Bühl: Schritte in ein neues Leben

Bühl/Rheinmünster (kkö) – Sie sind modern, aufgeschlossen, voller Hoffnung: Afghanische Familien, die vor etwa einer Woche in Deutschland eintrafen und nun in Bühl und Schwarzach untergebracht sind.

Mitglieder der afghanischen Familien, die in Wohnungen in Bühl und Schwarzach untergebracht sind. Foto: Katrin König

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Mitglieder der afghanischen Familien, die in Wohnungen in Bühl und Schwarzach untergebracht sind. Foto: Katrin König

Die Afghanen konnten ihr Land mit deutscher Hilfe verlassen, weil sie dort aufgrund ihrer Tätigkeit für westliche Organisationen angesichts der Machtübernahme durch die Taliban um ihr Leben fürchten mussten. Dies sind also Gesichter jener Menschen, die in noch nicht weit zurückliegenden Reportagen über chaotische Zustände am Flughafen in Kabul in einer panischen Masse verschwammen, ihrer Würde und ihrer Zukunft beraubt. So schien es jedenfalls. Nun aber sitzen einige von ihnen mit all ihren Erinnerungen, Gedanken und Plänen im Tafelladen und beschreiben einen Zustand enormer Erleichterung.

„We are so happy“, sagt die 18-jährige Faryal aus Kabul, die als Älteste von vier Geschwistern sehr reif wirkt. Ihr Vater Ahmad erklärt, dass man wirklich von Glück reden könne: Entgegen dem Versprechen der deutschen Regierung würde man derzeit zwar ehemalige Hilfskräfte ausfliegen, nicht aber ihre volljährigen Kinder. Bei Faryal habe man eine Ausnahme gemacht. „Ich schätze, um die 400 Familien harren noch in Kabul aus, weil sie sich geweigert haben, ohne ihre Kinder zu fliegen“, sagt er. Zumal ein Schicksal gerade für die Töchter nun nur noch in eine Richtung weise: Hausfrau, Mutter, „hörige Sklavin“. So formuliert es Mohamad aus Mazar-e-Sharif, wo Soldaten der Bundeswehr stationiert waren. Er wurde mit zwei Kindern und seiner hochschwangeren Frau Farzana über Pakistan ausgeschleust.

Das Frauenbild der Taliban, betont er, widerspreche nicht nur den Werten des Islam, sondern auch der Einstellung der meisten Afghanen. „Farzana und ich zum Beispiel sind Rechtsanwälte, wir kochen und putzen auch gemeinsam, kümmern uns beide um unsere Kinder.“ Faryals Mutter war Lehrerin, Ahmad arbeitete lange als Fahrer für das German Development Programme und die US Agency for International Development, bis er 2017 bei einer Explosion schwer verletzt wurde.

„Irgendwann werden wir ankommen“

Dieser Job wäre rückwirkend eine ebenso große Gefahr für sein Leben gewesen wie der von Mohamad, der als Jurist am Programm zur Rechtsstaatlichkeit Afghanistans mitwirkte. Einhellig beschreiben die Anwesenden die nun herrschenden Taliban als ungebildet, dumm, brutal, in einer irrsinnigen Ideologie gefangen. Mohamad erzählt von seiner Mutter, die als Ärztin in einem Krankenhaus arbeitet. Mit dem Einmarsch der Taliban setzten diese einen Mann aus ihren Reihen als Chefarzt ein – kein Mediziner und unfähig, auch nur eine Spritze zu setzen. „Die Ignoranz regiert.“

Der Verlust der Heimat, wie sie war und weiterhin hätte sein können, begleitet die Afghanen ebenso wie besagte Erleichterung. In den ersten Tagen vor Ort hat Farzana nur geweint, konnte weder schlafen noch essen. So vieles blieb zurück: Familien und Freunde, Häuser, jeglicher Besitz. Die Wohnung von Mohamad und Farzana in Schwarzach ist gut ausgestattet, auf Ahmad und Familie warteten hingegen leere Räume. Bis auf Betten und Spinde gab es nichts, wie Sandra Hüsges erzählt. Die Vorsitzende der Bühler Tafel bemüht sich um Abhilfe. „Wir brauchen Möbel, Spiegel, Regale, Töpfe.“ Wer Kontakt zur Bühler Tafel aufnehmen möchte, kann sich per E-Mail an Hüsges wenden: sandra.huesges@buehler-tafel.de.

Auf die Frage, was sie nun planen, antworten die Afghanen: Deutsch lernen, um arbeiten zu können und in die Mitte der hiesigen Gesellschaft zu finden. Farzana möchte wieder als Rechtsanwältin arbeiten und sich besonders für Fälle von Gewalt gegen Frauen einsetzen. Mohamad lächelt in seiner offenen, klugen Art. „Schritt für Schritt“, sagt er. „Tag für Tag. Irgendwann werden wir hier ankommen.“

Ihr Autor

Katrin König

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Erstellt:
23. November 2021, 08:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 44sec

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