Bühler „Ochsen“ soll im Museum landen

Bühl (fvo) – Puzzlespiel aus Wirtshaus-Utensilien: Das Stadtmuseum Bühl will die einstige Traditionsgaststätte „Ochsen“ wieder zum Leben erwecken – als kommunikativ-kulinarische Ausstellung.

Der „verlorene Sohn“ kehrt zurück: Michael Rumpf zeigt das mit neuem Schriftzug versehene einstige Wirtshausschild des Ochsen.  Foto: Franz Vollmer

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Der „verlorene Sohn“ kehrt zurück: Michael Rumpf zeigt das mit neuem Schriftzug versehene einstige Wirtshausschild des Ochsen. Foto: Franz Vollmer

Kollektives Wohnzimmer, Stätte der Meinungsbildung, Umschlagplatz der geselligen Gefühle: Auch wenn er längst nicht mehr „lebt“, der Bühler „Ochsen“, verbinden sich doch viele Erinnerungen und noch mehr Emotionen mit der einstigen 250 Jahre alten Traditionsgaststätte in der Schwanenstraße. Dort wo heute eine Apotheke ihre Dienste anbietet, hat sich mal sowas wie das öffentliche Sozialleben abgespielt – ein Ort, der durchaus zum kollektiven Gedächtnis Bühls taugt.
Dieser Ort soll nun aus einzelnen Versatzstücken zusammenflickt gewissermaßen wiederbelebt werden – zumindest in musealer Form, sprich als Ausstellung. Kein Wunder, dass Resonanz nicht ausbleibt, die Erinnerung ist halt schon noch lebendig. „Schon nach der ersten Ankündigung hat es unheimlich viele Rückmeldungen und E-Mails gegeben. Eigentlich hat ja auch jeder eine Anekdote beizusteuern“, berichtet Michael Rumpf, Leiter des Stadtmuseums, und zeigt sich überrascht vom Boom, den seine Idee ausgelöst hat. Eine Idee, die umso mehr Alleinstellungsmerkmal hat, als man die Ausstellung mit einem kulinarisch-interaktiven Angebot verbinden will.

Ein rechter Hort des Frohsinns

„Ich kann mir vorstellen, dass sich 20 bis 25 Personen treffen und wie in einer Gastwirtschaft ein Vesper erhalten“, umreißt Rumpf das kommunikative Konzept, das Vereine, Firmenmitarbeiter oder Privatgruppen im Eingangsbereich sowie in der zweiten Etage goutieren können. Garniert mit Infos, Bildern, Multimediapräsentationen soll man an originalen Wirtschaftstischen und auf Brettstühlen sitzend ein paar Stunden stilecht in die lokale Gastrohistorie eintauchen.

Heimelige Atmosphäre ist alles: Einblick in die einstige Burgstube des „Ochsen“. Foto: Stadtgeschichtliches Institut/Archiv

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Heimelige Atmosphäre ist alles: Einblick in die einstige Burgstube des „Ochsen“. Foto: Stadtgeschichtliches Institut/Archiv

Es muss jedenfalls ein rechter Hort des Frohsinns gewesen sein, die Bleibe schräg gegenüber vom „Schwanen“. Darauf deuten zumindest Originalaufnahmen aus jener Zeit hin, inklusive dem finalen Kehraus, neudeutschgesagt, der Abrissparty, die auf einem Kurzfilm im Stadtgeschichtlichen Institut verewigt ist. „Für viele war das quasi zweite Heimat geworden“, erzählt Rumpf. Schilderungen zufolge nutzten viele Vereine, darunter der Skiclub, den „Ochsen“ als Stützpunkt für Feiern, eine Option, die mit dem Abriss 1970 ein für allemal verlorenen ging. Das Innenleben der guten Stube ist jedenfalls reichlich durch Bilder sowie Umbaupläne dokumentiert. Auch etliche Ansichtskarten der Fassade lassen ein präzises Bild entstehen. Was die Arbeit erheblich erleichtert, so Rumpf. Der Rest ist vor allem detektivischer Jagdinstinkt. Und wer Rumpfs funkelnde Augen sieht, weiß, dass er förmlich angefixt ist.

Für den Startschuss war allerdings gehörig Freund Zufall im Spiel. Die Hauptrolle spielt dabei das 20 Kilo schwere originale Wirtshausschild aus Metall nebst Gründungswappen, ein wahrlicher „Totschläger“ an Gewicht, das in Karlsruhe aufgetaucht ist, wo es im Lokal „O’Henrys“ sein Dasein fristete, wie der neue Schriftzug beweist. Eigentümer ist der Sohnemann des letzten Ochsen-Wirtes Ernst Ketterer, selbst in der Branche aktiv. und heute Gutachter für Gaststätten. Und dann kommt – wenn man schon mal nachhakt – eins zum andern: Tische, Stühle, Glasfenster, Leuchten, Deckenbalken und weiteres Mobiliar. Selbst der Kachelofen ist erhalten, jedoch schlecht zu verpflanzen. Dafür tauchen andernorts alte Rechnungen von einem Richtfest aus den 50er Jahren auf. Erfolgreich war auch die Suche nach dem ominösen Runden Stammtisch. Er befindet sich in einer anderen Bühler Restauration und wäre – vorbehaltlich abschließender Gespräche – ausleihbar.

Heimelig-schummrige Lichtverhältnisse

Für das besondere Raumgefühl und die typische Wirtshaus-Aura sollen nicht zuletzt die opulent und qualitativ aufwendig gearbeiteten Bleiglasfenster der renommierten Freiburger Firma Protz und Ehret sorgen, die von heimathistorisch singulärem Wert schon damals den Raum in ein diffuses, heimelig-schummriges Licht getaucht haben. „Da wurde richtig viel Geld in die Hand genommen“, so Rumpf. Grund genug für den Förderverein Stadtmuseum, die Fenster zurückzukaufen. Auf ihnen zu sehen sind Sagen und Motive der Region, aber auch historische Figuren (Markgraf von Baden, König Ruprecht), Ansichten der Burg Windeck oder der ominöse Grafensprung auf Burg Eberstein. Auch fratzenhafte Balkenköpfe aus Holz sind gut erhalten.

Opulente Feinarbeit: Die Bleiglasfenster. Hier die Burg Windeck als Motiv. Foto: Stadtgeschichtliches Institut/Archiv

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Opulente Feinarbeit: Die Bleiglasfenster. Hier die Burg Windeck als Motiv. Foto: Stadtgeschichtliches Institut/Archiv

Anders als zur üblichen Laufzeit (vier bis acht Wochen) soll die Ausstellung rund ein halbes Jahr dauern. „Das hängt nicht zuletzt davon ab, wie uns die Leihgaben zur Verfügung zu stehen“, erklärt Rumpf. „Jedenfalls kann ich mir schon vorstellen, dass das ein Renner wird und die Leute anspricht“, glaubt Rumpf. Nicht geringer ist die Hoffnung, dass noch das ein oder andere Original-Inventar auftaucht. „Viele Objekte vagabundieren noch in der Stadt. Die gilt es einzufangen.“

Der Abriss selbst war seinerzeit wohl unvermeidlich. „Es war für damalige Verhältnisse eine sehr kleine Gaststätte und es gab bestimmt Modernisierungsstau“, schätzt Rumpf. Für Sohnemann Ketterer war es wirtschaftlich offenbar nicht mehr lohnenswert. Ganz im Gegensatz zu Cornelius Göbbels, Metzgerei-Inhaber in London, der während seines Interimsgastspiels als Besitzer (1925 bis 1930) die urige Beize bei einem kostspieligen Umbau 1926 zur Burgstube umgemodelt, sprich dem Interieur das Ambiente einer altdeutschen Burg verpasst hat.

Dass Bühl überhaupt mit etlichen Gaststätten gesegnet war, liegt laut Rumpf unter anderem am Status als Markt-Stadt. „Der Ochsen, immerhin mit die älteste Wirtschaft, war für gutes Vesper bekannt und hatte ideale Lage, nebst Gästezimmer und Abstellmöglichkeit für Pferde und Wagen“, so Rumpf. Anekdotenreich werden die Museumsabende im musealen „Ochsen“ so oder so. „Jeder hat ja seine eigene Geschichte und seine Geschichten“, glaubt Rumpf. Als Termin ist jedenfalls das Spätjahr 2022 anvisiert. Vorausgesetzt, dass man dann nach wie vor im größeren Stil zusammenkommen kann.

Letzter Ochsenwirt: Ernst Ketterer.  Foto: Stadtgeschichtliches Institut/Archiv

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Letzter Ochsenwirt: Ernst Ketterer. Foto: Stadtgeschichtliches Institut/Archiv

Die andere Unwägbarkeit ist die Finanzierung. Zwar sind die entsprechenden Mittel in den Haushalt eingestellt, aber Sparzwänge könnte dem Ganzen schon auch noch einen Strich durch die Rechnung machen. Die Ausstellung selbst sollte ursprünglich bereits voriges Jahr laufen, quasi zum 50. Jahr des Abrisses, bis Corona alles verhagelte. Ohne kulinarischen Kontext macht auch eine Museums-Wirtschaft nunmal wenig Sinn.

Ihr Autor

BT-Redakteur Franz Vollmer

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Erstellt:
15. November 2021, 06:00 Uhr
Lesedauer:
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