert. Das Angebot richtet sich an Pädagogen und Eltern, die Tipps von Experten erhalten.


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