Bühler Bäume tragen Nummernschilder

Bühl (hol)– 2019 ist mit einem Baumkataster für Bühl begonnen worden, bald soll es fertig sein. Mittlerweile sind über 5.000 Gewächse aus dem Bühler Stadtgebiet registriert.

Alt und Jung im Stadtgarten im Blick: Baumpfleger Claus Knechtel kontrolliert die vor einem Jahr gepflanzte Ungarische Eiche (links) – Baum Nummer 3.989. Im Hintergrund: Baum Nummer 26, das Sorgenkind, ein 115 Jahre alter Spitzahorn. Foto: Harald Holzmann

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Alt und Jung im Stadtgarten im Blick: Baumpfleger Claus Knechtel kontrolliert die vor einem Jahr gepflanzte Ungarische Eiche (links) – Baum Nummer 3.989. Im Hintergrund: Baum Nummer 26, das Sorgenkind, ein 115 Jahre alter Spitzahorn. Foto: Harald Holzmann

Baum Nummer 1 ist kerngesund. Die purpurblühende Rosskastanie steht am Eingang des Bühler Stadtgartens. Sie ist knapp 50 Jahre alt, schätzt Claus Knechtel. Er ist seit sechs Jahren als Baumpfleger für die Zwetschgenstadt tätig. Seit 2019 erstellt er das Bühler Baumkataster – eine elektronische Akte, in der alle städtischen Bäume von Bühl aufgelistet sind. Das Projekt befindet sich auf der Zielgeraden und soll noch in diesem Jahr dem Gemeinderat vorgestellt werden.

Insgesamt 5.846 Einzelbäume und 51 Baumgruppen sind im Bühler Baumkataster erfasst. Die häufigsten Baumarten: Ahorn und Linde, sagt Knechtel. Sogenanntes Straßenbegleitgrün findet sich in dieser Liste ebenso wie die Bäume in den Weinbergen von Eisental, die uralte Kappeler Linde sowie die anderen sechs Baumdenkmäler in Bühl, die Grünzüge im Waldhägenich und eben die grünen Riesen im Stadtgarten. Jeder Baum hat eine Nummer. Er ist dadurch auf einer elektronischen Landkarte auffindbar.

Ein Knopfdruck hilft bei der Kontrolle

Claus Knechtel ruft die Nummer 1 auf seinem Tablet-Computer auf. Die Daten der Rosskastanie sind hinterlegt. Wann war die letzte Baumkontrolle? Wie ist der gesundheitliche Zustand des Baumes? Art, Alter – alles kann er bei seiner Kontrolle per Knopfdruck abfragen. Und bei Bedarf auch eingeben, wenn beispielsweise ein Rückschnitt oder eine spezielle Kontrolle nötig ist oder ein abgestorbener Ast entfernt werden muss. Zudem hat Knechtel einen Laser-Höhenmesser, ein Fotoapparat und ein Fernglas dabei, um die Äste in der Krone zu kontrollieren. Der 61-Jährige, der Gärtnermeister gelernt und die Ausbildung zum Fachagrarwirt für Baumpflege und Baumsanierung absolviert hat, schaut sich die Bäume genau an, klopft auch mal mit einem Kunststoffhammer aufs Holz, um Faulstellen oder Hohlstellen zu entdecken. Und manchmal klettert er selbst in die Krone, um Schnitte anzusetzen. „Meistens arbeiten wir dafür aber mit einem Hubsteiger“, sagt er.

Der altehrwürdige Spitzahorn im Zentrum des Stadtgartens trägt die Nummer 26. Auf einem unauffälligen Plastikschildchen oben am Stamm ist die Zahl zu lesen. „Viele Bühler fragen sich, was die Nummern an den Bäumen bedeuten“, erzählt Beate Kahles vom Fachgebiet Stadtentwicklung. Sie empfiehlt immer dann, wenn Bürger der Stadt einen Vorgang melden, der mit einem Baum zu tun hat – etwa einem Sturm oder einem Unfall –, diese Nummer abzulesen und durchzugeben. „Dann können wir dank des Baumkatasters sofort sehen, worum es sich handelt.“

Nummer 26 braucht bald Betreuung

Nummer 26 könnte alsbald schon Besuch vom Hubsteiger bekommen. „Das ist unser Sorgenkind“, sagt Kahles. Der mehr als 115 Jahre alte Baum, der 1906 gepflanzt wurde, als der Stadtgarten entstand, schwächelt sichtbar. Es gibt viele unbelaubte Äste. „Da werden wir noch im Sommer was machen müssen“, meint Knechtel.

Denn das Baumkataster und die Kontrollen aller städtischen Gewächse sind versicherungsrechtlich wichtig. Der Stadt obliegt nämlich die Verkehrssicherungspflicht. Wenn ein abgestorbener Ast abbricht und ein Auto beschädigt oder gar einen Menschen verletzt, dann zahlt die Versicherung der Stadt – aber nur dann, wenn die Verwaltung nachweisen kann, dass der Baum in den Monaten zuvor regelmäßig kontrolliert wurde – und zwar streng nach Richtlinien. Diese Kontrollen werden im Kataster dokumentiert – ebenso der Gesundheitszustand des Baumes und eventuelle Maßnahmen zur Erhaltung. „Das ist dann gerichtsfest“, sagt Kahles.

Junge Bäume nimmt Claus Knechtel nur alle drei Jahre in Augenschein. 15 bis 50 Jahre nach der Pflanzung ist die Reifephase erreicht – da erhöht sich der Rhythmus der Vorsorgeuntersuchungen auf zwei Jahre. Bäume über 80 mit gesundheitlichen Macken wie der Spitzahorn im Stadtgarten werden alle sechs Monate gecheckt. Das gelte beispielsweise auch für das Naturdenkmal der über 280 Jahre alten Kappeler Linde. „Solche Bäume haben wir aber sowieso auch schon bei unserer täglichen Arbeit im Blick“, sagt Knechtel. Kahles nickt: Da bedürfe es nicht immer Extra-Kontrollen. Schon während des normalen Arbeitsalltags sähen die Mitarbeiter, wie es um die Bäume stehe. Oberstes Ziel sei stets der Erhalt der Bäume.

Alle Bühler Bäume sind durchnummeriert. Baum Nummer 1: eine Purpurkastanie im Stadtgarten. Foto: Harald Holzmann

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Alle Bühler Bäume sind durchnummeriert. Baum Nummer 1: eine Purpurkastanie im Stadtgarten. Foto: Harald Holzmann

Wie lange das noch bei Nummer 26 klappt? Wer weiß. Im Stadtgarten ist aber schon für grünen Nachwuchs gesorgt. Vor gut einem Jahr wurde Baum Nummer 3.989 gepflanzt – eine Ungarische Eiche. Sie könne ein stattlicher Baum werden, sagt Knechtel, und sei einzigartig mit ihren besonders geformten Blättern. Im weiten Umkreis gebe es keinen Stadtpark mit einem derartigen Baum – nicht einmal in der Lichtentaler Allee in Baden-Baden wachse so ein Exemplar, sagt er. Ein standesgemäßer Nachfolger also für Nummer 26. Doch bis zur Wachablösung können noch viele Jahre vergehen, denn so ein Baumleben verläuft in anderen Dimensionen wie ein Menschenleben – und das Bühler Baumkataster hilft dabei, es möglichst zu verlängern.

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Erstellt:
7. Juni 2021, 17:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 23sec

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