Bühler Schüler beschäftigen sich mit Rassismus

Bühl (fvo) – „Jeder von uns ist ein ganz eigener Mix“: Das ist das Credo von Buchautor und Sozialaktivist Ali Can. Er stellte sich in der Bachschlosshalle Bühl Schülerfragen zum Thema Rassismus.

„Wir alle haben Vorurteile. Aber die sind wie Schubladen, damit kann man arbeiten“: Ali Can bei seinem Vortrag in der Bühler Bachschlossschule.  Foto: Franz Vollmer

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„Wir alle haben Vorurteile. Aber die sind wie Schubladen, damit kann man arbeiten“: Ali Can bei seinem Vortrag in der Bühler Bachschlossschule. Foto: Franz Vollmer

Messi oder Ronaldo? Sicher nicht die zentrale Frage. Aber selbst Debatten über „Nutella mit oder ohne Butter?“ führen bei Buchautor und Sozialaktivist Ali Can oft mitten ins Thema. Mit Vorurteilen aufräumen, Klischees aufdecken, Denkstrukturen aufbrechen – das steht im Fokus seines biografisch motivierten Kampfs gegen Rassismus und Diskriminierung, der ein entschiedener, aber doch sehr behutsamer ist.

Deutsch, türkisch oder kurdisch – wie er sich fühle, wollten Schüler am Montag in der Bachschlossschule wissen. „Die Frage ist interessant“, so Can, sei aber nicht ganz stimmig. „Ich bin alles gleichzeitig. Ich ersetze das Oder gerne durch ein Und.“ Klar habe er oft das Gefühl, zwischen den Stühlen zu sitzen, „aber ich kann die Stühle wechseln“. Die Botschaft des Morgens war jedenfalls klar und sie wurde dankbar aufgenommen von den 80 Schülern der Aloys-Schreiber-Schule, Carl-Netter-Realschule und Bachschlossschule, die Fragen vorbereitet hatten – und Antworten bekamen. Rassismus wird nicht vererbt, sondern erlernt, lautet Cans Credo. Also – so sein optimistischer Blick auf eine verbesserungsfähige Welt – kann man es wieder anders lernen.

Immerhin hat der gebürtige Türke mit alevitischer Abstammung, der seit dem zweiten Lebensjahr in Deutschland lebt, einiges zu erzählen. Von etlichen Momenten der Ausgrenzung etwa auf Ämtern („Lernen Sie erstmal Deutsch“), ständiger Angst vor Abschiebung bis hin zum beneidenswert gelassenen Umgang mit Morddrohungen, die ihn begleiten, seit er 2018 den Hashtag „#MeTwo“ startete. „Klar, habe ich Angst, aber ich habe damit gelernt zu leben“, versichert der 27-Jährige aus Pazarcik. Fakt ist jedenfalls: „Es gibt ein großes Bedürfnis, über derlei Erfahrungen zu reden“, weiß er. Wertvoll für die Schülerinnen und Schüler vor allem Strategien, wie man als Betroffener mit Situationen im Alltag angemessen umgeht.

Es sei einfach klasse, von jemandem zu lernen, der „mehr Erfahrung hat, als wir alle. Man kann sich ihn als Vorbild nehmen“, fand Zehntklässlerin Kardelen. Auch für Lisa und Valentina tat es gut zu wissen, dass man „nicht allein mit dieser Erfahrung“ sei, die Schilderungen könne jeder nachvollziehen. „Ich habe manches davon auch erlebt“, bestätigt eine weitere Mitschülerin fast leise.

„Rassismus und Ausgrenzung ist für viele hier ein Thema“, weiß Christine Schmelzle, Sozialarbeiterin vom DRK Bühl/Achern, die mit Lisa Horcher, Integrationsbeauftragter der Stadt, und Lehrerin Judith Fecht die Veranstaltung im Rahmen der Interkulturellen Wochen organisiert hat. Trotz Einrichtungen wie Café International gebe es noch viel Unwissen. Viele erleben einen täglichen Zwiespalt zwischen Elternhaus und Schule. Umso wichtiger, den Schülern etwas mit auf den Weg geben.

Dabei machte Can auch deutlich, dass rassistische Verletzungen nicht nur emotional schmerzen und krass viel Kraft kosten, sondern man auch oft einen konkreten Nachteil hat – ob bei Notengebung oder Arbeitssuche. „Man hat doppelten Schaden.“ Umso wichtiger, Betroffenen beiseitezustehen, sie zu begleiten, an die Öffentlichkeit zu gehen, solidarisch zu sein. Dass das Courage erfordert, weiß Can nur zu gut. Ganz zu schweigen von der Bereitschaft zum Dialog mit Unbelehrbaren. „Es gibt eine Rote Linie“, dann heißt es, sich selber schützen.

Allerdings ist Can auch positiv gestrickt, um stets konstruktive Wege zu finden. Das schon mit 16, als ihm mal der Eintritt zur Disco verwehrt wurde mit der fadenscheinigen Begründung „es ist voll“. Die Wahrheit war, dass „meine Herkunft nicht reinpasste“. Eine erniedrigende Erfahrung. „Ich wäre am liebsten im Erdboden versunken“, so Can. Es war das auslösende Moment, sich das Thema zur Lebensaufgabe zu machen. Erste kreative Verarbeitung war ein nächstens verfasstes Gedicht – der Titel „Schubladenkacke“. „Dinge aufschreiben, sich von der Seele reden, Probleme irgendwie sichtbar machen – das kann alles helfen.“

„Vorurteile sind wie Schubladen“

Für ihn selbst war es die Einrichtung einer „Hotline für besorgte Bürger“, um Berührungsängste abzubauen. „Mir ist es lieber, dass man mit mir redet statt über mich.“ Nicht zuletzt hat er in Essen ein Vielrespektzentrum aufgebaut mit Räumen, wo Toleranz gelebt wird – in Form von Vorträgen, Konzerten, Film, Tanz, Lesung.

Wichtig sei vor allem, immer „darüber zu reden“, zu kommunizieren mit Verwandten, Vereinen, Antirassismusbüros und sich das Ganze auch nicht kleinreden lassen. Wichtig sei aber auch, an sich selbst zu arbeiten und jenseits der elterlichen Prägung selbstkritisch zu sein. „Wir alle haben Vorurteile. Aber die sind wie Schubladen, damit kann man arbeiten“, schärfte er den Sinn für beleidigende Sprache und Pauschalisierungen. Letztlich müsse man sich gegenseitig eine Chance geben und verletzende Erfahrungen so verwandeln, dass „aus Schmerz Stärke wird“. Sein Fazit jedenfalls war ein feiner Abgesang auf jegliche Leitkulturdebatte: „Ihr seid so viel mehr als das, was in eurem Pass steht. Jeder von uns ist ein ganz eigener Mix.“

„Das Thema ist für viele Tagesordnung“, weiß Schulleiterin Constanze Velimvassakis. Von daher sei es gerade als „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ ein besonderes Anliegen, sich damit auseinanderzusetzen. „Jeder hat seine eigene Geschichte, umso wichtiger ist, Werte wie Toleranz und Respekt zu prägen und wertzuschätzen“, so die Pädagogin, das schaffe zudem ein gutes Lernklima. Wobei ein gutes Herz laut Can ohnehin nicht im Zeugnis steht. Es sei aber das, was zählt.

Ihr Autor

BT-Redakteur Franz Vollmer

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Erstellt:
5. Oktober 2021, 11:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 38sec

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