Bühler „Schwarzwald-Italiener“ wird zum „Corona-Helden“

Bühl (mf) – Fausto Ginetto im Porträt: Gastronom und Fußballer – und jetzt in der Corona-Zeit als Helfer in der Not ausgezeichnet.

Bekannte Bühler Gesichter: Fausto Ginetto und Ehefrau Helga – seit 50 Jahren auf dem Bühler Johannesplatz zuhause.  Foto: Martina Fuß

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Bekannte Bühler Gesichter: Fausto Ginetto und Ehefrau Helga – seit 50 Jahren auf dem Bühler Johannesplatz zuhause. Foto: Martina Fuß

Fausto Ginetto ist sprachlos – und das passiert nicht oft. Als er die Tür seines Wohnhauses auf ein Klingeln hin öffnet, steht er einem Kamerateam gegenüber. Er ist komplett überrascht, als ihm der Radiomoderator einen „Corona-Helden-Preis“ überreicht: Eine Medaille, Eintrittskarten für die Caracalla-Therme und 500 Euro.
Was war geschehen? Erst nach und nach wird Fausto Ginetto klar, um was es geht. Einige Tage zuvor wollte er in einer Tankstelle in Bühl eine Zeitung kaufen. Er bemerkte, dass die Kassiererin wohl ein medizinisches Problem hatte. „Sie zitterte, schwitzte und hielt sich krampfhaft am Tresen fest, war überhaupt nicht ansprechbar“, erinnert sich Ginetto. Andere Kunden verweigerten der Frau die Hilfe mit dem Hinweis, sie könnte Corona haben. Ein Mann sagte, er werde die Polizei benachrichtigen und machte sich auf und davon.

Nicht so der Bühler Corona-Held Fausto Ginetto. Aus seiner Sicht brauchte es keine Polizei, sondern einen Arzt. Nachdem er von den anderen Kunden offensichtlich keine Unterstützung erwarten konnte, rief er selbst den Notarzt und blieb bei der Frau, bis ärztliche Hilfe eintraf. Bis es so weit war, regelte er die Lage in der Tankstelle, informierte Kunden über die Situation und achtete auf die Erkrankte.

Aus Dankbarkeit Suche nach dem Helfer

Der Frau geht es mittlerweile gut, und in Dankbarkeit fragte sie in den Tagen darauf jeden nach dem Herrn, der ihr geholfen hatte. Bis sie auf Ginettos Enkel traf: „Das war mein Opa.“ Das Dankeschön zelebrierte sie dann mithilfe des Radiosenders Neue Welle und seiner Aktion „Corona-Helden“. „Jeder in Bühl spricht mich darauf an, obwohl es doch eine Selbstverständlichkeit ist, zu helfen“, beschwichtigt Fausto Ginetto. „Das haben wir schon als Kinder zuhause so gehandhabt.“ Zuhause – das ist das Piemont, wo er aufgewachsen ist. Die Eltern hätten den fünf Kindern früh schon beigebracht, anderen zu helfen.

Während er über sein Leben als „Schwarzwald-Italiener“ berichtet, sitzt er in einer Eisdiele auf dem Bühler Johannesplatz, dessen Erscheinungsbild er über viele Jahre mitgeprägt hat. Dabei geht es zu wie auf einer italienischen Piazza. Viele kennen Fausto, grüßen, bleiben auf ein Wort oder einen Espresso am Tisch. Der eine Freund geht, der andere kommt. Fausto Ginetto ist in Bühl ein bekanntes Gesicht.

Als er 17-jährig im Jahr 1966 zum ersten Mal badischen Boden betritt, um in einem Hotel in Baden-Baden zu arbeiten, spricht er kein einziges Wort Deutsch. Nach zwei Wochen harter Arbeit will er nach Hause, wird aber von seinem Umfeld sehr gestützt und bleibt. Sein Vater hatte ihn schon mit 14 Jahren das erste Mal nach Deutschland und in die Schweiz geschickt, um zu verhindern, dass er bei Juventus Turin Fußball spielte. Der Verein hatte bei dem jungen Talent schon angeklopft.

Der Erste, der Tische im Freien aufgestellt hatte

„Überall, aber nicht bei Juventus“, war die Ansage des Vaters. Einmal in Baden-Baden angekommen, findet er in den badischen Vereinen Anschluss. Er spielt in Leiberstung, dann in Eisental und Bühl und schließlich in Bühlertal. „Ein skandalöser Wechsel war das“, erinnern sich die Tischkollegen auf dem Johannesplatz. Beruflich und privat folgt der entscheidende Schritt durch eine Aushilfstätigkeit in der Eisdiele „Italia“. Der junge Italiener lernt Helga kennen, die schon bald darauf seine Ehefrau wird. Im März 2020 haben die beiden ihre goldene Hochzeit gefeiert.

1970 übernimmt Ginetto die Eisdiele und führt sie 25 Jahre lang. Er baut zusammen mit den Nachbarn die drei Gebäude um, die heute das „Italia“, die benachbarte Apotheke und den „Platzhirsch“ beherbergen. Anfang der 80er Jahre sei er der Erste gewesen, der Tische ins Freie gestellt habe, erinnert er sich. Zehn Jahre lang führte er zusätzlich den beliebten Fußballertreffpunkt, das Bistro „Chez Fausto“, gegenüber im Gebäude der Metzgerei Vogt.

2001 dann eine neue Herausforderung. Die Burg Windeck sucht einen Restaurantleiter und Fausto Ginetto greift zu. 17 Jahre lang arbeitet er auf dem Bühler Hausberg, bis 2018 endgültig Schluss ist mit dem aktiven Berufsleben. Na ja, fast. Im Illenau-Bistro in Achern hilft er jetzt ab und zu aus. Nur auf dem Johannesplatz sitzen, reicht ihm eben nicht aus. Und die 500 Euro Belohnung für den „Corona-Helden“ hat er gerne angenommen: „Ich habe vier Enkelkinder und eine Urenkelin, da ist das Geld schnell verteilt.“

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Erstellt:
17. Juli 2020, 07:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 14sec

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