Bühlertäler Olympionike startet in Tokio

Bühlertal (ket) – In der Disziplin über 50 Kilometer Gehen starten Nathaniel Seiler und Carl Dohmann bei den Olympischen Spielen. Los geht es nach mitteleuropäischer Zeit am Donnerstagabend um 22:30.

Akklimatisierung in Shibetsu: Nathaniel Seiler (links) und Carl Dohmann. Foto: Privat

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Akklimatisierung in Shibetsu: Nathaniel Seiler (links) und Carl Dohmann. Foto: Privat

Am Mittwoch hatten dann auch Carl Dohmann und Nathaniel Seiler ihr Ziel erreicht. Im Shuttlebus hatten die beiden Geher aus dem Badischen die knapp 200 Kilometer von Shibetsu nach Sapporo zurückgelegt, dorthin also, wo für sie die Olympischen Spiele stattfinden. Nach mitteleuropäischer Zeit am Donnerstagabend um 22.30 Uhr – das ist Sapporo Ortszeit am Freitagmorgen um 5.30 Uhr – wird der Startschuss für ihren 50-Kilometer-Wettbewerb fallen.

Es wird ein heißer und drückend schwüler Tag für Dohmann und Seiler – das lässt sich jetzt schon sagen. Schrecken kann das die beiden Trainingspartner und Freunde nicht, sie sind schließlich darauf vorbereitet. Bereits zwei Wochen zuvor waren sie via Tokio nach Shibetsu auf der Insel Hokkaido geflogen, um sich dort zu akklimatisieren. Die Bedingungen, die sie dort vorfanden, waren harte, härtere noch als ohnehin schon gedacht. Tagsüber bis zu 34 Grad zeigte das Thermometer – bei einer Luftfeuchtigkeit von bis zu 80 Prozent. Auf Hokkaido spricht man längst von einem Rekordsommer. Carl Dohmann spricht derweil von „unerwartet heißen Bedingungen“ und „Ironie“. Die Geher- und Marathonwettbewerbe waren ursprünglich schließlich nach Sapporo ausgegliedert worden, um der Sommer-Hitze Tokios zu entgehen. Jetzt ist es in Sapporo noch heißer als in der Landeshauptstadt.

Von der haben Dohmann und Seiler noch gar nichts gesehen – außer dem Flughafen. Fünf Stunden dauerte der Zwischenstopp bei ihrer Anreise von Frankfurt vor zwei Wochen. Gefüllt wurde die Zeit mit der Akkreditierung der Athleten, einem weiteren Corona-Test sowie dem Ausfüllen jeder Menge Formulare. „Schon bei den Spielen in Rio war das eine Menge Papierkram“, erzählt Dohmann im Rückblick auf seine ersten Olympischen Spiele vor fünf Jahren. Diesmal war es – nicht zuletzt wegen Corona – noch eine ganze Menge mehr.

Zum japanischen Abend legen die deutschen Geher Kimono an. Foto: Robert Ihly

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Zum japanischen Abend legen die deutschen Geher Kimono an. Foto: Robert Ihly

Corona bestimmt diese Spiele, auch jene von Dohmann und Seiler natürlich. Die Tage von Shibetsu verlebten sie zusammen mit den anderen deutschen Gehern, der deutschen Marathonmannschaft sowie dem Betreuerstab in „kompletter Isolation“, wie Dohmann zu berichten weiß. In der Praxis sah das so aus, dass die deutsche Delegation das sechste und siebte Stockwerk eines Hotels bewohnte und diese lediglich zu Trainingszwecken verlassen durfte. Selbst beim Weg auf die für Seiler und Co. eigens abgesperrte Trainingsstrecke wurde auf strikte Abschirmung geachtet: Während die deutschen mit dem Lift nach unten fuhren, mussten die ebenfalls im Hotel untergebrachten japanischen Athleten die Treppe nehmen.

Von Land und Leuten haben Dohmann und Seiler bislang entsprechend wenig bis nichts zu sehen bekommen, die Strecke zwischen Hotel und Trainingsareal einmal abgesehen – und natürlich jenen kleinen Ausflug in die Stadt Shibetsu ausgenommen, den sie sich in ihrem ihnen zugeteilten Kleinbus gegönnt haben. Das Wenige, das sie von Japan und seinen Menschen, in erster Linie das Hotelpersonal, erlebt haben, hat ihnen freilich gefallen. „Die Menschen sind alle höflich und äußerst bemüht, alles zu tun, damit es uns gut geht“, sagt Dohmann. Einen japanischen Abend, an dem es nicht nur Sushi gab, sondern auch die Anleitung, wie man einen Kimono sachgerecht anlegt, schließt das ebenso ein, wie jener deutsche Tag an der Schule, im Rahmen dessen Dohmann und Seiler von Schülern per Videoschalte auch ein paar Worte Japanisch beigebracht wurde.

Das Training in den beiden Wochen von Shibetsu stand ganz im Zeichen von „Tapering“, also dem langsamen Zurückfahren der Trainingsleistung, um am Tag des Wettkampfs möglichst viel Energie im Tank zu haben. Zwei Mal ging es über 25 Kilometer, hinzu kam noch die ein oder andere Tempoeinheit, nie ging es dabei an die Belastungsgrenze.

„Zwischendurch war´s langweilig“

Da blieb viel freie Zeit – und es gab wenig Möglichkeit, diese zu füllen. „Zwischendurch war’s langweilig“, erzählt Dohmann. „Da muss man halt durch. Außerdem bietet es die Chance, noch mehr in sich zu kehren“, so der Athlet des SCL Heel Baden-Baden. Nicht jedem sei dies freilich so gut gelungen wie ihm und Trainingspartner Seiler.

Jetzt also Sapporo, der letzte Akt. In Bälde geht es los. Endlich! Während die anderen deutschen Geher bereits am Montag an den Ort des Wettkampfs gefahren sind, haben Dohmann und Seiler sich zusammen mit Robert Ihly, ihrem Trainer, dazu entschlossen, noch zwei weitere Tage in der Ruhe und Abgeschiedenheit Shibetsus zu bleiben und erst am Mittwoch nachzureisen. „Zwei Tage vorher sollten reichen“, sagt Dohmann, zumal die klimatischen Begebenheiten identisch sind.

Heiß wird’s, wie gesagt. Noch schlimmer freilich ist die hohe Luftfeuchtigkeit. „Die Bedingungen werden fast wie in Doha sein“, stellt Dohmann fest. Er hat da prinzipiell nichts dagegen. Bei der Wüsten-WM vor zwei Jahren ist er Siebter geworden. Es ist das international bislang bestes Ergebnis des 31-Jährigen. „Hitze kommt mir entgegen“, sagt er nicht zuletzt deshalb.

Auch Nathaniel Seiler lässt sich von den äußeren Bedingungen nicht kirre machen. Der Geher des TV Bühlertal, der in Sapporo seine ersten Olympischen Spiele erlebt, ist ohnehin einer, der in sich ruht und für seine erst 25 Jahre schon über enorm viel Erfahrung verfügt. Bereits vor seiner Abreise nach Japan hat er im BT-Interview gesagt: „Die klimatischen Bedingungen sind mir egal. Ich bin auf alles eingestellt.“ Mehr noch – Seiler hat der Hitze sogar Gutes abgerungen: „Wenn es heiß wird, gibt es mehr Ausfälle und es steigt damit die eigene Chance, weiter nach vorne zu kommen.“

Wohin das führen soll nach rund vier Stunden und exakt 50 Kilometern? Dohmann, so sagt er, will das Rennen die ersten 30 Kilometer wie immer eher kontrolliert angehen, um dann aus seinem schmalen Körper rauszuholen, was noch drinne steckt. Seiler hat durchaus Ähnliches vor – und präzisiert dieses sogar: „Wenn ich unter die schnellsten 20 käme, wäre das echt genial“, sagt er.

Ihr Autor

BT-Redakteur Frank Ketterer

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Erstellt:
5. August 2021, 17:44 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 58sec

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