Bühler „Plauderkiste“ ein Erfolgsmodell

Bühl (fvo) – Mit der Zunge löst sich auch der Knoten auf der Seele: Das ist das Erfolgsgeheimnis hinter dem Bühler Angebot der „Plauderkiste“. Ein Jahr besteht das Projekt nun schon.

Offenes Ohr für alleinstehende Senioren: Die „Plauderkiste“ hat sich aus Sicht von Julia Huber, Klaus Haßmann und Antje Jessen (von links) vollauf etabliert. Foto: Franz Vollmer

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Offenes Ohr für alleinstehende Senioren: Die „Plauderkiste“ hat sich aus Sicht von Julia Huber, Klaus Haßmann und Antje Jessen (von links) vollauf etabliert. Foto: Franz Vollmer

Verzweiflung ist bisweilen kein schlechter Ratgeber. Und jene 94-jährige Frau, die im vorigen Jahr das Ganze ins Rollen brachte, war durchaus verzweifelt. Keine Gymnastikgruppe, keine Kontakte, kein sozialer Austausch. Das ist durchaus ein trefflicher Grund, sich mal 45 Minuten über die Folgen der Pandemie zu echauffieren. Am besten im Rathaus, wo sonst? Die gute Dame traf – ihr Glück und das vieler anderer Senioren – auf eine verständnisvolle Mitarbeiterin namens Silke Wunsch vom Bühler Bildungsportal, die sich einfach mal Zeit nahm.

Es war die Geburtsstunde der „Plauderkiste“, jenem regelmäßigen Gesprächsangebot von Senioren für Senioren, das der Seniorenrat Bühl zusammen mit der Stadtverwaltung ins Leben gerufen hat und das man bereits nach einem Jahr als Erfolgsgeschichte bezeichnen darf. Die Resonanz ist positiv.

Vereinsamung hat sich verstärkt

„Rund 200 Stunden Bereitschaften, sprich Beratungsstunden sind binnen eines Jahres zusammengekommen“, berichtet Sprecher Klaus Haßmann, der zusammen mit Antje Jessen das Angebot steuert und mitgestaltet. Zusammen mit Helmut Adam, Uwe Doderer, Anne Kiefer und Günter Maier bilden sie ein Team von ehrenamtlichen Mitarbeitern, das sich an zwei Terminen die Woche (dienstags und freitags von 15 bis 17 Uhr) als Redepartner zur Verfügung stellt. Erreichbar unter den städtischen Nummern (07223) 935371 und -372. Die Nachfrage ist zwar, der zwischenzeitlich rückläufigen Pandemie geschuldet, leicht gesunken, dürfte aber in den dunkleren Jahreszeiten sicher zunehmen.

„Vereinsamung und Isolation ist natürlich ein gesellschaftliches Problem, aber in Corona-Zeiten hat sich das Ganze noch mal verstärkt. Von daher war klar, dass wir was tun müssen“, erzählt Julia Huber, Leiterin des Bereichs Kultur-Sport-Generationenarbeit. Gerade in den Pflegeheimen wurden die sozialen Angebote bekanntlich radikal zurückgefahren, ganz davon abgesehen, dass das Personal beim üblichen Zeitdruck ohnehin meist nur für die notwendigen Dienste Muße hat. „Und da tut es dann schon gut“, so Jessens Erfahrung, „mal eine neutrale Person auch außerhalb der Familie zu haben, der man die eigene Lebensgeschichte erzählen kann oder die als Seelentröster fungiert.“ Wobei die Plauderkiste wohlgemerkt explizit auch an alleinlebende Menschen adressiert ist, die etwa darunter leiden, dass die Kinder weggezogen sind, oder – leider auch oft der Fall – sich wenig um ihre Verwandtschaft kümmern.

Allerdings betonen beide, dass man nicht die Rolle der Telefonseelsorge erfüllt. „Wir sind keine Beratungsstelle, sondern wollen uns einfach mit denen unterhalten, die Rede- beziehungsweise Gesprächsbedarf haben“, erklärt Haßmann. Dabei geht es vor allem um die Kunst, wirklich aktiv zuzuhören. „Es gibt viele, die reden, aber nur wenige, die richtig zuhören können“, umreißt Jessen eine wichtige Grundkompetenz. Man gebe zwar schon mal einen Kommentar oder – eher selten – einen Ratschlag, etwa jenen, stets die eigene Familie einzubeziehen.

„Das Gefühl, dass jemand Zeit hat“

„Aber das Wichtigste ist, dass die Anrufer selbst zum Sprechen kommen und das Gefühl bekommen: Hier ist jemand, der Zeit für mich hat. Das schafft schon eine gewisse Gelassenheit und wird dann auch sehr wertgeschätzt“, so Jessen.

Konkrete Auflagen gibt es nicht. Wer will, darf anrufen und sprechen, so lange er mag. Das dauert mitunter auch schon mal eine Stunde, erzählen die Initiatoren, wobei irgendwann dann schon der Punkt kommt, wo es gut ist und die dankbare Bemerkung „Jetzt bin ich aber froh, dass ich mal mit jemanden reden konnte“ fällt. Jener Punkt eben, bei der sich mit der gelösten Zunge auch der Knoten der seelischen Einsamkeit löst.

Zur gegenseitigen Stärkung, aber auch zur Optimierung des Angebots tauschen sich die Gesprächsanbieter einmal die Woche per Videokonferenz aus – „Palim! Palim!“ sei Dank. Namen der Anrufer werden nicht notiert. Auch statistische Erhebungen sind kein Thema. Dass der überwiegende Teil der Ratsuchenden – in der Regel 70 aufwärts – weiblich ist, liegt in der biologischen Natur der Sache. „Es gibt auch Stammkundinnen, die an frühere Gespräche anknüpfen“, berichtet Jessen. Dabei reift wie bei einer älteren Dame aus Baden-Baden mitunter auch der Wunsch, dass man sich mal persönlich trifft.

Angebot wird beibehalten

Den Titel „Plauderkiste“ selbst empfinden beide Seiten zwar nicht ganz optimal. Immerhin gibt es schon auch Gespräche, die wenig mit Friseurtermin oder Stammtischlevel gemein haben, sondern durchaus an die Substanz gehen, etwa im Dialog mit schwerkranken Menschen, berichtet Haßmann. „Es sollte halt ungezwungen und leicht klingen“, so Jessen, als niederschwelliges Angebot, um ins Plaudern zu kommen. Aber natürlich gebe es auch genug positive Geister, bei denen sich der Smalltalk um Gott und die Welt dreht. Und sei es nur um das Lamento, dass das Essen im Heim immer kalt sei. Auch suboptimal ist die Tatsache, dass man nicht jedes Mal denselben Gesprächspartner bekommt. Das sei dienstplantechnisch nicht zu ändern, erklärt Haßmann.

Das Angebot selbst lebt bis dato vor allem durch Mund-zu-Mund-Propaganda und Flyer, so Haßmann. „Wir hätten unser Angebot auch gerne direkt in den Alten- und Pflegeheimen vorgestellt, aber das war bis jetzt nicht möglich“, bedauert Jessen. Wie der Bedarf sich weiterentwickelt, ist laut Haßmann noch nicht abzusehen. Das Angebot will man auf jeden Fall weiter beibehalten, auch in der Frequenz, gegebenenfalls erweitert um andere Formate wie den Anrufbeantworter, bei dem auf Wunsch zurückgerufen wird. Auch die telefonische Ebene wird bleiben, die Affinität zu digitalen Medien ist in der betreffenden Alterssparte doch eher gering. Bei der Stadt ist man laut Huber jedenfalls „froh, dass sich so viele Helfer gefunden haben“, spricht sie von einem „echten Mehrwert für Bühl“.

Ihr Autor

BT-Redakteur Franz Vollmer

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Erstellt:
19. August 2021, 11:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 49sec

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