Bühl: Mit Eigeninitiative gegen den Lockdown

Bühl (nad) – Die Inhaberin der Bühler Boutique „Tag & Nacht“ Susanne Moßmann setzt mit Drogeriesortiment ein Zeichen – so darf sie öffnen. Das eingenommene Geld spendet sie an die Bühler Tafel.

Gegen den Lockdown gewappnet: Die Inhaberin des Bühler Wäsche- und Trachtengeschäfts, Susanne Moßmann, und ihre Tochter Alica Moßmann.  Foto: Natalie Dresler

Gegen den Lockdown gewappnet: Die Inhaberin des Bühler Wäsche- und Trachtengeschäfts, Susanne Moßmann, und ihre Tochter Alica Moßmann. Foto: Natalie Dresler

In den Regalen hängt noch die Herbst- und Winterkollektion, die Mitarbeiter befinden sich seit Monaten in Kurzarbeit, die Belastung aufgrund von Ungewissheit wächst täglich. Susanne Moßmann, Inhaberin des Wäsche-und Trachtengeschäfts „Tag & Nacht“ in der Eisenbahnstraße, wagt als erste Bühler Einzelhändlerin einen Schritt in Richtung Chancengleichheit und Fairness im Handel und nutzt dazu Klopapier als helfendes Signal.

Mit der Eröffnung ihres eigenen Wäsche- und Trachtenmodegeschäfts „Tag & Nacht“ hat sich Susanne Moßmann im März 2015 einen großen Traum erfüllt. In der kleinen familiengeführten Boutique im Herzen der Zwetschgenstadt kümmert sich die Bühlerin zusammen mit ihrer Tochter Alica Moßmann und der Angestellten Christine Walter seither mit Fachwissen um ihre Kunden. Dass sie eines Tages neben Dessous auch Toilettenpapier verkaufen würde, wäre ihr niemals in den Sinn gekommen– bis heute. Doch wo Not herrscht, wird man bekanntlich erfinderisch.

Klopapier, Masken und Waschmittel im Sortiment

Nach Monaten des Lockdowns mit viel Sorge um das Fortbestehen ihres Ladens setzt Moßmann jetzt ein Zeichen. Denn mit den zusätzlichen Artikeln für den täglichen Bedarf in ihrem Sortiment – neben Klopapier zum Beispiel auch FFP2-Masken, Desinfektions- und Waschmittel – darf sie ihr Geschäft rechtskonform wieder öffnen. Die Bedingung: 60 Prozent der Ladenfläche muss mit eben diesen Produkten bestückt sein und das Textilsortiment dementsprechend auf 40 Prozent verkleinert werden. Zusätzlich musste Moßmann die Umstellung im Sortiment dem Gewerbe- und Ordnungsamt melden und einen Betrag von 25 Euro bezahlen.

Ein schneller und unkomplizierter Vorgang, mit dem sich die Bühlerin auch sozial engagiert: Den gesamten Erlös der verkauften Hygieneartikel will sie der Bühler Tafel für benötigte Kinderartikel spenden. „Es geht hier nicht um zusätzlichen Gewinn, denn den Umsatz von Zeiten vor Corona können wir damit nicht wieder aufholen. Wir möchten und müssen für unsere Kunden wieder öffnen und wollen damit auf die heikle Situation des Einzelhandels hinweisen“, erklärt die Ladenbesitzerin.

Geschäftsidee als Vorzeigeobjekt

Inspiriert wurde sie vom Modegeschäft „Blum-Jundt“ in Emmendingen, das erst kürzlich für Schlagzeilen als „Flagship-Store“ (deutsch Flaggschiff-Laden, also Vorzeigeobjekt) für Klopapier gesorgt hat. Wo eigentlich Kleidungsstücke verkauft werden, findet man seit Neuestem auch Nudeln und Toilettenpapier. Nach einem Telefonat mit den beiden Inhabern von „Blum-Jundt“ beschloss Moßmann, sich dieser Protestaktion anzuschließen und so symbolisch auf den bedrohten Einzelhandel aufmerksam zu machen und eine Chance aufs Überleben zu bekommen. „Es muss etwas passieren“, betont sie. Ihr Laden könne nicht länger geschlossen bleiben, denn der Online-Shop, den sie im Lockdown eröffnet hat, ist nur „ein Tropfen auf dem heißen Stein“. Die online verkauften Artikel können genau so wenig wie staatliche Hilfen ihr berufliches und auch privates Leben finanzieren. In ihrem kleinen Geschäft könne man sowohl Sicherheitsabstand mit einer begrenzten Kundenanzahl garantieren, als auch das schnelle Kontaktieren der Kunden nach einem Corona-Fall sicherstellen.

Das Unverständnis für die anhaltende Schließung des Einzelhandels wächst auch bei anderen Ladenbesitzern in Bühl. Mehrere Proteste hat es unter dem Motto „Handel mit gleichen Regeln“ bereits gegeben, jetzt hofft Moßmann, dass sich auch bei dieser Aktion weitere Einzelhändler anschließen werden, um so gemeinsam mit Eigeninitiative gegen die Krise zu kämpfen. Sie sei ganz bestimmt keine Corona-Leugnerin und halte sich auch gewissenhaft an das Hygienekonzept – aber ihre Existenz und auch die des Bühler Einzelhandels stehe mittlerweile auf dem Spiel. Bedenken habe sie mit ihrer Maßnahme keine. Das Schlimmste, was passieren könne, sei, dass sie ihr Geschäft erneut schließen muss.

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Erstellt:
28. März 2021, 19:00 Uhr
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