Bühlerin ist jüngste Professorin

Bühl (BNN) – Aline Ganninger schickt Klischees in die Versenkung: Die Ingenieurin aus Bühl ist die jüngste Professorin an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg in Karlsruhe.

Begeisterung für die Produktion: Das möchte Aline Ganninger ihren Studentinnen und Studenten vermitteln. Foto: DHBW Karlsruhe/Andrea Fabry

Begeisterung für die Produktion: Das möchte Aline Ganninger ihren Studentinnen und Studenten vermitteln. Foto: DHBW Karlsruhe/Andrea Fabry

Sie ist eine Seltenheit: Die aus Bühl stammende Aline Ganninger ist Professorin für Wirtschaftsingenieurwesen mit dem Schwerpunkt Produktion und Logistik in Karlsruhe an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg. An der Fakultät Technik sind Frauen immer noch deutlich unterrepräsentiert. Aber es ändert sich was.

Aline Ganninger ist 34 Jahre alt. Zugegeben, es ist nicht eben charmant, mit dieser Information zu beginnen. Doch das Alter ist hier nicht unwichtig: Die Bühler Ingenieurin ist die jüngste Professorin an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (DHBW) in Karlsruhe. Und das an einer Fakultät, die nicht unter dem Verdacht weiblicher Dominanz steht: Technik.

Das Gespräch kommt an Klischees nicht vorbei. An solchen, die verstaubt sind, aber auch an solchen, die immer noch Realität abbilden. In ihrer Schulzeit führte sie der Girls‘ Day in ein Industrieunternehmen, wo sie „ein bisschen enttäuscht“ wurde. Selbst löten? Gerne! Aber muss es eine Blume sein? „Das war so ein typisches Mädchenthema“, blickt Ganninger zurück. „Ich wollte, dass sich etwas tut, ein Rollladen rauf oder runter geht, Lichter blinken.“ Den Girls‘ Day schätzt sie trotz dieser Erfahrung als wichtig ein, wenn er denn die Praxis abbildet, direkt aus dem Arbeitsalltag etwa aufzeigt, wo und wann ein Lötkolben gebraucht wird.

„Die Mädels sind im Kommen“

In der Schule, bei der Berufsberatung, immer wieder einmal ging es um vermeintlich geschlechtstypische Festlegungen. Eine Folge solchen Denkens: Während des Bachelor-Studiums war Ganninger unter 70 Studierenden eine von zwei Frauen, beim Master-Studiengang lautete das Verhältnis 2:15. Auch in ihren Vorlesungen in Karlsruhe gelte: „Es ist männerlastig.“ Doch selbst Klischees haben ein Verfallsdatum, und hier rücke es näher. Aktuell sei ein Drittel der Studierenden weiblich, „die Mädels sind im Kommen.“

Die junge Professorin ist selbst ein Beleg für diese These. Im Bachelor-Studium der Pharmatechnik ging es für ein Praxissemester zu Pfizer nach Freiburg, wo es Klick machte. „Ich habe gesehen, was möglich ist“, sagt Ganninger, „in der Produktion ging es ab, und das hat mich begeistert.“ Die Theorie sei auch interessant, „aber es ist etwas anderes, wenn man sieht, wie es läuft.“

Für Ganninger lief es während des Master-Studiengangs auf die Autobranche zu. In Abstatt, wo Bosch ein Entwicklungszentrum betreibt, befasste sie sich mit Fahrzeugversuchen im Rahmen von autonomem Fahren. Für die Abschlussarbeit ging es in die Bussparte von Daimler; Ganninger entwickelte ein Konzept zur Automatisierung des Materialflusses im Omnibus-Rohbau. Nach dem Studium kam sie zu Schaeffler, wo sie zehn Jahre lang arbeitete und weltweit an 75 Standorten die Umstellung von Produktions- und Führungsstrukturen betreute. Hier fand sie auch ihr Thema für die Industriepromotion: das Führungsverhalten im interkulturellen Produktionsumfeld. Dreieinhalb Jahre lang hieß das: abends und an den Wochenenden an der Dissertation arbeiten, und auch auf jedem Flug ihrer vielen Dienstreisen befasste sie sich damit.

Fettnäpfchen in Mexiko

Der Umgang mit Menschen aus verschiedenen Kulturen, das fundierte Einarbeiten in ein Thema, die Verbindung von Theorie und Praxis: Ganninger erkannte, dass ihr das liegt. Ihre Industrie-Erfahrung brachte sie ab 2019 als externe Lehrbeauftragte in den Studiengängen Maschinenbau und Wirtschaftsingenieurwesen der DHBW ein. Das machte Appetit auf mehr. So bewarb sie sich auf eine Ausschreibung und ist seit September nun Professorin für Wirtschaftsingenieurwesen mit dem Schwerpunkt Produktion und Logistik in Karlsruhe.

Die Lehrtätigkeit „macht total Spaß“, ihre Erwartungen hätten sich erfüllt. Ihren Studentinnen und Studenten möchte sie vor allem eines vermitteln: „Die Begeisterung für die Produktion.“ Wie sie das erzählt, offen und neugierig auf Fragen, ist ihre eigene Begeisterung geradezu mit Händen zu greifen. Ganninger schwärmt von der Themenvielfalt, spricht von der auch in der Lehre wichtigen Nachhaltigkeit, und wie sie auch mal das eine oder andere Wort aus der ihr nicht so fernen Jugendsprache einfließen lässt. Und Ganninger erzählt den Studierenden, wenn es um interkulturelle Kommunikation geht, wo Fettnäpfchen lauern: „In einem Schaeffler-Werk in Mexiko war ein Bereich an der Anlage mit Lichterketten geschmückt. Da die Mexikaner sehr gläubig sind, hatte das Produktionsteam sich eine Art Altar eingerichtet, um auch im Tagesgeschäft Gottes Segen zu erbitten. Dass ich das für die bereits identifizierte und markierte Engpassanlage hielt und dort mit der Optimierung beginnen wollte, hat die Leute wenig begeistert.“

Offen berichtet sie davon; der studentische Nachwuchs soll von ihren ganz unterschiedlichen Erfahrungen in der Industrie profitieren können. Diese sind auf der Höhe der Zeit: Zuletzt war Ganninger im E-Mobility-Headquarter von Schaeffler in Bühl für strategische und organisatorische Sonderprojekte zuständig. Ihr eigener E-Liebling steht draußen vor der Tür, das E-Bike, mit dem sie zum Gespräch gekommen ist. Wo die Technik ihren Nutzen entfaltet, ist Ganningers Begeisterung besonders groß und auch ansteckend. Dieses Feuer möchte sie auch im Hörsaal entfachen.

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Ihr Autor

BNN-Redakteur Wilfried Lienhard

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Erstellt:
3. Februar 2022, 09:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 39sec

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