Bühler Tüftler erfindet klappbaren Radanhänger

Bühl (fvo) – Praktisches Helferlein jenseits der Norm: Der Bühler Alfred Hofer hat einen zusammenklappbaren Radanhänger kreiert – und zwar aus 50 Einzelteilen und mit viel Handarbeit.

Leichte Begleitung: Der ausfahrbare Radanhänger von Alfred Hofer wiegt nur knapp über fünf Kilogramm. Er hat auf dem Gepäckträger Platz. Foto: Hofer

Leichte Begleitung: Der ausfahrbare Radanhänger von Alfred Hofer wiegt nur knapp über fünf Kilogramm. Er hat auf dem Gepäckträger Platz. Foto: Hofer

Bühl – Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an, wissen wir von Udo Jürgens. Und mit 88 Jahren hört es noch lange nicht auf. Das wissen wir von Alfred Hofer, umtriebiger Rentner und passionierter Tüftler aus Kappelwindeck. Sein kreatives Alterswerk: Ein zusammenklappbarer zweirädriger Fahrrad-Anhänger made im heimischen Keller, der einkaufslogistisch wertvolle Dienste erweist und einen halben Kofferraum ersetzt.
Not macht erfinderisch. Und die Not ist groß, wenn die versammelte Verwandtschaft zur Verköstigung anrückt und der Großeinkauf ansteht. Die liebe Großfamilie im Hause Hofer umfasst immerhin einen Sohn, eine Tochter, acht Enkelkinder und einen Urenkel – nebst dem Nachwuchs seiner Frau. Und die Not wird noch größer, wenn man gerade kein Auto hat, weil man genauer gesagt ein Leben lang schon kein Auto besessen hat. Was also tun? Aus der Not eine Tugend machen natürlich und sich selbst einfach ein „Anhängsel“ backen, das alle Rücksäcke, Fahrradkörbe und Aufsätze vor Neid erblassen lässt.

„Die Idee hatte ich schon länger“, beschreibt der gebürtige Ostberliner, der sein Berufsleben in Dresden verbracht hat und unmittelbar nach der Wende (1990) seiner Frau und deren Verwandtschaft ins Badische gefolgt ist, sein „Einkaufsrad“. Dank einem einfachem Kupplungs-Stecksystem wird das Anhängermodul einfach ans Fahrrad „aufgepfropft“ und kann nach getaner Arbeit bequem auf dem Gepäckträger verstaut werden. Ein klarer Fall von alltagstauglich alias „von der Praxis – für die Praxis“. Die marktüblichen Anhänger-Modelle haben ihn jedenfalls nicht überzeugt: Zu sperrig, zu unpraktisch, „unhandliche Gesellen“ eben, die stets extra angekuppelt werden und in der Garage verstaut werden wollen. Geht’s nicht einen Tick einfacher? Geht es.

Aktiver beitrag zur Klimapolitik

Nach anfänglichen Rohvarianten mit einem Einkaufstrolley, den er sich unorthodoxerweise, aber höchst effektiv mit einem Lederriemen schräg ans Hinterteil seines Rades befestigt hatte („Das ist immerhin nicht umgekippt“), musste eine professionellere Lösung her. Zumal sich der Trolley schlecht auf dem Gepäckträger fixieren lässt. Und so wurde weitergetüftelt im heimischen Keller, der zum Leidwesen seiner Frau längst sein zweites Wohnzimmer geworden ist. Herauskam letztlich ein Leichtmetallgestell, das trotz bescheidener 5,5 Kilo Eigengewicht Tragepotenzial für Lasten von mindestens 30 Kilogramm, schätzungsweise gar bis 50 Kilo aufweist. Für Hofer nicht zuletzt ein aktiver Beitrag zur Klimapolitik – gerade mit Blick auf die Parkplatznot vor Supermärkten durchaus nachahmenswert.

Erste Reaktionen im privaten Umfeld waren positiver Natur. „Da haben schon einige gestaunt und fanden es sehr interessant“, berichtet Hofer. So interessant, dass man ihn mehrfach ermunterte, das Ganze beim Deutschen Patentamt einzureichen samt obligatorischer Beschreibung. Gesagt, getan, im September 2019 wurde die „Kreation“ als geschütztes Gebrauchsmuster eingetragen. Auch bei Einkaufsfahrten sei er vereinzelt auf den Prototypen angesprochen worden, berichtet Hofer stolz. Was ihm jetzt noch fehlt zum Glück, wären nicht weitere Schulterklopfer, sondern ein Unternehmer oder ein Betrieb, etwa aus dem metallverarbeitenden Gewerbe, der als Partner mit auf den Zug aufspringt, sprich die nötigen Zusatzkomponenten herstellt und technischen Vorarbeiten übernimmt. Immerhin: Der ADFC Baden-Baden/Bühl ist mental schonmal mit im Boot und hat seine „Erfindung“ auf der Homepage verewigt nebst technischer Detailbeschreibung.

Ansonsten hat Hofer schon rund ein Dutzend Firmen kontaktiert, allerdings „bisher nur Absagen bekommen“. Mit Rückschlägen umzugehen ist der gelernte Betriebswirtschaftler, der unter anderem in der Forschung (Anfänge der EDV), im Bauwesen und der Verpackungs-Industrie tätig war, allerdings gewohnt. Dies spätestens seit er an der Verkehrshochschule kurz nach dem Mauerbau 1962 entlassen wurde – als angeblicher Regime-Abweichler sprich wegen „Verletzung der staatsbürgerlichen Pflichten“. „Ich bin früher immer wieder angeeckt, schon in der FDJ“, berichtet er nicht ohne Stolz. Wirklich verbrochen hatte er nichts, außer „meine eigene Meinung kundgetan“. Das kann in einem sozialistischen Regime schon zuviel des Guten sein. Normabweichung eben wie beim Radanhänger.

„Bewusst gegen ein Auto entschieden“

Hofers Auto-Losigkeit war im Übrigen nur bedingt freiwillig. Die Weichenstellung pro Zweirad stammte aus DDR-Zeiten, als man dort noch zehn Jahre auf einen Autokauf warten musste. Das mit der Fahrerlaubnis ging zwar noch relativ schnell – alles in allem rund drei Jahre. Doch als Hofer endlich seinen Führerschein in der Tasche hatte, war die obligatorische Anmeldung für den Autokauf nicht mehr präsent. Tragische Sache. Irgendwann wird man dann halt auch in der DDR des Wartens überdrüssig. „Wir haben uns aber auch bewusst gegen ein Auto entschieden. Denn es geht ja schließlich alles ohne“, findet Hofer.

Natürlich müsste er jetzt werbetechnisch die große Trommel rühren, sprich bei Firmen und Betrieben auf – neudeutsch gesagt – Promotingtour gehen. Ein Dilemma. Denn wohlwissend, dass noch einiges an Entwicklungsarbeit drinsteckt etwa bei der Sicherheitsthematik, ist er eigentlich lieber am Tüfteln interessiert. „Ich bastele halt furchtbar gerne“, sagt er fast entschuldigend. So doktert er bereits seit geraumer Zeit am Nachfolgemodell herum. Die „next Generation“ ist ein Kasten aus Plastik, wesentlich simpler und leichter in der Herstellung und darum vielleicht auch näher an der Serienreife, wobei noch die Frage ist, wie kompatibel Plastik und Alu als Verbindung sind. Kontakt mit einem Plastikhersteller hat er jedenfalls schon mal aufgenommen.

Der bisherige erste Entwurf ist schließlich enorm aufwendig. „Da stecken ja rund 50 bis 60 Einzelteile drin und eine Menge Handarbeit“, berichtet Hofer. „Hochpräzisionsarbeit“, die sicher kein Mensch bezahlen wolle. Einen Orden von der Radkulturkommune Bühl oder eine Umweltschutz-Prämie von Vater Staat erwartet der Wahl-Badener nicht gerade, der auch heute noch täglich jede Menge Kilometer auf dem Drahtesel herunterreißt und das nicht nur zum Einkauf. Auch finanzielle Interessen plagen ihn nicht mehr. „Das brauche ich alles nicht“, versichert Hofer. Ihm würde schon genügen, wenn die Idee an sich einfach breitere Anwendung fände. Und das gerne noch, bevor er 99 ist.

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Erstellt:
17. Juni 2020, 21:15 Uhr
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