Bühler Antiquitätenhändler: Preise im Sinkflug

Bühl (BNN) – Trotz „Bares für Rares“: Antiquitäten sind laut dem Bühler Antiquitätenhändler Joachim Engert nicht mehr gefragt. Und er sagt: „Im Fernsehen ist das nur Show.“

Kritischer Blick: Joachim Engert datiert eine Keramik der Karlsruher Majolika von Wilhelm Süs. Dabei blättert er im Katalog der Manufaktur. Foto: Ulrich Coenen

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Kritischer Blick: Joachim Engert datiert eine Keramik der Karlsruher Majolika von Wilhelm Süs. Dabei blättert er im Katalog der Manufaktur. Foto: Ulrich Coenen

Es herrscht fast drangvolle Enge. Im Ladengeschäft in der Poststraße in Bühl stehen antike Möbel neben Vitrinen mit altem Schmuck und Keramik. An den Wänden hängen Gemälde aus verschiedenen Epochen. An seinem Schreibtisch in der Mitte sitzt Joachim Engert und schaut mit einer Lupe fasziniert auf eine goldene Kette, die er aus einem Nachlass erworben hat. „Manchmal recherchiere ich zwei Wochen, um etwas über ein Stück, seine Werkstatt oder den Künstler zu erfahren“, sagt er.

Was bei Moderator Horst Lichter in der ZDF-Sendereihe „Bares für Rares“ so einfach aussieht, ist harte Arbeit. „Im Fernsehen ist das nur Show“, meint Engert. „Ich hatte mal eine Anfrage, ob ich als Experte mitwirken will. Das habe ich abgelehnt.“

Antiquitätenhandel hat schon bessere Zeiten erlebt

Joachim Engert ist seit mehr als drei Jahrzehnten im Geschäft. „Mit dem Wert einer Antiquität ist das so eine Sache“, weiß er. „Es gibt beispielsweise einen Versicherungswert, einen Liebhaberwert und einen Materialwert. Im Fernsehen sieht das immer einfach aus.“ Engert weiß aber, dass die Antiquitätenhändler sehr viel mehr Zeit haben, über ihr Gebot zu entscheiden, als es auf dem Bildschirm den Eindruck macht.

Trotz der Begeisterung eines Millionenpublikums für Horst Lichter: Der Antiquitätenhandel hat schon bessere Zeiten erlebt. In den 1980er und 1990er Jahren erlebte er einen gewaltigen Boom. Damals hatte Engert sein Geschäft in Baden-Baden. Seitdem haben antike Möbel und kunstgewerbliche Gegenstände wie Porzellan erhebliche an Wert verloren. Bald nach der Jahrtausendwende begann die Krise. „Die Zeit der Sammler ist vorbei“, bedauert der 68-Jährige. „Das Verständnis für Kunst und handwerkliches Können hat nachgelassen. Die heutige Wohnkultur heißt Ikea, die Tischkultur McDonalds. Das ist tragisch.“ Dennoch beobachtet Engert, wie sie die Passanten an seinem Schaufenster immer wieder die Nase platt drücken.

Die Antiquitätenhändler hat noch die große Aufbruchstimmung in seiner Branche erlebt. Nach der Schule erlernte der Karlsruher zunächst den Beruf des Schriftsetzers. Damals stellten die Druckereien gerade von Blei- auf Fotosatz um. Für die alten Setzkästen hatte der Meister keine Verwendung mehr, der 16-jährige Joachim Engert schon. „Ich habe Hunderte auf Flohmärkten verkauft und damit mehr verdient als mein Lehrlingsgehalt“, erinnert er sich. Der Grundstein für die berufliche Laufbahn war gelegt.

„Jedes Stück findet irgendwann einen Kunden“

Engert machte sich 1985 als Antiquitätenhändler in Baden-Baden selbstständig. Die mondäne Kurstadt ist selbstverständlich eine andere Adresse als die beschauliche Mittelstadt Bühl. „Natürlich ist der Markt für Antiquitäten dort wesentlich größer“, räumt Engert ein. „Das liegt aber an den Touristen. Die sind kunstaffiner als die Baden-Badener.“ In Bühl gebe es leider kaum Fremdenverkehr, bedauert er. „Das ist schade, denn die Stadt ist sehr hübsch.“ In seiner Zeit in Baden-Baden hat Engert neben dem Ladengeschäft auch online mit Antiquitäten gehandelt. Seit sechseinhalb Jahren ist er inzwischen in Bühl und hat das Internet als Plattform aufgegeben. „Ich schaue allerdings jeden Tag, was auf Ebay angeboten wird“, sagt er. Auch die wilden Zeiten in der Frühphase des Online-Auktionshauses zu Beginn des neuen Jahrtausends hat Engert miterlebt. Wer Ahnung hatte, konnte damals sehr günstig historische Gemälde oder Grafiken ersteigern. Doch auch diese Zeiten sind längst vorbei.

Im stationären Fachhandel ist der Service das wichtigste Argument. „Die Kunden suchen bei Experten Rat“, berichtet Engert. „Ich erkläre die Stücke, die Epoche und den Künstler.“

Inzwischen hat die Bedeutung des antiken Schmucks in der Branche zugenommen. Bei Engert füllt er gleich mehrere Vitrinen. Während des Interviews kommt ein junges Paar in den Laden, das eine schöne alte Goldkette für den jungen Herren sucht. Gleich danach erscheint ein Mann und bietet eine komplette Plastiktüte voller Messingspielzeug für den Setzkasten zum Kauf an. Engert bedauert: „Damit kann ich nichts anfangen.“

Seine Ware erhält der Antiquitätenhändler über Haushaltsauflösungen oder durch direkte Angebote. „Inzwischen ist es fast ein wenig wieder so wie in den 1960er und 1970er Jahren, als die Leute alte Möbel auf den Sperrmüll geworfen haben“, sagt er. „Die Epoche des Historismus, die über mehr als zwei Jahrzehnte als sammelwürdig galt, wird nur noch wenig geschätzt.“ Entmutigen lässt sich Engert dadurch nicht. „Jedes Stück findet irgendwann einen Kunden, egal ob Gemälde, Karlsruher Majolika oder Möbel“, erklärt er. „Manche Stücke stehen zwei Jahre bei mir im Geschäft.“

Boomende Zeiten sind vorüber

BNN-Redakteur Ulrich Coenen kommentiert: „Vor vier Jahrzehnten waren Omas Möbel plötzlich in. Nachdem Schränke und Tische aus der Zeit um 1900 in der Nachkriegszeit serienweise im Sperrmüll entsorgt und durch Nierentische und Cocktailsessel ersetzt wurden, entdeckten die Menschen den Wert der Wohnkultur des Historismus. Handwerkliche Qualität, Materialität und der Formenreichtum der Zeit vor dem 1. Weltkrieg faszinierten. Dieser Trend blieb nicht auf Möbel beschränkt. Auch die Architektur des 19. und frühen 20. Jahrhunderts war, gerade auch in Bühl, nach 1945 zunächst abgerissen oder entstellend auf modern getrimmt worden. Jetzt war sie en vogue.

Die neue Mode orientierte sich an der Wissenschaft. Der berühmte Kunsthistoriker Hans Sedlmayr hatte die Kunst und Architektur des 19. Jahrhunderts in seinem nicht minder berühmten gleichnamigen Buch noch 1948 als „Verlust der Mitte“ bezeichnet. Wissenschaftler wie Willy Weyres, Professor für Baugeschichte und Denkmalpflege an der RWTH Aachen, legten mit ihren Veröffentlichungen seit den 1960er Jahren den Grundstein für die neue Wertschätzung des 19. Jahrhunderts.

Der Antiquitätenhandel erlebte einen gewaltigen Boom. Der endete aber nach der Jahrtausendwende. Nicht nur Omas Möbel, sondern auch Möbel aus dem Biedermeier und Barock sind out und erzielen nicht mehr annähernd die Preise der 1990er Jahre. Antiquitätenhändler wie Joachim Engert haben diese gegensätzliche Entwicklung über Jahrzehnte verfolgt. Wohnen in Häusern aus der Gründerzeit bleibt hingegen beliebt. Die Wohnkultur in den Häusern ist, wie Engert es ausdrückt, inzwischen Ikea. Die Sendereihe „Bares für Rares“, die seit 2013 im ZDF läuft, ist im Grunde ein Anachronismus. Sie begeistert ein Millionenpublikum für Dinge, die oft nur noch schwer zu vermarkten sind und gaukelt Geldwerte vor, die es so längst nicht mehr gibt. Bleibt nur zu hoffen, dass Omas Möbel nicht wieder im Sperrmüll landen.“

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Ihr Autor

BNN-Redakteur Ulrich Coenen

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Erstellt:
2. Mai 2022, 19:00 Uhr
Lesedauer:
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