Bühler erfolgreich als Künstlerflüsterer

Bühl (fvo) – Lothar Böhler hat sich mit einer Konzert- und Managementagentur einen Namen gemacht.

Konzertveranstalter Lothar Böhler gibt sich trotz Pandemie zuversichtlich. Foto: Franz Vollmer

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Konzertveranstalter Lothar Böhler gibt sich trotz Pandemie zuversichtlich. Foto: Franz Vollmer

Es gibt Tage, da steht selbst Lothar Böhler nicht der Sinn nach Musik. Und das will schon was heißen für einen hauptamtlichen Bassisten der „Feldberger“. Heiligabend ist so ein Tag, was man auf den ersten Moment nicht vermuten würde. Doch Lothar Böhler ist eben vor allem Konzert- und Veranstaltungsmanager in Sachen Volksmusik, und wer 364 Tage im Jahr auf Achse ist, laut Homepage gar „rund um die Uhr geöffnet“ hat, macht Weihnachten gerne mal auf easy going.

Ergo: Christmette ja, Hausmusik nein. „Da ist man froh, wenn man im Kreis der Familie die Füße hochstrecken kann“, blickt der 50-jährige Wahl-Kappelwindecker auf die Feiertage zurück.
Die Heimeligkeit steht auf dem Regal. „H-O-M-E“ prangt dort in Form von vier dicken Holzlettern. Auf dem Sofa ist es weniger gemütlich, dort stapeln sich Plakate und Flyer, die keine Abnehmer mehr fanden. Corona – mal wieder. „Die sind noch von der aktuellen Weihnachtstournee. Die sind jetzt natürlich wertlos“, so Böhler mit gequältem Lächeln. Schon vor dem Lockdown im März hatte man mit dem „Südtiroler Heimatstern“ prophylaktisch eine Tour verschoben. Ausgebremst auf voller Fahrt. Da heißt es Moral zeigen. „Jammern bringt auch nix“, findet Böhler. Das Lamento ist ohnehin eine Vortragsart, die seiner Schwarzwälder Frohnatur fremd ist. Er blickt lieber nach vorne.

Seit 1987, also seit 33 Jahren, ist der gebürtige Bonndorfer in Sachen Volksmusik unterwegs. Der Radius reicht bis Hessen und in die neuen Bundesländer, Fokus aber ist „zu 75 Prozent“ das Ländle. Begonnen hat sein Organisationstalent, als er mit 16 bei den Feldbergern einstieg und gesehen hat, dass man vieles lieber selber in die Hand nimmt – ein Job, der „offenbar Potenzial hat“. 2000 hat Böhler dann die Konzert- und Managementagentur „artmedia“ gegründet und seither mit den ganz großen Fischen der Volksmusik zu tun: Patrick Lindner, Stefan Mross, Hansi Hinterseer, Geschwister Hofmann – eine illustre Sammlung von 40 Formationen, mit denen man regelmäßig zusammenarbeitet. Satte 250 Konzerte kommen pro Jahr zusammen verbunden mit dem Ehrgeiz, den Musikern nicht nur bei Hallenbuchung, Ticketverkauf, Pressearbeit, Einlass und Drehbuch oder Bühnenbild den Rücken freizuhalten, sondern auch bei den meisten Events vor Ort präsent zu sein.

„Schon eine hohe Schlagzahl“

Das ist, trotz der Experten, die man sich dazu holt, „schon eine hohe Schlagzahl“, weiß Böhler, und gehe auch „nur, wenn man mit ganzem Herzen dabei ist, sprich wenn man diese Musik lebt.“ Zeitlich gegenrechnen dürfe man den Aufwand sicher nicht.

Böhlers strategischer Vorteil, den auch seine Schützlinge schätzen: Er kennt das Metier von beiden Seiten her. „Ich weiß, was alles schief laufen kann beim Auftritt“, sagt Böhler – und das sei eine Menge. Jedenfalls weiß er, wie Musiker ticken, auf was sie Wert legen, was manchmal Banalitäten sein können wie Hotel oder Frühstück. Ganz zu schweigen vom direkten Draht zu den Fans, den man „als Veranstalter so nicht hat“, kommentiert er sein Doppelleben als aktiver Musiker (auch Posaune und Kontrabass) und Künstlerversteher. Der Titel „Veranstalter des Jahres“ zum Firmenjubiläum in der Sparte Konzert und Tournee, Bereich Schlager/Volksmusik, kommt nicht von Ungefähr, auch wenn das Kompliment etwas seltsam anmutet derzeit. Die enge Bindung zu den Künstlern macht aber auch qualitativ Sinn. „Das Publikum spürt, ob das Ganze so zusammengestückelt ist oder ob Herzblut dahinter steckt.“

Das gute Netzwerk kommt vor allem jetzt zum Tragen. Und Corona zeigt schonungslos, mit wem man durch dick und dünn kann. „Man merkt schnell, wer mitzieht und dir entgegenkommt“, so Böhler. Stefan Mross etwa ist so einer, mit ihm hat man in diesem Jahr bereits zwei Online-Konzerte in abgespeckter Form und familiärer Atmosphäre durchgeführt, mit respektablen Klickzahlen auf Youtube (50.000). Das ersetze natürlich kein Livekonzert und sei natürlich zu viel zum Sterben und zu wenig zum Leben, aber dennoch gut für die Moral. „Es ist wichtig, am Ball zu bleiben, die Fans bei der Stange halten, auch für die Künstler“, weiß Böhler, zumal die meisten eh froh wären, wieder auf der Bühne zu stehen. Entzugserscheinung lässt grüßen.

Aktuell ist für Böhler quasi Hybrid-Planung angesagt, sprich planen der neuen Tourneen auf den Verdacht hin, dass was stattfindet im März, April oder Mai 2021. „In der Regel haben wir ja ein Jahr Vorlauf“, so Böhler. Vertrauen kann er dabei auf eine Angestellte sowie auf die Technikcrew B&HP Weißhaar in Emmendingen.

Als weiteres wichtiges Standbein erweist sich, die Homepage diverser Künstler auf Vordermann zu bringen: Auftritt in sozialen Medien, eben „Dinge, für die meist wenig Zeit ist“. Vorbereiten für Tag X, auf dass man gut dasteht beim Restart. Ohne konkrete Zielvorgaben schon eine Kunst. Weitere Vision ist, künftig Konzerte für ältere Fans, die sich corona-konform nicht mehr auf Großkonzerte trauen, online zu übertragen. „Die könnten einen digitalen Zugang erhalten, vielleicht eine Gratis-CD.“ Star-Lieferung frei Haus sozusagen.

Passend zu neuen Ideen und Konzepten, an denen er seit August bastelt, kam vorige Woche die Zusage für das Förderprogramm „Neustart Kultur“. Wichtig für die Moral, auch wenn es Einnahmeverluste allenfalls abfedern kann. Und die Prognose? „Der Künstlermarkt wird sich neu sortieren“, geht Böhler von einer „natürlichen Auslese“ in einem übersättigten Markt aus. Was es schwierig für Neueinsteiger macht. „Der Konsument wird sich gut überlegen, wo er hingeht.“

Schwere Zeiten für Neueinsteiger

Und wo geht der Weg mit den „Feldbergern“ hin? „Schwer zu sagen“, so Böhler. Am 8. März war der letzte Auftritt des Quartetts, das im Vorjahr noch 100 Auftritte hatte. Der tödliche Unfall von Akkordeonist Chris im Frühjahr bei Forstarbeiten („Die Arbeit im Wald war seine große Leidenschaft“) wirkt immer noch nach, ja lähmt irgendwie. „Das hat uns alle schon hart getroffen“, gesteht Böhler.

Für gute Kunde sorgt indes Filius Carlo (17). Da der jüngere Sohn am Musikbetrieb „eher technisch interessiert“, ist er ins Business eingestiegen, jedoch anders als gedacht. Der Louis-Lepoix-Schüler macht Musikvideos. „Und er hat bereits gut Nachfragen“, berichtet Papa Böhler stolz. Beide nimmt öfters mal mit, auch im Dezember, wenn man bis zu 30 Konzerte hat, mitunter zweimal am Tag und mit kleinem Break vom 23. bis 26. Nur mit Musik aktiv haben sie es derzeit nicht, das Bariton-Saxofon des Musikvereins, wo Mama Uta spielt, liegt in der Ecke. Auch Kindern steht mal der Sinn nicht nach Mucke.

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Erstellt:
7. Januar 2021, 17:00 Uhr
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