Buchtipps der BT-Redaktionen

Baden-Baden (BT) – Anlässlich des „Welttags des Buches“ 2021 stellen die Volontäre sowie Redakteure des BT ihre liebsten Schmöker vor.

Immer mehr Leserinnen und Leser leihen Bücher digital aus. Symbolfoto: Florian Schuh

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Immer mehr Leserinnen und Leser leihen Bücher digital aus. Symbolfoto: Florian Schuh

Der „Welttag des Buches“ wird am Freitag, 23. April, zum 26. Mal begangen: Vor 26 Jahren hat ihn die Unesco per Erklärung ausgerufen. Längst ist er zu einem internationalen Ereignis geworden und steht für das Lesen, für Bücher und für die Rechte der Autoren. Bereits zum zweiten Mal findet der Tag unter Pandemie-Bedingungen statt. Veranstaltungen und Aktionen wurden deshalb auf verschoben oder finden online statt. Das Badische Tagblatt würdigt den „Welttag des Buches“ in seiner Freitags-Ausgabe (Print und E-Paper) mit persönlichen Lesetipps der BT-Volontäre sowie -Redakteure:

Mal Löwe, mal Maus

Moritz Hirn, Sportredaktion: Am Fuß des Felsens die Maus, winzig, unscheinbar und von kaum jemandem beachtet. Ganz oben hingegen, als König der Tiere auf dem Gipfel thronend, der starke, mächtige und von allen bewunderte Löwe. Bei dieser Ausgangssituation wird schnell klar, dass es sich beim vorliegenden Werk um ein Kinderbuch handelt. Zur Erklärung: Während unsere Sechsjährige in die Gruppe der Selbstleser entwachsen ist, bin ich beim fünfjährigen „Kleinhirn“ noch als Vorleser gefragt. In dieser Funktion ist nicht nur mein Fachwissen über Dinosaurier exponentiell in die Höhe geschnellt, immer wieder landen wir auch bei den Klassikern im Bücherregal – also auch bei der Maus und dem Löwen. Im Kern erinnern die von Pia Jüngert aus dem Englischen übersetzten Reime ein Stück weit an die bekannte Fabel der zwei tierischen Protagonisten, und trotz der vergleichsweise wenigen Seiten, die allesamt extrem liebevoll und sehr treffend illustriert sind, strotzt das Buch nur so vor Botschaften, die sich auf viele Situationen und Altersklassen adaptieren lassen. Nicht immer ist der (Mäuse)Alltag einfach, aber wenn man es schafft, über seinen Schatten zu springen, mutig zu sein, hat man die Chance, vom Leben positiv überrascht zu werden. Die ebenso schöne wie passende Quintessenz, zu der die beiden äußerst unterschiedlichen Hauptdarsteller letztlich gelangen, lautet wie folgt: „So fanden die beiden schließlich heraus: Jeder von uns ist mal Löwe, mal Maus.“
Rachel Bright/Jim Field: „Der Löwe in dir“. Magellan-Verlag

Moritz Hirn. Foto: Nadine Fissl/Archiv

Moritz Hirn. Foto: Nadine Fissl/Archiv

Geniale Satire, die Spaß macht

Florian Krekel, Nachrichtenredaktion: Es ist eine der genialsten Gesellschaftssatiren der deutschen Literatur, es ist kurzweilig und – das ist in Zeiten von Urlaub auf Balkonien vielleicht das Wichtigste – es macht Freude: Ludwig Thomas Sammelband „Der Münchner im Himmel“. Mit gewohnt wachsamem Auge hat Thoma das Leben seiner „Landsleut“ beobachtet. Beobachtet, ein bisschen karikiert und etwas überspitzt. Aber wirklich nur ein bisschen. Vom Kohlefuhrwerk, das auf der Trambahntrasse feststeckt und dem sich draus ergebenden Szenario, über den Doktor, der zum Duell gefordert wird, obwohl seine Frau ihn betrogen hat, bis hin zum namensgebenden bayrischen Amtsboten Alois Hingerl. All das mag angestaubt klingen, schließlich lebte Thoma zur Zeit der vorletzten Jahrhundertwende, doch das ist es nicht. Das Werk erfordert keine historischen Kenntnisse oder Vorlieben, denn der Leser merkt schnell: Der Mensch hat sich in diesen mehr als 100 Jahren nicht wirklich verändert, nur die Welt um ihn herum. Das macht es umso amüsanter – und nach wie vor aktuell. Wartet doch laut Thoma die bayrische Landesregierung noch heute auf die Erleuchtung, die ihr Amtsbote Hingerl in göttlichem Auftrag bringen sollte, ehe er im Hofbräuhaus versackte.
Ludwig Thoma: Der Münchner im Himmel, verschiedene Verlage, etwa Bassermann-Verlag.

Florian Krekel. Foto: BT

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Florian Krekel. Foto: BT

Identität, Freiheit und Familienbande

Daniela Körner, Journalredaktion: Eine Buchhändlerin brachte mich auf den Titel „Die verschwindende Hälfte“. Die Geschichte lässt mich nicht los, zumal ich die Auseinandersetzung mit Rassismus überfällig finde und ich nicht verstehen kann, dass noch immer Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe weniger Möglichkeiten haben. Brit Bennet erzählt in ihrem Roman, wie die Zwillinge Desiree und Stella in einem kleinen Ort namens Mallard in Louisiana aufwachsen. Dort sind die Menschen stolz darauf, dass ihre Haut von Generation zu Generation heller wird. Vor den Augen der Mädchen wird ihr Vater brutal ermordet – einzig, weil er schwarz ist. Eines Tages suchen die Zwillinge das Weite und in New Orleans ihr Glück. Stella verlässt ihre Schwester Desiree, lebt das Leben einer Weißen, verleugnet ihre Familie. Desiree kehrt zurück nach Mallard mit ihrer Tochter Jude, das dunkelhäutigste Mädchen im ganzen Ort. Der vielschichtige Roman wird aus den Perspektiven der Protagonisten erzählt. Desiree leidet jahrzehntelang unter dem Verschwinden ihrer Schwester. Stella findet keinen Weg aus ihrer Lebenslüge. Jude lebt mit einem Mann zusammen, der ebenfalls die Identität gewechselt hat, und Kennedy, Stellas Tochter, schlüpft als Schauspielerin von einer Rolle in die nächste. Identität, Freiheit und Familienbande: Das sind die großen Themen dieses Romans.
Brit Bennett: „Die verschwindende Hälfte“. Rowohlt-Verlag.

Daniela Körner. Foto: privat

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Daniela Körner. Foto: privat

Faszinierende Reise

Dieter Klink, Nachrichtenredaktion: Es waren 21 Männer. Sie wurden Mitte Februar 2015 an einem Strand von Libyen ermordet. Von IS-Terroristen. Die grausame Tat ist in einem Propaganda-Video festgehalten. Der Schriftsteller Martin Mosebach hat sich zwei Jahre danach auf die Reise nach Ägypten und auf die Spur der 21 Männer begeben. Die Ermordeten waren Wanderarbeiter in Libyen. Sie waren Kopten, gehörten also der uralten christlichen Minderheit in Ägypten an. Mosebach traf die Witwen der Opfer, unterhielt sich mit Geistlichen, besuchte Kirchen und Klöster. Nirgendwo stieß er auf Rachegelüste, sondern auf Stolz. Die 21 gelten nun als Märtyrer, als Heilige im Himmel. Sie sind zu Ikonen geworden, deren Porträts als Heiligenbilder in den ärmlichen Häusern der Dorfbewohner hängen. Mosebachs Reise vermittelt eindrücklich den Alltag und einen tiefen, lebendigen Glauben in einer uns im Westen wenig vertrauten Welt. In 21 Kapiteln schildert er anschaulich die spezifischen Inhalte des koptischen Christentums, auf das die lateinische Kirche seit jeher arrogant herabsehe. Man erfährt viel über Ägyptens Gegenwart und Geschichte. Es ist ein Land voller Gegensätze: hier die oberägyptischen Dörfer der Märtyrer, dort die modernen Einkaufszentren von Neu-Kairo. Ein absolut faszinierendes Buch, aber zum Teil auch mit brutalen Inhalten. Das Buch bringt die Leser mit einer fremden Welt in Berührung, die gedanklich weit weg ist und doch so nah: gleich jenseits des Mittelmeers.
Martin Mosebach: Die 21. Eine Reise ins Land der koptischen Martyrer. Rowohlt-Taschenbuch.

Dieter Klink. Foto: privat/Archiv

Dieter Klink. Foto: privat/Archiv

Der würzige Duft der Heimat

Nadine Fissl, Volontärin: Heimat spüren. Wie hoch wird dieses wohlig warme Gefühl heute noch gehalten? In einer Zeit, die geprägt ist von internationalen Beziehungen und fernen Chancen kann das Heimatgefühl schonmal aus dem Fokus geraten. Nilou jedenfalls hat ihre Heimat, den Iran, als Kind verlassen und als Erwachsene – nicht ganz ungewollt – vergessen. Zu glanzvoll waren die vielen Möglichkeiten des neuen Landes und zu schmerzlich die Erinnerungen an das Zuhause voller Konflikte und die dort zurückgelassenen Teile der Familie. Mit viel Ehrgeiz hat sie nach diesen neuen westlichen Werten gestrebt, eine Wissenschaftskarriere hingelegt und einen Juristen geheiratet. 30 Jahre alt, alles erreicht und eigentlich glücklich – doch als Nilou auf eine Gruppe iranischer Exilanten trifft, kommen lang verdrängte Erinnerungen zurück. An den Zusammenhalt in der fast vergessenen anderen Kultur, an würzige Düfte, tragische Gedichte und vor allem an den opiumsüchtigen und doch liebevollen Vater, der die altpersische Lyrik so verehrte. Eine Frage kommt auf: Was bestimmt letztendlich die eigene Identität? Mit ihrem Werk versucht Dina Nayeri nicht nur, diese zu beantworten. Sie lässt beim Leser eigene alte Erinnerungen wach werden und erinnert daran, dass die kostbarsten Dinge im Leben fernab von Erfolg und Geld zu finden sind. Und manchmal schafft sie es sogar, ein wohlig warmes Gefühl zu erzeugen.
Dina Nayeri: „Drei sind ein Dorf“. Mareverlag.

Nadine Fissl. Foto: privat

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Nadine Fissl. Foto: privat

Pandemieplan in unheilvoller Zeit

Christiane Lenhardt, Kulturredaktion: Ein unheilvolles schwarzes Bändchen über das Thema der Zeit – die Pandemie: Die angesehene russische Schriftstellerin Ljudmila Ulitzkaja erzählt in ihrem neuen Buch „Eine Seuche in der Stadt“ davon, wie in der Sowjetunion beinahe eine katastrophale Epidemie ausgebrochen wäre. Sie schildert einen generalstabsmäßigen Pandemieplan des früheren Sowjetreichs. Noch schlimmer als Corona heute wäre die Pest damals gewesen, diese rasant ausbrechende Lungenkrankheit überlebte kaum einer. Durch Zufall ist die 1943 geborene Ulitzkaja auf diesen historischen Stoff gestoßen: 1939, als die Massenverhaftungen und Schauprozesse noch in Gang waren, der Zweite Weltkrieg noch nicht ausgebrochen, infizierte sich einer der Pestforscher durch ein Missgeschick in einem Labor, bevor er zu einer Tagung in Moskau aufbrach. Just bei diesem Forschertreffen wollte er seine Forschungsergebnisse präsentieren – und verbreitete stattdessen den Erreger. Eine unkontrollierbare Epidemie drohte. Mit Effizienz hatten die Medizin, aber vor allem der unerbittliche Geheimdienst bald alles unter Kontrolle: Eiligst wurden Reisegenossen und Forscherkollegen ausfindig gemacht, verhaftet und in einem Quarantäne-Krankenhaus isoliert. Schon in den 1970ern verfasste Ulitzkaja ein Drehbuch über den Stoff. Niemand wollte aus dem in der UdSSR geheim gehaltenen Ereignis einen Film machen. Aus den alten Unterlagen schrieb sie ihr „Szenario“. Neben der Haupthandlung entsteht in Ulitzkajas mit vielen Dialogen angelegter Erzählung ein Gesellschaftspanorama voller Angst vor Verfolgung und Verhaftung aus den Jahren des Stalinismus.
Ljudmila Ulitzkaja: Eine Seuche in der Stadt. Szenario, Hanser Verlag.

Christiane Lenhardt. Foto: Thomas Viering

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Christiane Lenhardt. Foto: Thomas Viering

Ein Tagebuch in 280 Zeichen

Marvin Lauser, Onlineredaktion: Seit Donald Trump nicht mehr US-Präsident ist und ihm Twitter-Chef Jack Dorsey sein wichtigstes Kommunikationsmittel genommen hat, ist er quasi in der Bedeutungslosigkeit verschwunden. Wer verstehen möchte, wie Twitter eine solche Relevanz erlangen konnte und dabei keine wissenschaftliche Abhandlung lesen will, sondern es unkonventionell mag, der sollte „Gefolgt, von niemandem, dem du folgst“ von Jan Böhmermann lesen. Der Satiriker, der mit seinem Schmähgedicht auf den türkischen Präsidenten weltweit von sich reden machte, hat darin seine Tweets von 2009 bis 2020 in einer Art Tagebuch gesammelt, kuratiert und kommentiert. Darin findet man Bonmots wie „Wir mögen keine Menschen, die von sich selbst im Plural sprechen“, einzelne Gedankenfetzen: „Traumjob: Handytastentondesigner“ (23. Juli 2015,10.46 Uhr) oder philosophisch daherkommende Sätze wie: „Das Internet muss in die Wirklichkeit und die Wirklichkeit muss ins Internet“. Der Clou ist es eigentlich schnelllebig-vergängliche Dinge wie Tweets in ein auf Dauer angelegtes, analoges Medium zu bannen. Allein für den haptisch sehr gelungenen Einband lohnt es sich, dieses Buch zur Hand zu nehmen.
Jan Böhmermann: „Gefolgt von niemandem, dem du folgst: Twitter-Tagebuch. 2009-2020“. Kiepenheuer & Witsch.

Anna Strobel. Foto: BT

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Anna Strobel. Foto: BT

Was ist eigentlich Wahrheit?

Fiona Herdrich, Journalredaktion: Esther ist 15 und wie ihre Eltern eine Zeugin Jehovas. Die Familie zieht nach der Wende in einen kleinen Ort in Ostdeutschland, um dort eine neue Glaubensgemeinschaft aufzubauen. Das Mädchen aber hadert mit ihrem Leben zwischen Anstand und Apokalypse. Sie fühlt sich zerrissen zwischen Glaube, Familie, Freundschaften und ihrem Drang nach Freiheit. Gleichzeitig erzählt der Roman in Rückblenden auch von Esthers Freundin Sulamith, die noch viel früher als Esther ihre Identität als Zeugin Jehovas und die damit verbundenen strengen Regeln in Frage stellt und schließlich aus der Organisation aussteigen will. Die Zeugen Jehovas sagen von sich selbst, dass sie in der Wahrheit wandeln, und grenzen sich so von den „Weltmenschen“ ab. Nun muss Esther sich aber immer wieder fragen, was eigentlich Wahrheit ist. Die Autorin verarbeitet in „Kein Teil der Welt“ auch ihre eigenen Kindheit bei den Zeugen Jehovas, die sie mit 15 Jahren verlies. Mit Esthers Emanzipationsprozess hat sie eine Geschichte geschaffen, die in eine bedrückende Parallelgesellschaft blicken lässt.
Stefanie de Velasco: Kein Teil der Welt. KiWi.

Fiona Herdrich. Foto: Nina Ebersbach

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Fiona Herdrich. Foto: Nina Ebersbach

Vergangenheit vergeht nicht

Janina Fortenbacher, Nachrichtenredaktion: Es sind Franzosen, Italiener, Malteser und Araber, die in „Piccola Sicilia“, einem kleinen Einwandererviertel in Tunis, aufeinandertreffen. Und es sind Muslime, Christen und Juden, die in diesem quirligen Örtchen am Hafen Hand in Hand das Leben teilen. Bis sich der Krieg 1942 auch in Tunis bemerkbar macht und dort immer mehr an der Harmonie und der Unbeschwertheit nagt. Daniel Speck ist bekannt dafür, mit seinen Erzählungen Brücken zwischen verschiedenen Kulturen zu bauen. In „Piccola Sicilia“ zeigt er anhand eines dramatischen Familienromans auf, welche Auswirkungen der Nationalsozialismus in der ganzen Welt hatte und welche Folgen davon auch heute noch zu spüren sind. Seine Protagonistin Nina begibt sich auf Spurensuche, um das größte Geheimnis ihrer Familie zu lüften – das ihres Großvaters Moritz, der im Zweiten Weltkrieg als Wehrmachtssoldat in Südafrika im Einsatz war und seither als verschollen gilt. Dabei stößt sie auf eine Liebe, die alle Grenzen überwindet. Daniel Speck wechselt ständig die Perspektiven, schreibt von Rasseneinteilung, Flucht und Widerstand gegen die Nazis und von unerschrockener Hilfsbereitschaft. Der Leser taucht ein in eine Geschichte, die sich auf wahre Begebenheiten in der Vergangenheit stützt und gleichzeitig kaum aktueller sein könnte.
Daniel Speck: „Piccola Sicilia“. Fischer Verlag.

Janina Fortenbacher. Foto: privat

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Janina Fortenbacher. Foto: privat

Erst Kakerlaken, dann CL-Millionen

Christian Rapp, Sportredaktion: Andreas Buck war kein Filigrantechniker wie Lionel Messi. Auch fehlte ihm das Gespür für Raum und Zeit eines Andres Iniesta, ganz zu schweigen vom lewandows’ken Killerinstinkt. Aber Andreas Buck war schnell. Verdammt schnell. Gerade für die damalige Zeit, den 90er-Jahren, als der Mittelfeldspieler erst für den VfB Stuttgart, dann für den 1. FC Kaiserslautern in der Fußball-Bundesliga die Seitenlinie rauf und runter flitzte. „Turbo“ nannten sie – seine Mitspieler und die Medien – ihn. Auf 268 Einsätze brachte es Buck in der Bundesliga, erzielte 15 Tore, wurde zweimal deutscher Meister. Warum aber schreibt ein „Durchschnittsfußballer“ wie er eine Biografie? Weil der 53-Jährige zu einer Zeit gegen das runde Leder trat, als sich der Fußball zu verändern begann: Buck war hautnah dabei, als aus Bundesliga-Clubs weltweite Marken wurden. Als Spieler und Berater an Macht gewannen. Als die Romantik Stück für Stück ins Abseits geriet, das Fußballgeschäft stattdessen zum Global Player avancierte. Die 90er und Nullerjahre – sie wurden zur großen Zeit der Kommerzialisierung. Als Buck Ende der 80er beim SC Freiburg in der zweiten Liga anfing, krabbelten noch Kakerlaken durch die Dusche, als er 2003 aufhörte, schüttete die Champions League bereits zig Millionen aus. In „Turbo – Mein Wettlauf mit dem Fußballgeschäft“ nimmt Buck zusammen mit dem Journalisten Johannes Ehrmann den Leser auf eine schwungvolle, lustige, aber auch desillusionierende Reise in die Vergangenheit mit. Zusammen erzählen sie die Geschichte, als wären es die letzten zwei Minuten Bayern gegen Manchester United: ein Thriller.
Andreas Buck, Johannes Ehrmann: „Turbo – Mein Wettlauf mit dem Fußballgeschäft“. Tropenverlag.

Christian Rapp. Foto: Frank Vetter/Archiv

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Christian Rapp. Foto: Frank Vetter/Archiv

Flucht in surrealer Eisenbahn

Anna Strobel, Volontärin: „Underground Railroad“ erzählt die Geschichte einer jungen schwarzen Frau, die als Sklavin auf einer Plantage lebt und versucht, von dort zu entkommen. Die titelgebende Untergrundbahn – historisch gesehen eigentlich ein Schleusernetzwerk, das Sklaven mithilfe verschlüsselter Kommunikation die Flucht aus den Südstaaten ermöglichte – verwandelt sich in Colson Whiteheads Roman in eine tatsächliche Eisenbahn unter der Erde. Mit dieser fahren die Protagonisten Stück für Stück in Richtung Norden, der mit dem Versprechen der endgültigen Freiheit lockt. Die Figuren bewegen sich dabei nicht nur räumlich fort, sondern sie schreiten auch in der Zeit weiter voran. Auf diese Weise gelingt es dem Autor, ein realistisches Bild der Sklavereigeschichte in den Vereinigten Staaten von Amerika zu zeichnen. Cora, die Heldin der Erzählung, lässt sich auf die Reise mit der mysteriösen Eisenbahn ein, stets getrieben von dem Wunsch frei und unabhängig zu sein.
Colson Whitehead: „Underground Railroad“. S. Fischer Verlag.

Anna Strobel. Foto: BT

Anna Strobel. Foto: BT

Zeitloses Plädoyer für mehr Toleranz

Franziska Kiedaisch, Nachrichtenredaktion: Kluge Worte werden nicht alt. Deshalb sind auch die Schriften des französischen Philosophen Voltaire rund 250 Jahre nach dessen Tod noch aktuell. In seinem Traktat „Über die Toleranz“ wendet sich Voltaire entschieden gegen religiösen Fanatismus und seine menschenverachtenden Folgen. Erschüttert von Grausamkeiten, die im Namen der Religion – in Frankreich namentlich gegen die calvinistischen Hugenotten – begangen wurden, beschäftigt sich Voltaire kurz vor der Französischen Revolution mit der Frage nach der Toleranz. Mit seiner Streitschrift für ein positives Menschenbild, ein friedvolles Miteinander und gegen den ideologisch verblendeten Hass formuliert der große Denker ein Werk, das sich auch heute noch gut lesen lässt. Voltaire ist nicht per se religionskritisch, sondern wendet sich als gläubiger Katholik gegen die Indienstnahme der Religion für kriegerische Auseinandersetzungen und brutale Praktiken. Auch ein fehlendes Mitgefühl unter Christen prangert er an. Während heute vor allem der Islamismus für Schrecken in der Welt sorgt, ist die Frage nach religiöser Toleranz wesentlich älter. Doch gerade in Frankreich erfuhren die Schriften Voltaires nach den Anschlägen auf die Satirezeitschrift Charlie Hebdo große Resonanz. Kluge Worte werden eben einfach nicht alt.
Voltaire: „Über die Toleranz“. Suhrkamp.

Franziska Kiedaisch. Foto: BT

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Franziska Kiedaisch. Foto: BT

Warum wir so sind wie wir sind

Tobias Symanski, Nachrichtenredaktion: Alles hängt ja bekanntlich mit allem zusammen. Diesen Denkansatz verfolgt auch Ulrich Walbrühl mit seinem Buch „Wirtschaftspsychologie für Dummies“. In seinem mehr als 300 Seiten dicken Werk arbeitet er so ziemlich jedes Thema ab, das man mit dem menschlichen Verhalten und Denken in Zusammenhang bringen kann. Der Bezug allerdings ist klar: Der Mensch als handelndes Wirtschaftssubjekt. Das Ziel: Verstehen, wie man selbst tickt und wie andere ticken, um Fehler im mitmenschlichen Umgang zu vermeiden. Das wird zuweilen auch ganz konkret, beispielsweise wenn der Autor beschreibt, wie man eine Powerpoint-Präsentation einigermaßen interessant rüberbringen kann. Wer sich mit Wirtschaft und Psychologie im Speziellen beschäftigt, landet schnell im klassischen Fachchinesisch. Deshalb bemüht sich Walbrühl, die wissenschaftlichen Denkansätze möglichst einfach zu erklären. Das zeichnet alle Bücher der „Dummies“-Reihe aus. Ganz ohne Spezialbegriffe geht es aber auch hier nicht.

Wer ein guter Personalchef sein möchte, Konflikte mit Vorgesetzten oder Kollegen lösen oder einfach nur erkennen will, wie man einen Finanzbetrüger entlarvt, der ist mit dem Buch gut bedient.
Ulrich Walbrühl: „Wirtschaftspsychologie für Dummies“, Wiley-VCH Verlag

Tobias Symanski. Foto: Iris Rothe

© Iris Rothe

Tobias Symanski. Foto: Iris Rothe

Wer hat Angst vorm Wolf?

Volker Neuwald, Nachrichtenredaktion: Für viele Kinder ist es heute fast normal, dass in unseren Wäldern Wölfe leben. Sie haben für die heutige Generation einen ähnlichen Stellenwert wie Füchse oder Wildschweine: als Wildtiere, die man selten zu sehen bekommt. Erwachsenen fehlt dieses Verständnis oft, weil sie in einem Land ohne Wölfe aufgewachsen sind. Der Frankfurter Zoologe und Naturfotograf Axel Gomille hat in Deutschland mehr Fotos von wilden Wölfen gemacht als jeder andere. Vor wenigen Wochen ist sein neues Wolfsbuch erschienen, das sich speziell an Kinder im Alter ab acht Jahren richtet. Die Texte sind gut strukturiert und nicht zu lang. Der Inhalt ist topaktuell. Was auf den 64 Seiten am meisten fasziniert, sind die vielen hervorragenden Fotos Gomilles. Der Autor wünscht sich, dass Kinder Wölfe besser verstehen. Denn den „bösen Wolf“ gibt es nur im Märchen.
Axel Gomille: „Wölfe. Unterwegs mit dem Tierfotografen Axel Gomille.“ Kosmos Verlag.

Volker Neuwald. Foto: BT

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Volker Neuwald. Foto: BT

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Erstellt:
23. April 2021, 11:08 Uhr
Lesedauer:
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