Bühler Tanzschule „Lets Dance“ schließt

Bühl (fvo) – Einen traurigen Ausklang nach 29 glücklichen Jahren gibt es bei der Bühler Tanzschule „Lets Dance“. Dort sieht die Inhaberin keine Perspektive mehr zum Weitermachen.

Schweren Herzens: Martina Naber-Kreidenweis muss ihre Arbeit aufgrund der Corona-Lage aufgeben. Foto: Franz Vollmer

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Schweren Herzens: Martina Naber-Kreidenweis muss ihre Arbeit aufgrund der Corona-Lage aufgeben. Foto: Franz Vollmer

Am Ende hilft auch Friedrich Nietzsche nicht mehr. „Man muss das Leben tanzen“, hat der Philosoph mal geäußert. Ein Spruch, den sich Martina Naber-Kreidenweis nicht nur beruflich zu eigen gemacht hat. Doch wie man mit einer privaten Tanzschule eine Pandemie überstehen soll, hat der Philosoph leider nicht gesagt. Mangels Perspektive muss sie schweren Herzens ihre Tanzschule „Lets Dance“ im Bühler Norden zum Monatsende aufgeben – nach 29 Jahren.

Das Coronavirus lässt der Tanzpädagogin und -therapeutin keine andere Wahl. Ein Einschnitt, der schon dem Einsturz eines Lebenswerkes gleichkommt. „Ich habe lange mit mir gehadert, alles versucht, aber ich sehe momentan keine Perspektive mehr zum Weitermachen“, klagt die 56-jährige Bühlerin. Und in ihrer Stimme klingen gleichermaßen Trauer, Wut, Verzweiflung und Ärger, aber eben auch Resignation mit. „Ich habe für die Tanzschule über viele Jahre alles gegeben, oft Tag und Nacht gearbeitet und auf sehr viel verzichtet.“

Insgesamt sechs Monate Lockdown hat die Tanzbranche nun hinter sich, „für uns als Kleingewerbe ist das natürlich der Garaus.“ Zumal man bei den Ersten war, die schließen mussten, „und wir werden sicher die Letzten sein, die wieder aufmachen dürfen“, ahnt Naber-Kreidenweis und lässt den Blick resigniert über den abgeklebten Boden und das Mobiliar ihres angemieteten 140-Quadratmeter-Studios streifen.

Vernunftentscheidung bei blutendem Herzen

300 Zöglinge hatte ihr Institut mal in Spitzenzeiten, eine komfortable Zahl, „es lief mehr als erfolgreich“, zuletzt war die Zahl nicht mal mehr dreistellig. Bereits im ersten Lockdown standen Kündigungen immer weniger Neuanmeldungen gegenüber. Schnuppergruppen Fehlanzeige. Im Sommer, ob der Wärme ohnehin „eine schlechte Jahreszeit“, konnte man noch hoffen auf den Herbst, doch der Hoffnungsfunken erlosch abrupt am 1. November mit dem Soft-Lockdown. Zuletzt ging nur noch Online-Unterricht. Und die vage Aussicht auf „Eventuell-Zusagen“. Doch von Eventualität ist schlecht zu leben.

„Ich habe alle Register gezogen, bis hin zur IHK. Jeder Tag war ein Kampf, eine Suche, woher noch Hilfe kommen könnte“, berichtet Naber-Kreidenweis. Doch irgendwann kommt der Punkt, an dem man einsieht, dass es ein Abschied auf Raten wird. Anfang Februar sei die Entscheidung gefallen. Eine Vernunftentscheidung bei blutendem Herzen. „Ich habe die Tanzschule durch etliche Stürme geführt“, so die Inhaberin mit einem Funkeln in den Augen. Nach Zwischenstationen in der Heidlaufstraße und dem jetzigen Cap-Markt war man zuletzt im Workout-Gesundheitspark (Steinfeldweg) untergebracht. „Jetzt bin ich einfach wahnsinnig enttäuscht.“

Zumal die Pandemie auch für ihr Mitarbeiterteam Konsequenzen hat. Zuletzt gab es mit Luisa Früh nur noch eine Auszubildende, die sich nun nach eineinhalb Jahren ebenfalls neu orientieren muss. Stammkraft Linda Trautmann, elf Jahre fest an Bord, musste bereits im März 2020 aussteigen.

Stets um ganzheitlichen Ansatz bemüht

Nichtsdestotrotz spricht Naber-Kreidenweis von „29 schönen Jahren“, gespickt mit unzähligen Indoor- und Outdoor-Auftritten ihrer jungen Eleven, von Weihnachtsmarkt bis Late-Night-Shopping. Im Fokus standen Ballett ab vier Jahren, Modern Dance und klassischer Jazz. Wobei Naber-Kreidenweis einen ganzheitlichen Ansatz verfolgte. „Mir war es immer wichtig, nicht nur Technik zu vermitteln, sondern ein Stück Heimat – einen geschützten Raum bieten, in dem die Kinder sich mit ihren kleinen Seelen ungestört entwickeln können.“ Kinderarbeit mit ganzem Herzen sozusagen und mit der Option, „jenseits von Angst und Leistungsdruck an der eigenen Persönlichkeit zu arbeiten.“ Weshalb sie parallel auch eine dreijährige Zusatzausbildung in kreativer Therapie absolvierte: „Ich habe gemerkt, dass Kinder mehr brauchen als nur reine Vermittlung von Tanztechnik.“ Ein Angebot, das künftig fehlen wird.

Einen Hoffnungsschimmer sieht Naber-Kreidenweis nicht mehr, die nötige Schallmauer von 200 Kursteilnehmer nochmal zu erreichen. „Es gäbe nur eine Chance, wenn man die Pandemie richtig in den Griff bekäme.“ Denn die Öffnungslizenz alleine reicht ja nicht. „Notwendig wäre, dass die Leute keine Angst mehr haben.“ Doch daran sei im Moment ja nicht zu denken.

Viel Zuspruch erhalten

Immerhin, an Zuspruch und aufbauenden Rückmeldungen mangelt es nicht, wo sie doch ganze Generationen an Bewegungsbegeisterten betreute. „Das war schön und tat gut. Ich hatte ja zuletzt Kinder, bei denen schon die Mütter getanzt haben“, so Naber-Kreidenweis. Das verbindet. Dennoch bleibt das traurige Gefühl, dass die Außenwelt von der „existenziellen Not“ nicht wirklich viel mitbekommt.

Eine Option wäre natürlich gewesen, einen Kredit aufzunehmen oder die Altersabsicherung anzuknabbern. „Aber solche Dinge macht man vielleicht noch mit 35.“ Wie es für sie persönlich weitergeht, kann sie derzeit noch nicht abschätzen. „Ich muss jetzt erstmal runterkommen.“ Und vermutlich viel über Nietzsche nachsinnen.

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Erstellt:
27. Februar 2021, 06:30 Uhr
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