Brutaler Einsatz auch in den eigenen vier Wänden

Baden-Baden (mi) – Football ist der Lieblingssport der Amerikaner mit hohen Umsätzen. Nicht wenige Profis kämpfen nicht nur auf dem Feld mit harten Bandagen, sondern auch in den eigenen vier Wänden.

Quinton Dunbar, auf dem Foto noch im Trikot der Washington Redskins, musste im Mai ins Gefängnis. Foto: Patrick Semansky/dpa

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Quinton Dunbar, auf dem Foto noch im Trikot der Washington Redskins, musste im Mai ins Gefängnis. Foto: Patrick Semansky/dpa

An ihrem Lieblingssport können sich die Amerikaner sattsehen. Die NFL als Profiliga Nummer eins nimmt trotz Bedenken wegen der Corona-Pandemie und dem Rassismus-Skandal heute den Spielbetrieb auf. Action, Spannung, Leidenschaft, Kalkül, Opferbereitschaft, Siegeswille, Kampfgeist, Brutalität: Football spiegelt den Lebensalltag der US-Gesellschaft ziemlich perfekt wider. Letzterer Aspekt des harten Spiels mit dem ovalen Ei ist mittlerweile zu einem überbordenden Problem geworden, zumal es sich vom Feld weg geradewegs in die Haushalte der Stars verlagert hat.
Unter anderem standen ehemalige Spieler der beiden amtierenden Super-Bowl-Finalisten in den Schlagzeilen. Reuben Foster hätte im US-Sportereignis des Jahres im Kader der San Francisco 49ers eine wichtige Rolle eingenommen. Der Linebacker war indes ein Jahr zuvor entlassen worden, nachdem er bereits zweimal wegen häuslicher Gewalt verhaftet worden war. 2017 war er zudem gegen einen Krankenhausangestellten gewaltig geworden, kurz darauf folgte ein Dopingtest sowie Anschuldigungen wegen unerlaubten Waffen- und Cannabisbesitzes.

Nach der dritten Verhaftung innerhalb von elf Monaten zogen die 49ers die Reißleine und gaben Foster die Papiere. Gerade mal zwei Tage später wurde er von den Washington Redskins verpflichtet. Auch dort wurde der 26-Jährige, genannt „freakish freshman“ (verrückter Neuling), nicht glücklich. Gleich im ersten Teamtraining zog er sich vor einem Jahr einen Kreuzbandriss zu.

Champion Kansas City Chiefs auch betroffen

Auch Super-Bowl-Champion Kansas City Chiefs war vor dem umjubelten Triumph im Februar peinlich berührt worden, als ein Video von 2018 auftauchte, das Kareem Hunt als Schläger outete. Die entrüstete Öffentlichkeit konnte mittels einer Überwachungskamera begutachten, wie der Runningback eine 19-jährige Frau in einem Hotel in Cleveland misshandelt und tritt. Die NFL suspendierte ihn, ein halbes Jahr später schlug er einem Mann ins Gesicht. Ende November 2018 gaben die Chiefs dem Rookie des Jahres 2017 den Laufpass.

Auch er brauchte nicht lange, um anderswo unterzukommen. Seit Februar 2019 ist Hunt bei den Cleveland Browns unter Vertrag, doch die Probleme blieben. Im Januar war er wegen Marihuana-Besitzes auffällig. „Ich sollte im verdammten Super Bowl stehen. Es tut meiner Seele weh. Ich habe in letzter Zeit viel durchgemacht. Ich bin einfach nur der schlimmste Mensch der Welt“, charakterisierte er sich selbst. Die Seele blutet, das Konto nicht. Für einen Einjahres-Vertrag streicht Hunt 3,2 Millionen Dollar ein. Aberwitzig: In seiner früheren Highschool-Zeit belegte er das Hauptfach Strafrecht.

Einem Gewalt-Video auf dem Index ähnelte der schaurige Vorfall von 2014, als Ray Rice, damaliger Profi der Baltimore Ravens, seine damalige Verlobte Janay Palmer in einem Aufzug bewusstlos schlug und danach über den Boden schleifte. Fast schon pervers: Janay Palmer ehelichte Rice nur einige Monate nach dem Exzess. Die NFL reagierte zunächst nicht. Erst als der öffentliche Druck riesengroß wurde, war die Profikarriere beendet. Ray Rice versuchte vergeblich, einen neuen Arbeitgeber zu finden.

Der mächtige NFL-Boss Roger Goodell engagierte im Zuge des Skandals den früheren FBI-Direktor Robert Mueller, der zuletzt als Sonderermittler gegen US-Präsident Donald Trump in der Russland-Affäre weltweit bekannt wurde. Mueller gebot den NFL-Gewaltexzessen abseits des Rasens Einhalt, indem er die sogenannte Player Conduct Policy, also den Verhaltenskodex der Liga, um die Domestic Violence Policy erweiterte. Bei häuslicher Gewalt werden seitdem Profis für ein Erstvergehen sechs Spiele ohne Gehalt gesperrt, bei einem Zweitvergehen folgt eine Sperre auf unbestimmte Zeit, deren Aufhebung frühestens nach einem Jahr beantragt werden kann. Seit Inkrafttreten dieser verschärften Verordnung sind mehr als zwei Dutzend Spieler sanktioniert worden, unter anderem Topstars wie der 38-jährige Quarterback-Star Ben Roethlisberger, der mit den Pittsburgh Steelers zwei Super Bowls gewann.

Washington nicht mehr die Redskins

Das Problem ist freilich Generationen-übergreifend. Gerade erst im August entließ Washington, das den Beinamen Redskins im Zuge der Rassismus-Debatte ablegte, den 23-jährigen Runningback Derrius Guice, der verhaftet worden war, weil der seine Lebensgefährtin gewürgt und mehrfach tätlich angegriffen hatte. Beim NFL-Draft 2017 waren nicht weniger als sechs Talente schon wegen sexueller Gewalt beschuldigt worden. Im beliebten College Football sollen die Zahlen noch erschreckender sein, allein 2017 wurden 230 Fälle gemeldet.

Es müssen im Übrigen nicht immer die Fäuste sprechen, um der beliebtesten US-Sportart mit einem Jahresumsatz von rund 16 Milliarden Dollar ein Negativimage zu verschaffen. Quinton Dunbar (Seattle Seehawks) und DeAndre Baker (New York Giants) mussten Mitte Mai zwischenzeitlich ins Gefängnis, nachdem sie bei einer Party in Florida in Folge eines Streits andere Gäste um Bargeld in Höhe von mehreren Tausend Dollar und wertvolle Uhren beraubt haben sollen.

Baker soll eine Waffe gezogen haben. Die beiden Millionäre lösten das Problem mit Kautionen in Höhe von 100000 und 200000 Dollar. Doch Anfang August wurde Baker formell in vier Fällen angeklagt, während Dunbar aus Mangel an Beweisen ohne Anklage davonkam.

Experten und Wissenschaftler befassen sich schon länger mit den Ursachen der auffällig hohen Gewalttaten. Die aggressive Natur des Spiels ist der naheliegendste Grund dafür. Wer nicht bereit ist, hart zu tackeln, sich kopfüber ins Getümmel zu schmeißen, den Gegner mit allem, was der Körper hergibt, zu bekämpfen, wird nie in der NFL landen. Die Macho-Kultur, das mitunter sexistische Geprotze in der Kabine, das aggressive Umfeld von Trainern und Funktionären, die Siege einfordern, sowie die devote Entourage in Gestalt von Eltern, Freunden, Bekannten befeuern die egomanische Einstellung vieler Profis, quasi über dem Gesetz zu stehen, sich Fehlverhalten auch im Privatleben leisten zu können. Notfalls löst das üppige Privatkonto alle Probleme.

Auf Seiten der – weiblichen – Opfer spielt oftmals die pure Angst eine Rolle, nicht an die Öffentlichkeit zu gehen und keine Anzeige zu erstatten. Ihre Partner werden von den Fans bewundert, die Liga und Polizei drückt bei Sporthelden eher ein Auge zu, nicht zuletzt sind die Frauen häufig finanziell abhängig von ihren behelmten Millionären. Wer will schon sozial absteigen?

Auch Nicole Brown Simpson hatte im spektakulärsten US-Football-Gerichtsprozess aller Zeiten einiges in ihrer Ehe durchgemacht, ehe sie am 12. Juni 1994 in ihrem Haus in Los Angeles erschossen wurde. Ihr berühmter Ex-Mann O.J. Simpson wurde des Mordes an ihr und ihrem damaligen Bekannten Ron Goldman angeklagt. Der öffentliche Prozess erreichte TV-Rekordquoten. Als O.J. Simpson letztlich freigesprochen wurde, war ein tiefer Seufzer seine erste Reaktion.

Die 33,5 Millionen Dollar Schadenersatz an die Familien der Verstorbenen konnte er verschmerzen. Er wusste nur zu genau: Wäre er nicht ein früherer Football-Star, sondern US-Durchschnittsbürger gewesen, hätte ihm die Todesstrafe gedroht.


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