Bühler Hochsprungmeeting steht an: Vielleicht zum letzten Mal

Bühl (BNN) – In Bühl steht das 25. Internationale Hochsprung-Meeting steht an. Die Veranstalter plaudern aus dem Nähkästchen – und werfen die Frage, nach der Zukunft des Events auf.

Freiburger Wurzeln: Marie-Laurence Jungfleisch startete mehrfach in Bühl, holte 2018 Bronze bei der EM in Berlin mit 1,96 Metern, und soll auch im August wieder dabei sein. Foto: Thomas Steuerer

© Thomas Steuerer Baden-Baden Thom

Freiburger Wurzeln: Marie-Laurence Jungfleisch startete mehrfach in Bühl, holte 2018 Bronze bei der EM in Berlin mit 1,96 Metern, und soll auch im August wieder dabei sein. Foto: Thomas Steuerer

Die Szene hat das Zeug zu einem Krimi: 1996 trafen sich Manfred Bellemann und Wolfgang Lorenz vom TV Bühl mit Athletenmanager und Ex-Bundestrainer Günter Eisinger. Es ging um eine große Idee. Bühl sollte ein Internationales Hochsprung-Meeting erhalten. Das Treffen mit dem deutschen Strippenzieher im Kosmos der Luftakrobaten fand zwar nicht in einem düsteren Kneipen-Hinterzimmer statt, aber als es nach dem Gespräch um die Spesen ging, schob Eisinger Bellemann und Lorenz wortlos einen Zettel über den Tisch. 500 Mark – diese Summe stand darauf. „Ich bin dann erst einmal zur Bank gegangen und habe Geld geholt“, erinnert sich Leichtatlethik-Altstar Manfred Bellemann und muss, im Gespräch mit der Redaktion, herzlich lachen.

Damals konnte er das nicht. 500 Mark als Spesen, das nagte an den Gemütern. „Wir haben uns natürlich gefragt, können wir uns das überhaupt leisten“, erinnert sich Bellemann. Zweieinhalb Jahrzehnte später: Im Büro von Meeting-Direktor Wolfgang Lorenz gibt es einen großen Schrank. Und darin stehen Dutzende von dicken Aktenordnern. Es ist die papierene Historie einer sportlichen Erfolgsgeschichte, die in diesem Jahr, also pünktlich zum 175. Geburtstag des TV Bühl, seine 25. Auflage feiern kann. Geplant ist die große Schau der Höhenflieger am 26. August. Und so wie es aussieht, ist dieses Meeting vielleicht das letzte, zumindest mal mit Lorenz und Bellemann, heute Oberkampfrichter, an der Spitze.

Springerinnen und Springer aus 40 Nationen waren am Start

„Wenn nicht jetzt, wann dann“, heißt ein Lied der Kölner Musikgruppe „Höhner“, der Rückblick auf 25 Jahre begeisternden Spitzensport im Ludwig-Jahn-Stadion mit Gästen aus bestimmt 40 Nationen drängt sich auf, zumal im Jubiläumsjahr; eine Retrospektive auf nationale und internationale Bestmarken, Olympiasieger und so manchen Aha-Effekt. Ein Erweckungserlebnis gab es, neben der Spesenkiste, gleich zu Anfang. Wenn die große Sportwelt zu Gast ist, reisen honorige Trainer mit ihren Schützlingen an. Und die wollen im Vorfeld einige Fragen klären. Dazu braucht es einen Chef, also einen, der rund um die Uhr für alle Probleme sofort eine Lösung hat. So begab es sich, dass der Leverkusener Leichtathletik-Coach Gerd Ossenberg Manfred Bellemann fragte, wer in Bühl der Meeting-Direktor sei.

Die Macher: Meeting-Direktor Wolfgang Lorenz (links) und Oberkampfrichter Manfred Bellemann sind von Anfang an dabei.

Die Macher: Meeting-Direktor Wolfgang Lorenz (links) und Oberkampfrichter Manfred Bellemann sind von Anfang an dabei.

„Wenn der gefragt hätte, wo wir hin gehen, hätte ich gesagt, in den ‚Schwanen‘“, so Bellemann. Aber Meeting-Direktor? Und so kam es, dass der heute 75-jährige, ehemalige Top-Leichtathlet des TVB, Senioren-Weltmeister und Trainer, sich ganz unverhofft in einem Chefposten sah. Dreimal war Bellemann der Boss, erlebte, wie Martin Buß (LAC Halensee Berlin) bei der ersten Bühler Höhenflieger-Schau mit 2,31 Metern siegte und den Stadionrekord verbesserte. „Wir sind ins kalte Wasser geworfen worden“, so Bellemann. Wolfgang Lorenz, viele Jahre Geschäftsführer des TVB und ab Meeting fünf der Direktor bis heute, unterschreibt das. Doch Bühl wollte die große Sportkiste und bekam sie. Auch dank eines Mannes: „Der damalige Oberbürgermeister Hans Striebel hat uns wirklich super unterstützt“.

Ohne sein Engagement wäre das Meeting wohl bald wieder sanft entschlafen, ebenso ohne die vielen treuen Geldgeber und natürlich das eingeschworene Helferteam. Rund acht Monate im Jahr beschäftigt die internationale Sportveranstaltung, die als Olympia-, WM-, oder EM-Quali immer wieder Topleute der Szene lockte, vor allem den rührigen Cheforganisator Lorenz, aber auch den Förderverein. Es ist ein mittelständisches Unternehmen. Lorenz netzwerkt nach Kräften, zog so manchen dicken Fisch an Land, reiste zu großen Leichtathletik-Veranstaltungen nach Zürich oder London und sprach Athleten, Managern und Trainern, besuchte die arrivierten Hochsprung-Meetings in Eberstadt, Sinn und Viersen. Bei den Olympischen Sommerspielen in Peking im Jahr 2008 gelang ihm der große Coup.

Frühstück mit Porsche-Boss Wendelin Wiedeking

Er hatte freien Zugang zum Deutschen Haus, bei Olympia die Mixed Zone für das deutsche Olympiateam und ihre Gäste aus Politik, Wirtschaft, Medien und Sport. „Das war der absolute Hammer“, so Lorenz, der ganz nah an alle möglichen Promis kam. Er frühstückte sogar mit Wendelin Wiedeking, warb beim damaligen Porsche-Boss für den TVB. Wiedeking sagte: „Bewerben Sie sich bei der Nachwuchsförderung“. Am Ende gab es 100.000 Euro für den TVB, die unter anderem in den Pavillon mit Kiosk im Stadion flossen, der auch beim Hochsprung-Meeting gute Dienste leistet.

Was macht den Hochsprung eigentlich so besonders? Bellemann und Lorenz müssen nicht lang überlegen: „Die ganze Szene ist eine große Familie.“ Das zeigt sich auch in Bühl. Nur ein Beispiel: Dietmar Mögenburg, Olympiasieger von 1984, hat die Bühler richtig lieb gewonnen, und seine Tochter Katerina ging bereits im Ludwig-Jahn-Stadion in der Frauen-Konkurrenz an den Start. Die Verbundenheit hält bis heute. 2004 kamen die Frauen zum Meeting, es war eine gute Entscheidung, auch bis heute.

Immer wieder purzelten die Rekorde: Carlo Thränhardt sprang in Bühl mit 1,91 Metern Weltbestleistung der Senioren. Deidre Ryan, Spitzname Ryan-Air sorgte in Bühl im Jahr 2011 für einen irischen Landesrekord, durfte daraufhin zur WM und wurde Fünfte. Mit „Thank You Bühl“, bedankte sich die liebenswürdige Springerin. Und was gab es noch alles: Das Bühler Kloster diente zweimal als Herberge für die Athleten, „allerdings waren die Betten zu kurz“, so Lorenz. Seither residieren alle im Hotel am Froschbächel in Bühl. 2010 hat Uli Geis (Hochsprung-Meeting Sinn) als äußerst sympathischer Athletenmanager und Stadionsprecher Günter Eisinger beerbt. Dass es so lange geht, hätten die beiden Macher der ersten Stunde nicht gedacht. Natürlich schmerzt das Aufhören, aber „ich gehe auf die 70 zu“, sagt Lorenz, Bellemann ist 75. „Es ist an der Zeit“, sagen sie. Und momentan scheint kein Nachfolger in Sicht.

Zum Thema:

Stars I: Hochsprungstar Gianmarco Tamberi, Olympiagold-Gewinner in Tokio mit 2,37, startete auch schon in Bühl. Sein Markenzeichen: Ein halber Bart. Trotz exaltierten Aussehens, bei seinen Auftritten im Jahn-Stadion gab sich der Italiener sehr volksnah.

Stars II: Die Ukrainerin Irina Michaltschenko gewann 2004 mit 1,91 Metern das erste Frauenspringen in Bühl vor der Deutschen Ariane Friedrich, die sich in Bühl nicht gerade durch Volksnähe auszeichnete, aber in Berlin mit 2,02 Meter im Jahr 2009 WM-Silber holte.

Statistik: In 25 Jahren Hochsprung-Meeting gab es in Bühl bei den Männern ein Dutzend Sätze über 2,30 Meter und bei den Frauen zwei Sprünge über zwei Meter. Athletinnen und Athleten aus rund 40 Nationen waren am Start, sogar aus Indien, Malaysia, Usbekistan und Japan. Gut 20 internationale Medaillengewinner starteten bereits in Bühl, nur einmal musste das Meeting wegen Regens unterbrochen werden, für 30 Minuten. jös

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Ihr Autor

BNN-Redakteur Jörg Seiler

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Erstellt:
8. April 2022, 06:00 Uhr
Lesedauer:
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